Leipziger Heimsieg in Großenhain

Die B-Jugend-Handballer des SC DHfK werden in der Röderstadt Deutscher Meister. Den Gastgebern winkt jetzt sogar ein internationales Spiel.

Von Thomas Riemer

Tino Stelzl kommentiert jeden Spielzug. „Abwehr im Kreis“, ruft er aufgeregt ins tobende Areal der Großenhainer Rödertalhalle – es geht in der allgemeinen Begeisterung unter. Als Vorsitzender des hiesige Handballclubs fiebert Stelzl bei jeder Aktion mit, als wären es Großenhainer Teams, die auf dem Parkett ums Ganze spielen. Aber: Es sind Mannschaften der Füchse Berlin, des TV Großwallstadt, des VfL Gummersbach sowie des SC DHfK Leipzig, die um die Krone des deutschen Handballs in der B-Jugend kämpfen. „Wir hatten gerade einmal zwei Wochen Zeit, um die Endrunde zu stemmen“, sagt Tilo Hönicke. Er ist Bürgermeister von Großenhain, an diesem Wochenende aber mehr Vater eines der wichtigsten Akteure auf dem Handballboden. Denn Sohnemann Jonas gehört zum Aufgebot des SC DHfK Leipzig, der offiziell als Gastgeber des „Final Four“ fungiert. Dass die Messestädter die Ausrichtung an Großenhain weitergaben, hat gute Gründe. Sieben Röderstädter Talente fanden in den letzten Jahren den Weg zur Sportschule. Zwei gehören zum Aufgebot der B-Jugend – neben Jonas Hönicke ist es noch der 16-jährige Tom Schulz. Mit mehr als zwei Metern Größe ist Tom der „Turm in de Schlacht“, auch wenn er diesmal nur als Wechselspieler auf der Bank Platz nimmt.

Im Gegensatz zu Jonas. Im vierten Jahr in Leipzig, hat er in der DHfK-Mannschaft die Kapitäns- und Schlüsselrolle. Als die Leipziger im zweiten Halbfinale am Sonnabend auf den VfL Gummersbach treffen, tobt der Bär in der Halle. Es ist das erwartet schwere Spiel. Nach elf Minuten liegt Gummersbach 8:5 vorn, vier Minuten später erzielt Jonas Hönicke mit seinem schon dritten Treffer und einem raffiniert verwandelten Siebenmeter den Ausgleich. Mit 13:13 geht es in die Kabine zur Pausenansprache. Auch in Hälfte zwei kein anderes Bild. Es geht hin und her. Weniger Tore fallen, dafür muss das Wischkommando öfter aufs Parkett. Klar, die Kräfte schwinden ob des rasanten Tempos. Auch bei Jonas Hönicke. „Er ist ein bisschen übermotiviert“, konstatiert Vater Tilo auf den Rängen und pumpt die Posaune für den nächsten Angriff hoch. Als Jonas dann einen Strafwurf „liegenlässt“ und Gummersbach in Führung geht, scheint das Ausscheiden besiegelt. Denkste. Sechs Sekunden vor Schluss schafft Leipzig das 21:21. Verlängerung. Tilo Hönicke mag nicht mehr hinschauen, verschwindet kurz in den Katakomben. Zum Jubel über den 25:23-Sieg der DHfK ist er wieder auf dem Parkett, umarmt jeden Leipziger persönlich. „Ruhig“ ist zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nur einer in der Zuschauerschar: Jugend-Bundestrainer Christian Schwarzer. Er sitzt schweigend in der entlegensten Ecke und macht sich eifrig Notizen. Gleich vier Leipziger gehören zum Kader der B-Jugend-Nationalmannschaft. Und Jonas Hönicke dürfte nach diesem Turnier ein dickes Ausrufezeichen in den Mitschriften des Trainers bekommen. Auch wenn der beim Finale des SC DHfK am Sonntag gegen die Füchse Berlin nicht mehr gesichtet wurde. Die Hauptstädter bezwangen in einem nicht weniger spannenden Halbfinale den TV Großwallstadt mit 28:25.

