Heinrich ist tot!

Heinrich ist tot!

Ein stolzer Hahn aus Großenhain-Zschieschen sorgte im Frühjahr 2013 für einen deftigen Nachbarschaftskonflikt. Jetzt ist Ruhe. Vielleicht.

"Heinrich! Mir graut's vor dir!" Familie S. aus dem Großenhainer Stadtteil Zschieschen kann ihre Vorbehalte jetzt endgültig ad acta legen. Denn Heinrich ist tot! Der stolze Hahn in ihrer Nachbarschaft starb am Mittwoch. Plötzlich und unerwartet. Todesursache ist wahrscheinlich Altersschwäche. "Er ist einfach von der Stange gefallen", bestätigt sein Besitzer, der anonym bleiben möchte.

Das hat seinen Grund. Denn Heinrich war im Frühjahr des vergangenen Jahres Auslöser einen vehementen Nachbarschaftsstreits zwischen Besitzer und Familie S. Auch umliegende Bewohner mischten sich in die Debatte ein.  Weil der gefiederte Geselle morgens Punkt vier Uhr sein Hahnengeschrei eröffnete, fühlten sich S. um den Schlaf gebracht. Die leidenden Eigenheimbesitzer schalteten sogar Polizei, Ordnungsamt und den Großenhainer Friedensrichter ein. Selbst Anwälte  wurden bemüht, um zu klären, wie laut Heinrich eigentlich krähen darf.

Eine befriedigende oder gar juristisch einwandfreie Antwort fand keiner der Involvierten. In der Großenhainer Polizeiverordnung heißt es lediglich, dass Tiere so zu halten sind, „dass niemand durch anhaltende tierische Laute mehr als nach den Umständen unvermeidlich gestört wird“. Auch eine juristische Auseinandersetzung in den Altbundesländern konnte als "Musterprozess" nicht dienen. Dort hatte vor Jahren ein Hotel- gegen einen Hahnbesitzer geklagt. Der Hotelier hatte eine private Lärmmessung angezettelt – 100 Dezibel war das Ergebnis, „vergleichbar mit einem Rockkonzert“. Eine unabhängige Messung ergab lediglich 40 Dezibel – vergleichbar mit einem „leisen Wellensittich“. Der Hotelbesitzer ahnte Schlimmes: Vor der Messung sei der Hahn mit Valium behandelt worden, um das Tier zu beruhigen, so seine Vermutung. Der Hahn quasi als Doping-Sünder! Inzwischen ist Ruhe eingekehrt – das Tier landete im Kochtopf.

Immerhin: Ein Tierhalter kann laut einem Gerichtsentscheid von 1986 des Landgerichts München dazu gezwungen werden, „den Hahn während der Ruhezeiten sowie an Sonn- und Feiertagen in der Zeit der Mittagsruhe in einem schalldichten Stall unterzubringen“. Aber nicht zu lange – wegen der Vorschriften zur tiergerechten Haltung. Ob in besagtem Fall der Hahn tatsächlich zwischen 12 und 14 Uhr seinen Schnabel hielt, ist nicht überliefert.

Familie S. witterte derweil eine Verschwörung der Behörden und ihres ungeliebten Nachbarn. Der habe Heinrich extra so platziert, dass sie gestört wird, glaubten sie. Der Eigentümer konterte. Heinrich lebt inmitten gackernder Hennen hinter einem Maschendrahtzaun und sei ein friedliches Tier. Dass er morgens und auch am Tag mal kräht, sei doch völlig normal, hielt er entgegen.

Das ist nun vorbei. Nach großem Medieninteresse vor einem Dreivierteljahr interessierte sich für das Ableben kaum jemand. Ein stiller Tod. Angesichts der Todesumstände dürfte Heinrich nicht einmal im Kochtopf landen, sondern wohl seine letzte Ruhestätte auf der grünen Wiese finden. Ob es nun eine gute oder schlechte Nachricht ist: Für Nachwuchs hat der tierische Unruhestifer dank der gackernden Hennen in seinem Umfeld ausreichend gesorgt. (rt)

(Dieser Beitrag wurde am 4. Februar 2014 auf diese Seite eingestellt. Ein erster Beitrag dazu erschien im April 2013 und ist hier unter "Textauswhl 2013" nachzulesen.)

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