Vor 20 Jahren den Freitod gewählt

Der frühere Umweltamtsleiter Ulrich Baer verbrannte sich am 23. September 1994 auf einer Müllhalde. Er wollte ein Zeichen setzen. Aber welches?

Von Thomas Riemer

War es eine Kurzschlusshandlung oder kühl berechnet und lange geplant? Auch 20 Jahre nach dem Selbstmord des damaligen Leiters des Umweltamtes in der Riesa-Großenhainer Kreisverwaltung, Ulrich Baer, gibt es zumindest offiziell keine Antwort auf diese Fragen. Der damals 56-Jährige hatte sich am 23. September 1994 auf einer illegalen Müllkippe zwischen Skassa und Wildenhain selbst verbrannt. Ein eher zufällig vorbei kommender Passant hatte das Szenario bemerkt. Eine Rettung für Baer, der - auf einem brennenden Holzstapel  kauernd - verkohlt sein soll, war nicht mehr möglich. Polizei und Staatsanwaltschaft ließen unmittelbar nach den ersten Ermittlungen keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Selbsttötung handelt.

Ulrich Baer hinterließ zwei Abschiedsbriefe. Während der Inhalt des Schreibens an seine Familie nicht bekannt wurde, ließ der zweite Brief genügend Raum für Mutmaßungen. Adressiert  war er an die Lokalredaktion Großenhain der Sächsischen Zeitung. „Ich möchte ein Zeichen setzen für die Menschen und die Umwelt. Ich weiß, worum es geht“, so Baer, der seinen Abschied auf einer Schreibmaschine getippt und handschriftlich mit seinem Namenszug unterzeichnet hatte.

Ein Zeichen setzen – aber welches? Im früheren Kreis Großenhain, in dem Baer seit Anfang 1993 als Umweltchef arbeitete, war er als eher unauffälliger Mann bekannt. Ein Amtsleiter wie viele andere auch, der sensibel auf Kritik in der Öffentlichkeit reagierte, kleine Erfolge nicht an die große Glocke hing. Gummistiefel und Anorak gehörten zum ständigen Inhalt seines Kofferraumes. An freien Wochenenden oder auch nach Dienstschluss überzeugte er sich oft gern persönlich von dieser oder jener Angelegenheit. So war der in dieser Zeit von der Austrocknung bedrohte Vierteich nahe Freitelsdorf eins der Hauptthemen in seinem Amt. Allerdings stießen Baer und seine Mitarbeiter dort offenbar an ihre Grenzen. Nicht nur in diesem Zusammenhang hatte Baer daher beklagt, dass die untere Umweltschutzbehörde zu wenig Mitspracherecht genießt. „Viele Zuständigkeiten (werden) per Verordnung oder Erlaß einfach von oben nach unten delegiert", offenbarte er seine Auffassung im Abschiedsbrief an die SZ. War es das, was den Amtsleiter den Sinn der eigenen Arbeit anzweifeln ließ? Oder war es der Frust, dass es „im Kreis Riesa-Großenhain seit seinem Bestehen fast nur um den Haushalt (geht) - und das mit eiserner Bürokratie“.

Baer hinterließ nicht nur damals ratlose Familienangehörige, Mitarbeiter des Landratsamtes und Bekannte. Erst gut anderthalb Monate vor der Tat war die Kreisgebietsreform in Sachsen in Kraft getreten, mit der die Altkreise Riesa und Großenhain unter einem Verwaltungsdach vereint wurden. Einen Tag vor seiner Selbstverbrennung soll sich Ulrich Baer einen Rüffel seines neuen Chefs, des damaligen Landrates Rainer Kutschke (CDU), eingefangen haben, weil er bei einer Sitzung des Umweltausschusses eine Haushaltstelle nicht sofort untersetzen konnte. Kutschke selbst erreichte die Todesnachricht seinerzeit im Urlaub. Sein Stellvertreter Kurt Thiel (SPD) verneinte, dass irgendjemand aus dem Landratsamt Ulrich Baer unter Druck gesetzt habe. Die als kommissarische Amtsleiterin eingesetzte Katrin Berthold, vorher Baers Stellvertreterin, räumte gegenüber der SZ ein, dass Baer mit der Führung des Umweltamtes durchaus überfordert gewesen sein könnte, vielleicht auch zu sehr auf den Umweltschutz fixiert war. Der sei aber von Fragen der Wirtschaftsförderung nicht mehr zu trennen, so Berthold am 25. September 1994.