Eigentlich findet die Endrunde seit Jahren traditionell in Berlin statt. Die Hauptstadt hat diesbezüglich bei den Offiziellen des Deutschen Handball-Bundes (DHB) einen kleinen Bonus, zumal dessen Vizepräsident ein „Fuchs“ ist. „Wir haben uns einfach beworben und ordentlich gegengehalten“, so Tilo Hönicke. Das war nicht leicht, denn der DHB stellt für solche Events hohe Ansprüche. Die Größe der Halle, das Licht, die sanitären Einrichtungen, Möglichkeiten für die obligatorischen Dopingkontrollen wurden im Vorfeld unter die Lupe genommen. Hinzu kommen die Möglichkeiten für die Unterbringung inklusive Übernachtung der teilnehmenden Teams, Verpflegung. Am Ende machte Großenhain das Rennen. Auch, weil sämtliche HC-Mitglieder und ihre Eltern mit Vollgas in die Vorbereitung und Abwicklung des Turniers eingebunden werden konnten. „Da mussten wir niemanden lange bitten“, lobt Tilo Hönicke das Engagement.

Das sollte belohnt werden – natürlich mit dem Meistertitel für den SC DHfK. Gegen die Füchse Berlin galten die Messestädter zwar eher als Außenseiter. Aber was heißt das schon angesichts einer tobenden Zuschauermenge, die das Team um Jonas Hönicke immer wieder nach vorn treibt. Länderspiel-Atmosphäre gleich zum Auftakt – bei der Nationalhymne. Dann geht es zur Sache. Leipzig erwischt den besseren Start (3:1). Als Jonas Hönicke beim 12:10 einen Strafwurf nicht verwandelt, geht es statt mit drei Toren Vorsprung lediglich mit einem mageren Törchen pro Leipzig in die Kabinen. Dann die Vorentscheidung: Beim 14:11 sind es erstmals drei, beim 21:15 sogar sechs Tore Vorteil für den SC DHfK. Berlin kommt zwar mit drei Treffern in Folge noch einmal heran. Aber Leipzig schießt nun sogar Tore in Unterzahl und gewinnt am Ende mit 25:21. Der Drops ist gelutscht. Sektkorken knallen, Trikots fliegen durch die Luft, jeder umarmt jeden. Auch die neuen T-Shirts sind – als hätten’s die Betreuer geahnt – wie auf Bestellung da: „Deutscher Meister 2014 – SC DHfK Leipzig“. Die Halle bebt. Spielerfreude wie im Kinderkreis, La-Ola-Welle fürs begeisterte Publikum, Konfetti auf den Rängen. Wie bei einer Weltmeisterschaft! Applaus auch von den Geschlagenen. Hinter den Berliner Füchsen freuen sich die Gummersbacher über Bronze nach einem 27:23 im „kleinen“ Finale gegen Großwallstadt.

Tilo Hönicke ist einer der Ersten, die die Halle verlassen. „Am Sonntag wird auf jeden Fall gefeiert“, hatte er schon vor dem Finaltag angekündigt. Jetzt wird er den Grill für die Fete in der ehemaligen Faustballbaracke am Stadtpark anwerfen. Nicht nur, weil Sohn Jonas jetzt Deutscher Meister ist, schwingt Stolz in der  etwas heiseren Stimme mit. Denn als Bürgermeister hat er es auch geschafft, den Großenhainer Sportpark im Husarenviertel anzupreisen. Mehrere Nachwuchs-Teams des SC DHfK kommen im Sommer zu Trainingslagern in die Röderstadt. Mitgereiste Leichtathleten aus Gummersbach haben ebenfalls wegen eines Trainingslagers im benachbarten Stadion angefragt. Und nach den Final Four der B-Jugend-Handballer sowie den Norddeutschen Meisterschaften der Speedskater vor gut einer Woche steht dem Sportpark voraussichtlich im August  das nächste Highlight bevor. Dann ist ein internationales Handballspiel geplant. Zu Gast sind die erste Männermannschaft des SC DHfK, gerade knapp am Aufstieg in die 1. Bundesliga vorbeigeschrammt, sowie die Nationalmannschaft Tunesiens. Das Turnier am Wochenende galt sozusagen als Testballon, bei dem die Großenhainer als Gastgeber überzeugten. Zwar war es finanziell letztlich eher ein „Nullgeschäft“, weil von den Zuschauereinnahmen zum Beispiel zehn Prozent in die DHB-Kasse fließen und der Rest unter anderem für Unterkunft und Verpflegung der Teilnehmer und Offiziellen verwendet wird. „Aber viel wichtiger ist der Imagegewinn für uns“, so Tilo Hönicke.

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