Piloten suchen Landebahn

 

Piloten suchen Landebahn

Zum Industriegebiet auf dem jetzigen Flugplatzareal in Großenhain gibt es keine Alternative mehr. Über Gründe und Folgen sollte eine Bürgerversammlung Aufschluss geben. 

 
Von Thomas Riemer
 
Die Emotionen waren eigentlich schon vorher weitgehend verflogen: Seit die Bürgerinitiative "Pro Flugplatz" Großenhain das Bürgerbegehren aus eigener Überzeugung gestoppt und der Suche nach einem neuen Areal für die Fliegerei zugestimmt hat, ist die Luft aus der Debatte um die Zukunft des jetzigen, immerhin 100-jährigen Flugplatzes, ziemlich raus. Eine Bürgerversammlung im Großenhainer Alberttreff, zu der Oberbürgermeister Burkhard Müller (CDU) geladen hatte, ging den wichtigsten Problempunkten so gut es derzeit möglich ist auf den Grund. Eine Bestandsaufnahme.
 
Gibt es eine Alternative zum künftigen Industriegebiet auf dem jetzigen Flugplatz?
 
Nein. Der Großenhainer Flugplatz sei "eine einmalige Gelegenheit", ein Industriegebiet in der Größenordnung von 200 Hektar und mehr zu schaffen, sagt der Abteilungsleiter beim Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), Dr. Harald Vinke. Das Areal befindet sich im Eigentum des Freistaates Sachsen, so dass jegliche Verhandlungen mit anderen Landbesitzern entfallen. Mit dem Industriegebiet wäre Sachsen bei der Suche nach einem oder mehreren Großinvestoren "weltweit konkurrenzfähig". Aus Großenhainer Sicht zusätzlich ein Plus: Da die Stadt kein Geld hat, übernimmt der Freistaat die Kosten für die Bauleitplanung. Geschätzte Höhe inklusive der Altlastenbeseitigung: "Ein ordentlich zweistelliger Millionenbetrag", so Vinke. Insider gehen von rund 70 Millionen Euro aus. Aus Sicht von Rathaus und vor allem Großenhainer Unternehmern wie Timmy Held bietet ein Industriegebiet die einzige Chance, weitere Arbeitsplätze und Gewerbesteuern in die Region zu spülen. 
 
Gibt es bereits Interessenten, die sich im künftigen Industriegebiet ansiedeln wollen?
 
Nein. "Wir hatten bisher solche Flächen noch nicht im Angebot", sagt Wolfgang Fresse von der Wirtschaftsförderung Sachsen mit Bezug auf die Meißner Region. Rund um Dresden seien die Möglichkeiten weitgehend erschöpft. Anfragen, etwa für Nachfolge- oder Zuliefereinrichtungen von BMW oder Porsche, habe es allerdings gegeben. "So etwas versprechen wir uns auch für Großenhain", so Freese. Deshalb sei der Freistat in solchen Branchen wie Mikroelektronik, Automobil- und -zulieferindustrie, Maschinen- und Anlagenbau, Umwelttechnik/Energie sowie Biotechnologie unterwegs, "um Unternehmen für Großenhain zu gewinnen". 
 
Gibt es ein Zeitfenster für die weitere Entwicklung auf dem jetzigen Flugplatz?
 
Ja. Allerdings eins mit vielen Fragezeichen. Die Arbeiten zur Schaffung von Baurecht sind bereits im Gange. Das Görlitzer Planungsbüro Richter und Kaup ist federführend. Rund zweieinhalb Jahre, so die vorsichtige Schätzung, muss man bis zum Baurecht einplanen. In dieser Zeit kann parallel die Investorensuche laufen. Je nach deren Erfolg wäre das Indestriegebiet dann als solches sofort und eingeschränkt nutzbar. Bis dahin können aber auch sechs, sieben oder acht Jahre ins Land gehen, sagen Skeptiker.
 
Bedeutet dies das Ende der Fliegerei?
 
Ja und Nein. Für den jetzigen Verkehrslandeplatz gibt es die Zusage des SIB, dass während der Planungsarbeiten der Flugplatz weiterhin nutzbar ist. Das war ein Teil des Kompromisses, den die Großenhainer Bürgerinitiative zum Teilrückzug bewegte. Nach Schaffung des Baurechts entscheidet der Freistaat als Eigentümer entsprechend vorliegender Anfragen, wann Schluss mit der Fliegerei ist. Sobald der Bebauungsplan in Kraft tritt, tritt dieser Fall ein, so Harald Vinke. SIB; Stadt und Piloten haben sich parallel dazu darauf geeinigt, einen neuen verkleinerten Flugplatz zu schaffen und dafür jetzt geeignete Flächen zu prüfen. 
 
