Der Riese macht das halbe Tausend voll

Gunter Spies ist seit zehn Jahren Darsteller des Riesaer Stadtmaskottchens. Jeden seiner 500 Auftritte hat er festgehalten - auch das Jubiläum beim Karneval in der 4. Grundschule Riesa, zu dem ihn der Hort "Am Kirschberg" am 4. März eingeladen hatte. Danach stand er mir Rede und Antwort.

 
Woher kam damals die Idee, den Riesen darzutellen - hatte er bis 2004 doch ständig wechselnde Darsteller?
Tja, damals rückte das fünfjährige Jubiläum des Riesenhügels näher. Wir haben im Team überlegt, was wir dazu machen könnten. Da hatte die Bereichsleitung vom HammerBräu die Idee, das Jubiläum mit einem 5-Gänge-Riesenmahl zu feiern. Doch einfach nur alles hintereinander wegzuessen, dass schafft keiner. So wurde überlegt, was man anbieten kann, damit die einzelnen Gänge auch verdaut werden können. Also musste ein Programm die Gänge zeitlich strecken. So kam die Idee, dass der Riesaer Riese die Gäste begrüßt und zwischendurch abwechselnd mit einem Barden auftritt. Mein Chef rief mich dazu im September 2004 zu sich und gab mir den Auftrag, ins Museum zu fahren, um zu schauen, ob mir das Riesenkostüm passen würde, da ich als Braumeister mit Führungen ja schon fünf Jahre Erfahrungen am Gast hätte. Und siehe da: Es passte wie angegossen.
 
Wie lief denn dann Ihr erster Auftritt als Riese?
Der war dann am  10.Sepember 2004 im Schalander des HammerBräu vor 44 Gästen.
Da alles wunderbar geklappt hatte, beschlossen wir, das Riesenmahl auch für andere Interessierte anzubieten. Das habe ich bisher über 80 Mal durchgeführt, allerdings ohne Barde, sondern allein in unterschiedlichen Verkleidungen als Riese, als Touristenführer, als Mönch, als Braumeister und als Stahlwerker.
 
Ein erstes Jubiläum war die 100. Was sagen Ihre Notizen dazu?
Das war am 7. Februar 2007 ein Dankeschön-Auftritt in der Mittelschule in Merzdorf vor drei fünften Klassen. Sie hatten sich an einem Malwettbewerb beteiligt unter dem Motto "Mein schönster Platz in Riesa".
 
Können Sie sich an Ihren schönsten Auftritt erinnern?
Das ist schwer zu beantworten. Eigentlich ist der nächste Auftritt immer der schönste.
 
Und welcher war der denkwürdigste?
Das ist genauso keine leichte Antwort. Ich freue mich auf jeden Auftritt, gerade zu den Riesaer Stadtfesten. Aber ich war auch schon in Dresden, Leipzig, Chemnitz, Halle, Lichtenstein, in England in unserer Partnerstadt Rotherham, in Dänemark,  zwei Mal in Berlin, mehrfach im Fernsehen und live im Deutschlandfunk Radio. Zum Fest der 20-jährigen Wiedervereinigung habe ich auf Einladung hinter dem Finanzministerium in Dresden den gesamten Landkreis beworben. Auch in das Wasserbett der Riesen-Suite durfte ich mich schon einmal reinlegen und die Stiefel anbehalten. Ich habe Olympioniken auf dem Dresdner Flughafen abgeholt, da kann man sich denken, wie misstrauisch das Sicherheitspersonal war. Ich habe die Stadt Riesa auf unzähligen Maskottchentreffen vertreten und in der Erdgasarena bei vielen Veranstaltungen die auswärtigen Gäste begrüßt. In Roßlau durfte ich für Riesa die Flagge zum Tag aller Elbestädte hochziehen man kann sich denken, welche als erste oben war. Halt, halt, da fällt mir doch noch was ein. Eines Tages stand der Schrottkünstler Lutz Peschelt vor mir und erklärte mir: "Ich begehre Deinen Körper" Besser gesagt meine Torso. Ja, da hab ich auch gestutzt. E bekam ihn, hat ihn in Beton nachgeformt und ist in seiner Skulptur nun vor dem Rohrforschungszentrum in Gröba zu bewundern.
 
Sie sind ein gefragter Mann. Mussten Sie deshalb auch schon mal Einladungen ablehnen?
Leider kommt es immer wieder vor, dass man glaubt, der Riese hat immer Zeit. Aber der Darsteller hat ja auch eine Job, und wenn das zeitlich nicht passt, dann geht der Job natürlich vor  und muss es auch.
 
Ist der Riese unfehlbar? Oder gab es auch Pannen?
Eine Panne? Ja klar. Als ich 2005 in England als Riese war, durfte ich die Keule nicht mit in die Kabine nehmen - das wäre ja ne Waffe. Zwei Biersiphons aus Glas durften mit rein. Also musste ich die Keule als Gepäck aufgeben. Auf dem Flughafen in London fehlte dann von der Keule die untere Hälfte, sie war abgebrochen und ist bis heute verschollen. Das war mir schon sehr peinlich, hatte ich die Keule ja nur ausgeliehen und versprochen, gut auf sie aufzupassen. Nach meiner Rückkehr hat der Besitzer Herr Krettek einen neuen Schaft drangezaubert.
 
Ist Riesa ohne den Riesen denkbar?
Ich brauche ja viele Leute - nicht zuletzt die Medien -, um dem Stadtmakottchens zu Popularität und Erfolg zu verhelfen. Denn ein Maskottchen ist, so komisch das jetzt vielleicht wirkt, wie ein Witz. Ja, so ist es! Beide sind immer auf Publikum angewiesen. Und an die, die an das Maskottchen glauben. Ob Riesa auch ohne mich auskommen kann? Das ist eine gemeine Frage. Genau so ob Hameln einen Rattenfänger und Bremen die vier Stadtmusikanten unbedingt braucht. Klar ist Riesa ohne Riesen denkbar, doch nur mit einem  un- davor. Hätten wir doch keine Riesenolympiade, keinen Rieseneiche und keinen Riesenhügel.
 
Gespräch: Thomas Riemer

 

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