Ulrich Baer war zu Jahresbeginn 1993 Umweltamtsleiter im ehemaligen Kreis Großenhain geworden. ZU DDR-Zeiten arbeitete der  in Hoyerswerda wohnende Chemiker im Chemiewerk Schwarzheide, wanderte1989 zunächst in den Westen aus, um später nach Sachsen zurückzukehren. Besonders lagen ihm in seiner Amtszeit in Großenhain die Umweltfragen auf dem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz sowie das vom Wassermangel bedrohte Gebiet rund um den Vierteich Freitelsdorf nahe Radeburg am Herzen. Als zuverlässigen und eher unauffälligen Mitarbeiter charakterisierte der frühere Großenhainer Landrat Armin Ibisch (CDU) seinen damaligen Umweltamtsleiter. Ein Arbeiter im Verborgenen, im stillen Kämmerlein. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Baer während seiner Amtszeit allein in einer Pension in Bauda lebte und dort auch nicht polizeilich gemeldet war. Seine Familie, Frau und drei erwachsene Kinder, war in Leimen bei Heidelberg geblieben.  

Riesa-Großenhainer Kreisräte forderten in der ersten Kreistagssitzung nach Baers Suizid einen Untersuchungsausschuss. Der sollte die Umweltpolitik des Landkreises und die Umstände, die zu der Tragödie führten, unter die Lupe nehmen. Dazu kam es letztlich nicht. Immerhin wurde im Freitelsdorfer Gebiet die Austrocknung des Vierteichgebietes gestoppt. Auch auf dem Großenhainer Flugplatz investierte der Freistaat mehrere Millionen Euro zur Altlastenbeseitigung. Die illegalen Müllhalden, die nach der Wende in Ostdeutschland ins Kraut schossen und von denen Baer eine als seinen Tatort wählte, gehören in dieser Größenordnung der Vergangenheit an.

Der mediale Nachhall in Deutschland war zunächst groß. Die Zeitung „Neues Deutschland“ titelte in einer Ausgabe „Freitod als Fanal gegen Sachsens Müllberge“, ohne weitergehende Erkenntnisse vortragen zu können. Der Fernsehsender RTL recherchierte in der Region zu dem Thema, führte Interviews mit vermeintlich Beteiligten, war unter anderem mit Kamera und Mikrofon in der Großenhainer SZ-Redaktion. Die Reportage wurde nicht gesendet, fiel stattdessen dem Fährunglück der „Estonia“ mit 852 Toten, das am 28. September 1994 geschah, zum Opfer.

Ganz vergessen ist die Selbstverbrennung Ulrich Baers allerdings doch nicht. Dafür sorgten Simon Gmünder und Denise Hofer mit einer Semesterarbeit an der Professur für Umweltnatur- und Umweltsozialwissenschaften der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich im Jahr 2007 „Selbstopfer für Belange der Umwelt“ ist die Arbeit überschrieben. Zehn Fälle wurden untersucht, darunter der von Ulrich Baer. „In unserer Arbeit versuchen wir, den Antriebs- und Hintergründen einer solchen Tat auf die Spur zu kommen, um einen wissenschaftlichen Zugang mittels fallorientierter Analyse als Grundlage zur weiteren Erforschung zu erarbeiten“, begründeten die beiden Autoren ihr Anliegen. Ihr Gesamtfazit: „Die aktiven Selbstopfer weisen vorgängig ein enorm hohes Engagement auf. Zudem waren sie auch als Einzelkämpfer aktiv. Ihr Ziel verfolgten sie seit Jahren und erbrachten große Opfer. Es wurde zu ihrer Lebensaufgabe.“ Was den tragischen Tod des Riesa-Großenhainer Umweltamtsleiters betrifft, lassen auch Gmünder und Hofer eine gewisse Ratlosigkeit durchsickern: „Dass sich (…) ein Mensch für die Belange der Umwelt derart stark einsetzt, dass er bereit ist, sein Leben zu opfern, ist ein kaum dokumentiertes Phänomen.“

 

(Anmerkung: Dieser Text entstand zur Veröffentlichung am 23. September 2014. Ich habe dazu einen ganz besonderen Bezug. Denn besagten Brief an die SZ-Lokalredaktion erhielt ich als damaliger verantwortlicher Redakteur. T. R. - 23. September 2014))

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