Wohin führt die Flug-Route?

Großenhain. Im Streit um die Flugplatz-Zukunft gibt es bislang mehr Irritationen statt Streitkultur. So viel scheint klar: Es wird in der Stadt weiterhin geflogen - aber wohl nicht auf dem 100 Jahre alten Flugareal.

Von Thomas Riemer
 
Der Eklat schien nicht mehr abzuwenden. Erst bemühten sich die Sprecher der Bürgerinitiative zum Erhalt des Großenhainer Flugplatzes vergeblich um einen Gesprächstermin mit Oberbürgermeister Burkhard Müller (CDU). Dann kam zumindest ein Talk mit dessen Stellvertreter Tilo Hönicke (CDU) zu Stande, den die Initiativler als vertraulich betrachteten. Aber falsch gedacht: Hönicke plauderte unmittelbar danach in der Öffentlichkeit über den Gesprächsinhalt. Was die Bürgerinititiative als Vertrauensbruch sah, bezeichnete das Rathaus umtriebig und schnell als "Missverständnis". Schon einen Tag nach Bekanntwerden des Eklats hatte der OB dann doch Zeit für die Sprechergruppe der BI, inklusive einer gemeinsamen Presseeklärung. Der Plan: Die Stadt hält an ihrer Auffasung zur Beendigung des Flugbetriebes am jetzigen Standort mit 100-jähriger Flugtradition fest, favorisiert dort weiterhin ein rund 230 Hektar großes Industriegebiet. Im Gegenzug will die Verwaltung "die von der BI initiierte Suche nach geeigneten alternativen Flächen für einen Sonderlandeplatz intensiv und aktiv begleiten". Im "vertraulichen" Gespräch mit Bürgermeister Hönicke waren da offenbar bereits Flächen auf dem früheren Exer in Kleinraschütz sowie Ackerland parallel zur Ortsumgehung der B 98 durch die BI vorgeschlagen worden.
 
Die Vorgeschichte
 
Im vergangenen Jahr wurden die Schließungspläne für den Flugplatz ruchbar. Der Staatsbetrieb Sächsisches Bau- und Immobilienmanagement (SIB) signalisierte, mit Geldern des Freistaates in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe ein Industriegebiet zu erschließen, um für den Fall des Ansiedlungswunsches eines Großinvestors Bauland in ausreichender Größe vorrätig zu haben. Der Großenhainer Stadtrat stimmte im Oktober 2013 mehrheitlich zu. Die daraufhin gegründete Bürgerinitiative rief eine Unterschriftensammlung für einen Bürgerentscheid zum Erhalt der Fliegerei ins Leben und bekam bis Mitte Dezember 4000 Befürworter zusammen. Rund 1800 hätten bereits ausgereicht, um einen Bürgerentscheid durchzusetzen. Die Unterschriften sowie das Verfahren generell werden derzeit noch geprüft - durch eine vom Großenhainer Rathaus bestellte Anwaltskanzlei.
 
Viel gegenseitiges Misstrauen
 
Von Anfang hegte die Bürgerinitiative Zweifel, ob sich in Großenhain unter den allgemeinen jetzigen Bedingungen überhaupt ein Großinvestor niederlassen würde. Untermauert wurde dies durch den Blick ins benachbarte Zeithain. Dort wurde eine größenmäßig vergleichbare ehemalige Militärfläche als Industriepark hergerichtet und steht seit vielen Jahren leer. Das Großenhainer Rathaus wiederum ließ nichts unversucht, die Unterschriftensammlung der BI in Frage zu stellen. Ob Fotoaktionen in Geschäften, die die Listen ausgelegt hatten, tatsächlich vor allem zum Zweck der Dokumentation von Stadtgeschichte dienten, ist bis heute offen. Gesprächsbereit zeigt sich dagegen der Staatsbetrieb. Hinter verschlossenen Türen suchten dessen Vertreter sowie die Bürgerinitiative im Herbst 2013 nach einem Kompromiss. Letztere machte dabei stets klar, dass sie nichts gegen ein Industriegebiet habe, so lange es Arbeitsplätze und Steuergelder nach Großenhain bringe. Sie vertrat aber auch die Auffassung, das ein Nebeneinander von Industrie und Fliegerei, notfalls auf verkleinerter Flugfläche, möglich ist.
 
Plötzliche Kehrtwende?
 
