Dieb mit feinem Näschen

Dieb mit feinem Näschen

Ein junger Mann lässt vier Flaschen Parfüm mitgehen. Warum, weiß er nicht. Vor Gericht erhält er eine Strafe zur Bewährung und muss zur Suchttherapie.

Von Thomas Riemer 

Fast wäre Jörg K. für einen Parfüm-Klau im Wert von rund 37Euro ins

Gefängnis gegangen. Dass es Richter Mischa Hecker jetzt bei der

Verhandlung im Riesaer Amtsgericht nicht bei angedrohten zwei Monaten

hinter Gittern belässt und ihm stattdessen eine zweijährige

Bewährungsstrafe aufbrummt, hat der 32-jährige Mann letztlich – so

kurios es klingen mag – seiner Alkoholsucht zu verdanken. Außerdem muss

der Mann die Kosten des Verfahrens tragen.

Was war passiert? Am 19. Januar dieses Jahres, gegen 17 Uhr, griff Jörg

K. zu – in der Schlecker-Filiale im Zeithainer Einkaufspark an der

Teninger Straße. Vier Packungen Parfüm wanderten aus dem Regal in

seinen Rucksack – doch eine Mitarbeiterin bemerkte das Treiben.

 

Vor Gericht macht Jörg K. gleich zu Verhandlungsbeginn reinen Tisch.

„Ich gebe alles zu. Warum ich das gemacht habe, weiß ich nicht“, sagt

er. Und ergänzt mit leiser Stimme: „Vielleicht, weil’s so gut gerochen

hat.“

Plausibler klingt allerdings dann der nächste Erklärungsversuch. Denn

Jörg K. stand nach eigenen Angaben zum Tatzeitpunkt unter

Alkoholeinfluss. Er habe im Laufe des Tages mit verschiedenen Kumpels

„immer mal wieder Bier getrunken“. So zwischen zehn bis 15 Flaschen

seien es sicher gewesen, schätzt Jörg K. „Das hat sich halt so

ergeben“, sagt er. Das Leben hat ihn freilich bislang nicht auf der

Sonnenseite gesehen. In der Schule schaffte K. die 9. Klasse. Seit drei

oder vier Jahren ist er arbeitslos, musste die Fahrerlaubnis wegen

einer Trunkenheitsfahrt abgeben. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er

von Hartz IV. Den Gerichten ist Jörg K. kein Unbekannter.

Insgesamt neun Einträge finden sich in seinem Strafregister.

Zugutekommt dem Angeklagten, dass das Relikt Diebstahl dabei erstmals

auftaucht, zumal es angesichts der Schadenssumme auch noch ein

geringwertiger sei. Dennoch ist es nach Ansicht des Gerichts mit einer

Geldstrafe diesmal nicht getan. Zumal K. wegen eines früheren Vergehens

noch unter Bewährung steht.

Nach Meinung von Staatsanwältin Birgit Zuber sei „auffällig“, dass bei

den Straftaten meist Alkohol im Spiel war. Hat K. Probleme damit?

„Manchmal ja, manchmal nein“, sagt er. Und räumt dann ein, dass er

schon mal in einer Entzugsklinik war, danach aber rückfällig wurde.

„Ist Ihnen bewusst, dass es heute hier für Sie auf der Kippe steht?“,

fragt die Staatsanwältin. Jörg K. nickt, als Birgit Zuber bohrt. Ja, er

sei bereit zu einer Suchttherapie, sagt er dann.

Mindestens fünf Termine muss er dort nun per Gerichtsentscheid

wahrnehmen und seinem Bewährungshelfer nachweisen. Mischa Hecker legt

ihm abschließend noch nahe, dies auch wirklich ernst zu nehmen. Jörg K.

registriert es wortkarg. „Ich habe nichts mehr dazu zu sagen“, ist sein

letzter Satz.

 

(Sächsische Zeitung Riesa, 12. April 2012)

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