Existieren dazu schon konkrete Vorstellungen?
 
Ja. "Es laufen bereits Gespräche mit Eigentümern von geeigenten Flächen", so Holger Faulhaber, Sprecher der Bürgerinitiatie. Ein neuer Flugplatz werde "auf jeden Fall in der Gemarkung Großenhain" liegen. Klar ist bereits, wo er nicht angesiedelt wird: Der frühere "Exer" in Großenhain fällt aus der Diskussion, weil er sich in einem Schutzgebiet befindet. Und sämtliche Areale, in deren Nähe Hochspannungsleitungen betrieben werden kommen ebenfalls nicht in Frage. Gleiches gilt für Waldgebiete. Über konkrete Standorte wurde von allen Beteiligten vorerst Stillschweigen vereinbart. "Wir haben verabredet, erst einmal Flächen zu prüfen und noch nicht in die Öffentlichkeit zu gehen", so Oberbürgermeister Müller. Dies müsse dann Thema einer nächsten Bürgerversammlung sein. Ein Ausschlussverfahren legt indes die Vermutung nahe, dass ein neuer Flugplatz eher im ländlichen Gebiet denkbar ist.
 
Gibt es Vorstellungen zur Größe des künftigen Flugplatzes?
 
Ja. Die Flieger benötigen eine Landebahn von rund 800 Meter Länge - "eine Grasbahn wäre natürlich am einfachsten", so Holger Faulhaber. Außerdem seien Flächen für Hallen und Unterstellmöglichkeiten für Flugzeuge nötig. Gedacht ist an eine Kapazität von 50 Kleinflugzeugen. Mit insgesamt 15 bis 20 Hektar Land "wären wir zufrieden", so Faulhaber. Noch keinerlei Angaben können zu den Kosten gemacht werden.
 
Bleibt das Fliegende Museum von Familie Koch den Großenhainern erhalten?
 
Vielleicht. In den Plänen für den den neuen Flugplatz stehen den Betreibern sozusagen alle Türen für einen Umzug offen. Brigitte Koch selbst, die mit ihrem Vater Josef seit vielen Jahren die fliegenden Legenden in Großenhain hegt, pflegt und präsentiert, ist noch skeptisch. Die angekündigte Schließung des jetzigen Domizils "ist für uns ein schwerer Schlag", sagt sie. Noch mache es ihr und ihren Mitstreitern Freude und Spaß. Aber es könne durchaus passieren, das das "Fliegende Museum" als eine der nächsten Einrichtungen in Großenhain geschlossen wird. "Wir haben noch keine Entscheidung getroffen", so Brigitte Koch. Holger Faulhaber kündigt schon mal verbale Unterstützung bei der Entscheidungsfindung an. "Das Museum muss bleiben, weil es ein außergewöhnliches Kleinod ist", sagt er.
 
Müssen die Großenhainer und ihre Gäste künftig auf beliebte Veranstaltungen wie Flugplatzfest, VW-Alarm, diverse Konzerte verzichten?
 
Nein. In der Vergangenheit mussten zwar Veranstaltungen von Seiten der Stadt stark reglementiert werden, weil es immer wieder Beschwerden der Anwohner bezüglich Lärm oder Verkehr gab. Doch ein Teil der Festivitäten wird nach Ansicht von Oberbürgermeister Müller auch auf einem neuen Flugplatz möglich sein.
 
Sind mit der Bürgerversammlung jetzt alle Wogen geglättet?
 
Nein. Ein Teil der Unterzeichner des Bürgerbegehrens wirft den Fliegern nach wie vor ein Einknicken vor der Politik zugunsten privater Interessen vor. BI-Sprecher Faulhaber tritt dem vehement entgegen. Nirgends im Bürgerbegehren stand geschrieben, "dass wir den Flugplatz nur an der bisherigen Stelle erhalten wollen". Die Bürgerinitiative sei da von Anfang an kompromissbereit gewesen. Mit der jetzigen Situation sei man weiter gekommen als das, was ein Bürgerentscheid gebracht hätte. "Wir sind nicht der Meinung, dass wir die Unterstützer gelinkt, sondern die bestmögliche Lösung erreicht haben", so Faulhaber.  
 
(18. März 2014)

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