Ende Januar lenkte das Großenhainer Rathaus teilweise ein. Ein Kompromiss sei vorher nicht denkbar gewesen, "da aufgrund von gegenseitigen Missverständnissen von der ausschließlichen Beibehaltung der Fliegerei auf dem jetzigen Verkehrslandeplatz ausgegangen wurde", heißt es einer Presseerklärung vom 22. Januar 2014. Stadt und Bürgerinitiative seien nach einem Gespräch überein gekommen, "dass die Stadtverwaltung Großenhain die von der BI initiierte Suche nach geeigneten alternativen Flächen für einen Sonderlandeplatz intensiv und aktiv begleiten werde und dem Stadtrat zu gegebener Zeit vorschlagen wird, die notwendigen planungsrechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, um den Umzug der Piloten zu unterstützen." Parallel soll der Flugbetrieb auf der jetzigen Fläche in Abstimmung mit dem derzeitigen Flugplatzbetreiber, der Flugplatz Großenhain UG, "so lange wie möglich aufrecht erhalten werden".
 
Bürgerentscheid hinfällig?
 
Eine im November per Stadtratsbeschluss ins Leben gerufene Steuerungsgruppe soll jetzt umbenannt werden in "Arbeitsgruppe Flugplatz". Zur nächsten Sitzung werden auch zwei Vertreter der Bürgerinitiative an diesem Tisch Platz nehmen. Noch vor knapp zwei Monaten hatte die BI die Steuerungsgruppe enttäuscht verlassen. Sprecher Holger Faulhaber damals: "Es ist für uns nicht nachvollziehbar, was eine Steuerungsgruppe, in der die Vertreter der Stadt, und zwar sowohl die der Verwaltung als auch die des Stadtrates,  zahlenmäßig überproportional vertreten sind, für uns Positives bewirken soll." Stein des Anstoßes damals war unter anderem, dass Bürgermeister Tilo Hönicke zum Chef der Gruppe ernannt wurde. "Wir lassen uns aber nicht steuern, wir steuern selbst", so Faulhaber im Dezember. 
Jetzt also auch hier eine Kehrtwende. "Ziel der Arbeitsgruppe soll es nun unter anderem sein, gemeinsam mit der Bürgerintiative eine Basis zu schaffen, um das initiierte Bürgerbegehren und den geplanten Bürgerentscheid kurzfristig hinfällig zu machen", teilte das Rathaus mit. 
Die Bürgerinitiative könnte damit sogar leben. Sprecher Holger Faulhaber räumte jüngst ein, dass der Großenhainer Stadtrat "nur" eine Entscheidung pro Fliegerei zu treffen brauche. Dann sei ein Bürgerentscheid tatsächlich kein Thema mehr.  
Soweit ist es aber noch nicht. Immerhin: Noch in der vergangenen Woche einigte sich die Arbeitsguppe auf einen wichtigen Schritt. Voraussichtlich im März soll eine Einwohnerversammlung stattfinden. Dann sollen die beiden Themen "Fliegerei in Großenhain" und Entwicklung eines Industriegebietes beleuchtet und mögliche Enwicklungen aufgezeigt werden. Großenhains Bürger sollen die Gelegenheit bekommen, ihre Fragen an die Verwaltung, die Bürgerinitiative sowie weitere Fachleute zu stellen. 
 
Unternehmer nehmen Abschied
 
Geanklich verabschiedet haben sich derweil bereits 20 Großenhainer Unternehmen vom jetzigen Verkehrslandeplatz in ihrer Heimatstadt. In einem offenen Brief an alle Einwohner der Stadt begrüßen sie vielmehr die einmalige Chance, dass der Freistaat geschätzte 70 Millionen Euro für die Altlastenbeseitigung zur Verfügung stellen wird. "Wir wollen, dass die Kinder und Kindeskinder der Großenhainer Bürgerinnen und Bürger (...) hier eine Zukunft haben können. Arbeitsplätze, nicht Flugplätze sind hierfür überlebenswichtig", heißt es in dem Schreiben. Die Zukunft heiße daher: Industriegebiet Großenhain Nord ohne Flugbetrieb, "aber auch ohne Windkraft- und Photovoltaikanlagen".
 
Für den "Tag der Sachsen" Anfang Dezember in Großenhain spielt das Areal den Plänen der Veranstalter zu Folge eine Nebenrolle. Konzerte, Präsentationen oder andere Events sind hier nicht vorgesehen. Auch wenn die Flieger Rundflüge zum Sachsentag anbieten wollen. Das Gros der Flächen ist anderweitig verplant: als grüne Wiese und Großparkplatz.
 
("Sächsischer Bote" 29. Januar 2014)
 

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