Der Täter wird zum Opfer

Wie aus dem Täter plötzlich das Opfer wurde
Beim VW-Alarm 2011 in Großenhain war ein 30-Jähriger erst in eine Schlägerei verwickelt, baute dann unter Alkohol einen Unfall. Trotzdem kommt er mit einer Geldstrafe und erhobenem Zeigefinger davon.
 
Von Thomas Riemer
 
Erdrückend scheint die Anklage gegen Martin S. Erst soll der 30-Jährige am Rande des VW-Alarms auf dem Großenhainer Flugplatz am letzten Juni-Wochenende 2011 Pascal S. (27) einen Fausthieb ins Gesicht versetzt haben. In der selben Nacht verursachte er unter erheblichem Alkoholeinfluss nahe Krögis einen Verkehrsunfall.
 
Am Riesaer Amtsgericht wurde dies gestern verhandelt – und endete mit einem für den Beobachter überraschenden Urteil. Staatsanwaltschaft, Verteidigung und letztlich auch der Vorsitzende Richter Mischa Hecker einigten sich nach fast sechsstündiger Verhandlung auf ein vergleichsweise mildes Urteil. Martin S. muss 90 Tagessätze a 30 Euro zahlen und noch mindestens drei Monate auf seine Fahrerlaubnis verzichten. Hinzu kommen die Kosten für das Verfahren.
 
Alles hatte friedlich begonnen. Im Festzelt des VW-Alarms tobte der Bär. Er habe zunächst am frühen Abend des 25. Juni gefeiert, getanzt und getrunken, „nur Cocktails und vielleicht ein, zwei Bier“, sagt Martin S. „Nicht so übermäßig viel“, beteuert er. Was dann geschah, „daran kann ich mich nicht mehr erinnern“. Oder doch? Auf der Tanzfläche habe es Streit mit einem anderen VW-Fan gegeben. Dann sei S. von einem Security-Mitarbeiter hinten festgehalten und aus dem Festzelt hinausgeschoben worden. „Und draußen hat’s dann gekracht.“ Die Auseinandersetzung bestätigen sowohl Freund als auch Feind des Angeklagten in der Zeugenvernehmung. Die Versionen sind allerdings verschiedene. Warum es überhaupt – dann schon irgendwann nach Mitternacht - zu einer Schlägerei kommt, lässt sich nicht ermitteln. Nur so viel: Martin S. bezieht ziemliche Prügel. Irgendwie rettet er sich zu seinem Auto. Vier oder fünf Mann der Security-Firma folgen ihm. „Die hatten ihn wohl auf dem Kicker“, glaubt Staatsanwalt Peter Lässig. Man habe schauen wollen, ob es ihm gut geht, so die Version des Chemnitzer Firmenchefs. Martin S. jedenfalls fühlt sich offenbar verfolgt, ist wütend und dreht erstmal eine oder auch mehrere Runden auf dem Festgelände. Als ihn Pascal S. per Handbewegung zum Langsamfahren bewegen will, steigt Martin S. aus und schlägt zu. Ob mit der Faust oder nur der flachen Hand – keiner der Beteiligten kann sich erinnern. „Wir waren alle nicht nüchtern“, so der Geschädigte Pascal S.
 
Martin S. hat genug vom VW-Alarm. Er schwingt sich hinters Steuer, macht sich auf den Weg nach Hause ins Zwickauer Land. Endstation jedoch ist in Krögis an einer Bordsteinkante. Die herbeigerufene Polizei findet S. wenig später ein paar hundert Meter entfernt. Zwei kurz hintereinander genommene Blutproben lassen darauf schließen, dass er zum Unfallzeitpunkt irgendwann zwischen 5 und 5.50 Uhr betrunken war – mit 2,46 Promille.
 
Sein Zustand und auch seine Verletzungen deutet das Gericht jedoch auch als Zeichen, dass S. in besagter Nacht Schlimmes erlebte. Neben dem Einfluss von Alkohol habe er sich in einer „hochgradigen Erregungssituation“ befunden. Das sei verständlich, „wenn man so malträtiert wurde“, glaubt der sachverständige Gerichtsmediziner Jürgen Eulitz. Allerdings schließe er aus, dass S’. Erinnerungslücken auf ein Schädel-Hirn-Trauma in Folge der bezogenen Prügel zurückzuführen ist.
 
Verteidiger Frank Wilhelm Drücke sieht seinen Mandanten dennoch als Täter und Opfer. Zu gute kommt dem Angeklagten außerdem, dass er geständig war und einem geregelten Leben nachgeht sowie Freundin und zwei kleine Kinder hat. Deshalb „verzeiht“ ihm das Gericht letztlich auch, dass er wegen Körperverletzung bereits zweimal vor Gericht war und sogar noch in der Bewährungszeit ist. 
 
Nur auf seine Fahrerlaubnis wird Martin S. wohl noch eine Weile verzichten müssen. Denn unabhängig vom Gerichtsurteil steht für ihn wegen des Promillespiegels auf jeden Fall eine medizinisch-psychologische Untersuchung an.
 
(Sächsische Zeitung Großenhain, 28. März 2012)

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