Freie Fahrt durch Berlin

Freifahrt durch Berlin

Inline-Speedskating. Großenhains Vorzeigeathletin Ute Enger beendete am Sonnabend die Saison beim Berlin-Marathon. Das Triple hatte sie schon vor dem Start in der Tasche.

Von Thomas Riemer (Foto: Gert Enger)

Es war kein Wertungsrennen mehr. „Aber Berlin ist Berlin. Der größte Marathonlaufmit tausenden Skatern. Das Flair und die Organisation sind gigantisch“, begründet Ute Enger, warum sie am Sonnabend zum x-ten Male in dieser Saison die 42 Kilometer lange Strecke auf Skatern in Angriff nahm. Schon am Abend zuvor konnte sie ihre Aufregung kaum verbergen. „Ich habe jetzt schon Gänsehaut, wenn ich vorn in der ersten Startreihe stehe und dahinter tausende Skater“, beschrieb sie ihre Gefühlslage. Um die 6000 Skater aus aller Welt gingen dann am Samstag halb vier auf die rasante Fahrt durch die Berliner Innenstadt mit Start und Ziel am Brandenburger Tor. Für Ute Enger, die im Frauen-Klassement nach einer Stunde, 16 Minuten und 31 Sekunden auf einem tollen 32. Platz einkam und obendrein die Altersklassenwertung der AK 50 gewann, ein doppelter Genuss. Denn die 50-Jährige hatte in diesem Jahr freie Fahrt auf den Straßen der Hauptstadt, konnte sich die nicht unerheblichen Startgebühren sparen. Den Veranstaltern sei dank. Sie hatten der Vorzeige-Athletin vom Großenhainer Rollsportverein kurz vor Weihnachten 2013 eine ganz besondere Überraschung bereitet. Für ihre tolle Leistung beim Berlin-Marathon vor einem Jahr erhielt sie eine wunderschöne Goldmedaille sowie einen Freistart bei der Veranstaltung 2014. „Die Ehrung kam per Post vom Veranstalter, sehr überraschend für mich", sagte Ute Enger damals. Immerhin aber hatte sie ein Vierteljahr vorher beim Berlin-Marathon ebenfalls in ihrer Altersklasse  gewonnen, wurde Gesamt-23. mit gerade mal sechs Sekunden Rückstand zur Zweiten.

2014 wird für Ute Enger  – erstmals in der AK 50 startend – ein unvergessliches Jahr bleiben. Denn schon bei den Wettkämpfen vor Berlin sorgte sie für Furore.  Zuletzt bei den Deutschen Meisterschaften der Speedskater im Marathonlauf in Bielefeld Mitte September. Dabei war sie doch ziemlich geschlaucht. „Mal sehen, ob die Kräfte zum Saisonende hin noch reichen“, sagte sie einen Tag vor dem Wettkampf. Aber Bangemachen gilt  nicht – schon gar nicht für die amtierende Welt- und Europameisterin der Masters der Ü50 über die langen Kanten. Immerhin winkte der Sportlerin vom Großenhainer Rollsportverein bei einem Sieg das „Triple“ in diesem Jahr.

Und die 50-Jährige schaffte es tatsächlich, in ihrer Altersklasse als Erste den Zielstrich zu überqueren. Damit nicht genug. Denn bei ihrem souveränen Erfolg ließ sie auch diesmal eine ganze Reihe jüngerer Teilnehmerinnen hinter sich und war unter anderem schneller als die Deutschen Meisterinnen der Altersklassen 30, 35 und 45. Von den Masters-Starterinnen war nur Claudia Pechstein in der AK 40, immerhin noch immer eine der weltbesten Eisschnellläuferinnen, vor ihr im Ziel.  Ein „Spaziergang“ war es trotzdem nicht. „Die Strecke war sehr anspruchsvoll“, sagt Ute Enger. Sie führte auf der Bielefelder Stadtautobahn auf einem Rundkurs entlang, hatte eine steile Abfahrt „und demzufolge auf der anderen Seite einen sehr steilen Anstieg von rund 300 Metern“. Den mussten die Wettkämpfer gleich sechs Mal bewältigen. Trotzdem konnte sich die Großenhainerin von Anfang an in der Spitzengruppe festsetzen, leistete mit Claudia Pechstein jede Menge Führungsarbeit. Gemeinsam fuhr das Duo dann von den anderen Masters-Läuferinnen weg, holte sogar die Athletinnen der eine Minute vorher gestarteten AK 30 ein. Die „jungen Hüpfer“ der Aktiven und Junioren waren jedoch nicht zu halten. Die letzten zehn der diesmal „nur“ 41,5 Kilometer lief Ute Enger dann ihr eigenes Tempo und dem Sieg entgegen. „Nun habe ich das Gesamtpaket in diesem Jahr geholt“, freut sich die 50-Jährige. Zum zweiten Mal übrigens, denn 2012 gelang ihr dieses Kunststück des Triples von WM-, EM- und Deutschem Meistertitel ebenfalls.

Auch der zweite Großenhainer im Bielefelder Starterfeld kam zu Medaillenehren. Für Eyk Terpe, der im Frühsommer in Großenhain bei einem Sturz noch schwer an der Schulter verletzt wurde, ist der zweite Platz in der AK 50 ein versöhnlicher Saisonabschluss. Er hielt sämtlichen Attacken seiner unmittelbaren Konkurrenten auch am Berg stand. Im Ziel fehlten lediglich zwei Meter zu Gold. Dennoch ist der Nasseböhlaer überglücklich.

Nach den Deutschen Marathonmeisterschaften in Bielefeld ist nun auch die Entscheidung im Kampf um den "Goldenen Inliner" gefallen. Diese Trophäe wird an den Verein übergeben, der bei den allen Deutschen Meisterschaften in der abgelaufenen Saison am erfolgreichsten war. Der Großenhainer Rollsportverein belegte dabei in diesem Jahr den dritten Platz. Den Sieg sicherte sich Blau-Gelb Groß-Gerau vor Titelverteidiger RSV Blau-Weiß Gera.  In die Top-Ten der deutschen Vereine liefen auch der SSF Heilbronn, die ERSG Darmstadt, der SC DHfK Leipzig, der TSuGV Großbettlingen, der SC Allgäu, der SFC Rheinstetten und der 1.FC Nürnberg hinein. Insgesamt konnten sich 62 Vereine Medaillen bei den Deutschen Meisterschaften, die in Hattingen, Groß-Gerau, München und Bielefeld ausgetragen wurden, sichern.

Für Ute Enger ist die Saison jetzt tatsächlich zu Ende. Vier Wochen Pause will sie sich gönnen und noch nicht an 2015 denken. Auch nicht an einen möglichen neuerlichen Freifahrtschein für den Berlin-Marathon, den sie sich am Sonnabend eventuell erlaufen hat.  „Mal schauen, wie ich über den Winter komme“, so Ute Enger.

Nach oben