Dem Gefängnis diesmal entkommen

 

Dem Gefängnis diesmal knapp entkommen

Ein junger Mann wird beim Fahren ohne Fahrerlaubnis erwischt. Seine Vorstrafen fallen ihm fast auf die Füße.

Von Thomas Riemer

Fast ein Drittel seines 29-jährigen Lebens hat Torsten Walsch (*) bisher im Gefängnis verbracht. Und fast wäre ein erneuter Aufenthalt dort hinzugekommen. Doch die Oberstaatsanwältin und der Richter beließen es diesmal bei einer Androhung von drei Monaten Haft, wenn sich Walsch während der zweijährigen Bewährungszeit etwas zu Schulden kommen lässt.

Dabei ging es zunächst „nur“ um eine Autotour des Angeklagten von Adelsdorf nach Großenhain. Das Problem: Walsch besaß zum Tatzeitpunkt im Januar dieses Jahres keine Fahrerlaubnis. Die hatte er wegen eines anderen Vergehens in Leipzig abgeben müssen, wollte sich an jenem Tag aber unbedingt mit einem Freund treffen. Doch die Polizei erwischte den Großenhainer bei einer Kontrolle.  Den Beamten erzählte er zwar, dass seine Fleppen im Auto der Freundin liegen. Doch der Schwindel flog auf. Auch andere Ausreden, er habe vom Fahrerlaubnisentzug in Leipzig nichts gewusst, blieben ohne Wirkung. Walsch wollte dabei unter anderem den „schwarzen Peter“ der Post zuschieben, die ihm Strafbefehle und Vorladungen angeblich nicht zugestellt habe. Angesichts seiner öfter wechselnden Meldeadressen verwundert dies allerdings nicht.

Walschs Geständnis fällt daher etwas widerwillig und zögerlich aus. Und eigentlich kann er momentan Schwierigkeiten überhaupt nicht gebrauchen. Denn nach eigenen Aussagen hat er einen Montage-Job, für den er natürlich eine Fahrerlaubnis bräuchte. Mit immerhin 1500 euro netto gibt er sein monatliches Einkommen an. Auch privat hat er scheinbar ein geregeltes Leben. Mit seiner derzeitigen Freundin erwartet er in wenigen Tagen ein Kind. „Es war falsch, ohne Fahrerlaubnis zu fahren, das weiß ich“, sagt er. Es klingt beinahe kleinlaut.

Doch nicht allein die Fahrt ohne Führerschein fällt dem jungen Mann auf die Füße. Seine Vergangenheit  ist alles andere als ruhmvoll. Zwar liegt eine Haftstrafe von mehr als acht Jahren schon lange zurück. Doch nach seiner Entlassung 2008 machte Torsten Walsch munter weiter, „mit konstanter Hartnäckigkeit“, wie es Oberstaatsanwältin Karin Dietze formuliert. Meist war es Betrug, der ihm vorgeworfen wurde. Zuletzt nach einer Tat vom September 2011. Da prellte er eine Leipziger Tankstelle um rund 97 Euro. Dort unterschrieb er den Angestellten sogar einen „Schuldschein“, obwohl er genau wusste, dass er die Rechnung nicht bezahlen konnte oder wollte.  In jenem Jahr stand Walsch allein sieben Mal vor Gericht, wurde jeweils zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt. Es scheint ihn wenig zu kratzen. Auch bei der gestrigen Verhandlung im Riesaer Amtsgericht bescheinigen ihm die Beteiligten einen Hang zu Disziplinlosigkeit und Gleichgültigkeit.

Dafür sei jetzt kein Raum mehr, so Dietze. „Er hat ein Problem, an dem er arbeiten muss“, formuliert  es die Oberstaatsanwältin etwas salopp. Deshalb beantragt sie drei Monate Haft bei zwei Jahren Bewährung. Richter Mischa Hecker teilt diese Auffassung, zusätzlich muss Torsten Walsch 400 Euro an den Kinderschutzbund Riesa zahlen sowie jeden Wohnungswechsel dem Gericht melden. „Sorgen Sie dafür, dass die Serie von Straftaten endlich ein Ende hat“, gibt Hecker dem Täter mit auf den Weg. Auf eine Sperre zum Wiedererwerb der Fahrerlaubnis verzichtet er, um dem Angeklagten die Chance für eine geregelte Arbeit zu geben. Doch das wird Torsten Walsch wahrscheinlich wenig nützen. Auf Nachfrage bei der Führerscheinstelle habe man ihm bereits klargemacht, dass er um eine medizinisch-psychologische Untersuchung – landläufig „Idiotentest“ genannt – nicht herumkommen wird.

(*) Name von der Redaktion geändert

(Sächsische Zeitung, 10. August 2012)

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