Das Kleinhirn weggesoffen

Mit Schnaps das Kleinhirn weggesoffen
Ein 46-Jähriger wird mit über zwei Promille auf dem Rad erwischt. Der Mann ist alkoholkrank. War es ein einmaliger Rückfall?
 
Von Thomas Riemer
 
Ronald K. (Name geändert) steht im Saal des Riesaer Amtsgerichts auf
wackeligen Beinen. Nicht nur, weil er das Urteil von Richter Mischa
Hecker nur schwer fassen kann. Nein, Ronald K. hat Probleme mit der
Motorik. „Ich habe mein ganzes Leben getrunken und dabei mein Kleinhirn
weggesoffen“, sagt er. Es soll wohl ein wenig lustig wirken. Aber es
ist alles andere als das. Denn Ronald K. ist alkoholkrank.
Das wusste der 46-Jährige auch am 28. Januar, als er Geburtstag bei
seinem Vater feierte. Doch der fröhliche Anlass endete für ihn bei der
Polizei. Mit 2,31 Promille hatten ihn die Beamten fahrradfahrend auf
dem Nachhauseweg erwischt. Bei der Vernehmung gab er an, zwischen 15
und 21.30 Uhr eine Flasche Schnaps und viel Kaffee getrunken zu haben.
Er wollte „einfach mal abschalten“, ließ er das Gericht wissen. Seit
1996 sei er, gelernter Reichsbahner, arbeitslos. Derzeit beziehe er
Hartz IV in Höhe von 343 Euro.
Sein Vater sei 76, die Mutter gehbehindert und ans Bett gefesselt. Nach
dem Saufgelage sei er auf der Elsterwerdaer Straße in Großenhain 100
Meter gelaufen, bis die Füße wieder schmerzten. Deshalb habe er sich
aufs Fahrrad geschwungen.
Es ist nicht das erste Mal, dass K. wegen Trunkenheit vor dem Richter
erscheinen muss. Seine letzte Strafe wurde 2010 verhängt. Damals kam er
mit einer Bewährungsstrafe davon. Eine Auflage seinerzeit: K. musste
zur Entgiftung mit anschließender stationärer Therapie. „Das war
rausgeschmissenes Geld“, sagte er jetzt vor dem Riesaer Amtsgericht auf
die Frage, ob er sich einer solchen Maßnahme nochmals unterziehen wolle.
Denn nach Auffassung von Richter Hecker hat Ronald K. „den Ernst der
Lage noch nicht begriffen“. Dass der Großenhainer nämlich drei Jahre
trocken gewesen sein will, nimmt er ihm offenkundig nicht ab. „Ein
Bierchen ist doch kein Alkohol“, sagt der Mann dann auch quasi wie auf
Bestellung. Und beinahe hilflos fügt er hinzu: „Eigentlich trinke ich
doch gar kein Bier.“ Für Mischa Hecker steht klipp und klar fest: „Sie
sind rückfällig geworden.“ Und für den Fall, dass K. eine neuerliche
Therapie ablehnt, droht er ihm sogar eine Freiheitsstrafe ohne
Bewährung an.
Auch für die Vertretung der Staatsanwaltschaft war augenscheinlich
klar, dass die Trunkenheitsfahrt bestraft werden muss. Allerdings hielt
sie eine „Geldstrafe noch für angemessen“. Denn Ronald K. habe
glaubhaft dargestellt, „dass es sich bei dem Delikt im Januar um einen
einmaligen Rückfall“ gehandelt hat. Deshalb plädierte die
Staatsanwaltschaft für eine Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro. Möglich
gewesen wäre laut Gesetzsprechung eine Gefängnisstrafe von bis zu einem
Jahr.
Richter Hecker widersprach der Meinung des Kollegen energisch. Von
einem einmaligen Ausrutscher könne keine Rede sein. Angesichts der
kurzen Strecke, die K. mit dem Fahrrad absolvierte, sei es zwar
„unangemessen, Sie ins Gefängnis zu stecken“, so Hecker, an den
Angeklagten gerichtet. Doch Sätze wie „Mit Alkohol habe ich kein
Problem“ und „Ich habe mein Kleinhirn weggesoffen“ passten nach seinem
Dafürhalten einfach nicht zusammen. Zudem sei der Angeklagte ein
Wiederholungstäter, der nun schon zum insgesamt vierten Male wegen
„Teufel Alkohol“ vor Gericht stehe.
Deshalb fiel das Urteil in diesem Fall ungewöhnlich hart aus: Vier
Monate Freiheitsstrafe, ausgelegt zu zwei Jahren Bewährung. Außerdem
muss sich Ronald K. der Aufsicht eines Bewährungshelfers unterziehen,
innerhalb eines halben Jahres 50 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten
und eine stationäre Langzeittherapie antreten.
Ronald K. nahm den Richterspruch sichtlich erschrocken auf. Vielleicht
begriff er ja in diesem Moment, dass ihm der Richter noch einmal eine
wirklich allerletzte Chance gegeben hat.
 
(Sächsische Zeitung Riesa, 10. Mai 2012)

Nach oben