Ex-Häftling klaut Fahrräder

Ex-Häftling schon wieder vor dem Richter

Ein 25-Jähriger klaut zwei Fahrräder. Das war aber vor seiner Haft. Verdient er gerade deshalb eine zweite Chance?

 

Von Thomas Riemer

 

Pascal M. (Name geändert) sitzt vermeintlich ruhig und gelassen auf der

Anklagebank. Neben ihm seine Anwältin, die ihn vor dem Riesaer

Amtsgericht verteidigt. Wohl vorsorglich, denn Pascal B. ist ein

„gebranntes Kind“ und gerade erst vor drei Tagen aus dem Gefängnis

entlassen worden. Dort hat er zwei Monate gesessen. Nun muss er schon

wieder vor den Richter. Der Vorwurf: Zweifacher schwerer

Fahrrad-Diebstahl.

Die Taten fallen in die Zeit vor seiner Haft. Im Oktober 2011 soll der

25-jährige Riesaer nachts aus einem Keller ein Sportrad im Wert von

etwa 250 Euro gestohlen haben. Gut einen Monat später klaute er in der

Felgenhauerstraße ein Mountainbike – geschätzter Wert 660 Euro. Die

jeweils Bestohlenen gaben laut Anklageschrift an, dass „die Räder

ordnungsgemäß gesichert“ – also angeschlossen – waren.

Pascal M. hebt kurz die Augenbrauen. „Ich räume den Diebstahl ein. Aber

die Räder waren nicht angeschlossen“, sagt er dann mit betont ruhiger

Stimme. Es ist ein entscheidender Satz, der schon zu Beginn der

Verhandlung das Ende quasi vorwegnimmt. Denn weder eine Zeugin, die bei

den Ermittlungen in einem der Keller dabei war, noch die zahlreichen

Fotos von den Tatorten geben genauen Aufschluss darüber. Keine Spur von

beschädigten Schlössern oder deren Resten. Im Gegenteil. Für Pascal

M.‘s Verteidigerin Beatrice Rauch ist daher klar: „Die Fotos sagen

eindeutig, dass das Rad nicht gesichert war.“ Im Übrigen behaupte

sowieso jeder, dessen Rad geklaut wird, es sei angeschlossen gewesen –

schon aus Gründen der Versicherungszahlung, so Beatrice Rauch. Doch

genau das macht juristisch gesehen den Unterschied zwischen einem

„schweren“ und einem „einfachen“ Diebstahl aus. Ersteres ist jedenfalls

dem Angeklagten nicht nachzuweisen.

Pascal M. macht vor Richter Mischa Hecker kein Geheimnis, warum er es

auf die Räder abgesehen hatte. Als Hartz-IV-Empfänger sei das Geld sehr

knapp. Und deshalb hatte er wohl vor, die Drahtesel später zu

verkaufen. So zwischen 100 und 150 Euro hätten sie ihm in die Börse

gespült, vermutet M.

Fast klingt es, als sei er froh, das Verfahren und damit seine

kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen. Gerade aus dem Knast

heraus, sei er derzeit zwar ohne Einkommen, aber auf Suche nach Arbeit

und Wohnung. Mit seiner Freundin wolle er nach Meißen ziehen, sagt

Pascal M. In Riesa sei er einfach viel zu sehr bekannt – er wolle aber

einen Neuanfang. Darüber nachzudenken, dazu habe er im Gefängnis „viel

Zeit“ gehabt, so Pascal M.

Die Anwälte tun sich schwer mit dem Urteil. Die Staatsanwaltschaft

bringt das Vorstrafenregister zur Sprache. Pascal M. habe schon einmal

gegen Bewährungsauflagen verstoßen. Die Verteidigerin glaubt, dass M.

willig ist, „die Kurve zu kriegen“. Er wolle ein Leben ohne Straftaten

beginnen. „Diese Chance sollte man ihm lassen.“

Richter Hecker gibt sie ihm. Vier Monate Haft drohen Pascal M., falls

er sich in den nächsten zwei Jahren nicht bewährt. Außerdem muss der

Verurteilte 70 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Heckers

Begründung: Unter dem Eindruck der gerade verbüßten Haftstrafe sei eine

„positive Sozialprognose“ gegeben.

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