Drogendealer muss hinter Gitter

 


Ein 23-jähriger Großenhainer hat Crystal an Kinder und Jugendliche verteilt. Die Liste seiner Vergehen ist jedoch noch viel länger. Besteht trotzdem Hoffnung für den jungen Mann?

Von Thomas Riemer

Viel hat David M. vor dem Riesaer Amtsgericht nicht zu sagen. Zu klar liegen erdrückende Beweise auf dem Tisch, dass der 23-Jährige Großenhainer straffällig geworden ist. Wieder einmal. Denn in seinem noch jungen Leben hat er bereits drei Jahre und vier Monate hinter Gittern verbracht. Jetzt kommen dreieinhalb Jahre hinzu – verhängt wegen Körperverletzung und dem Verkauf bzw. Vertreiben von Drogen.
Fast 20 Minuten dauert es, bis die Staatsanwaltschaft die drei Anklageschriften verlesen hat. David M. nimmt das „Martyrium“ regungslos hin. Körperverletzung, unerlaubter Waffenbesitz, Nötigung und Drogenhandel werden ihm vorgeworfen. Zum Männertag 2011 soll David M. gemeinsam mit Lorenz W. im Stadtpark einen 24-jährigen Großenhainer so geschlagen haben, dass der unter anderem eine Trommelfellverletzung erlitt und ein halbes Jahr krankgeschrieben war. In Meißen erwischte ihn die Polizei im Dezember mit Crystal und Cannabis in der Jackentasche – und einem Schlagring. Den habe er „zur eigenen Sicherheit“ dabei gehabt, sagt der Angeklagte. Auch der Besitz eines Butterfly-Messers steht auf der Liste.
Ja, und dann sind da die Drogen. An Anne-Marie M., heute 14, verkaufte er im Mai/Juni 2011 in seiner Wohnung Crystal für 20 Euro. Valeria L. (15) bekam mehrmals Crystal von ihm. Das Mädchen zahlte dafür einen hohen Preis – Schmuck im Wert von geschätzten 1500 Euro, den Valeria L. heimlich von ihrer Mutter gestohlen hatte und wohl aus Angst an David M. gab. Zurzeit befindet sich das Mädchen in einer langwierigen psychiatrischen Behandlung in einer Klinik. Auch Lorenz W., dem in einem anderen Verfahren zurzeit mehrere Verfehlungen zur Last gelegt werden, bezog Crystal von David M. Und seine frühere Freundin Samantha M., heute 15 Jahre alt, bestätigt, dass sie „regelmäßig von ihm Drogen bekommen“ hat. „Fast täglich, und das über zwei Monate.“

Blankes Entsetzen im Saal

Weitere Namen fallen – auch damalige Siebent- oder Achtklässler aus der Mittelschule Am Schacht in jenem Wohngebiet, in dem auch der Angeklagte lebt. War David M. selbst ein starker Drogenkonsument? „Ja“, sagt Samantha M., ohne zu zögern und unmissverständlich. Ihr Ex-Freund zuckt nur kurz zusammen, Amtsrichter Herbert Zapf und die Schöffen ringen um Fassung, eine Besuchergruppe junger Leute tuschelt und schüttelt immer wieder mit dem Kopf. Es ist blankes Entsetzen, das die Zuhörer bei dem Gedanken beschleicht, dass es hier um Kinder geht. „Wir kommen langsam in Dimensionen, die gewaltig sind“, kündigt Herbert Zapf eine drastische Strafe an.
David M. ist einer, auf den das Klischee des arbeitsscheuen Verbrechers passt. Mit 15 wird er zum ersten Mal straffällig. Im Strafvollzug beginnt er eine Lehre, die er nicht beendet. Kaum ein „herkömmliches“ Delikt hat er seit 2003 ausgelassen: Fischwilderei, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Nötigung, Fahren ohne Führerschein, Diebstahl, Waffenbesitz. Mal ging es mit Geldstrafe ab, oft mit Gefängnis. Seit November 2008 ist er auf freiem Fuß, schlägt sich mit Hartz IV durchs Leben. Neben Drogenkonsum heißt das: Ein bis zwei Flaschen Schnaps pro Woche, „Bier sowieso“, so um die zehn Flaschen täglich. Arbeiten? Fehlanzeige. Wovon er die Drogen und den Alkohol finanziert, will der Amtsrichter wissen. Schulterzucken bei David M. Herbert Zapf gibt die Antwort gleich selbst: „Das sparen Sie sich vom Essen ab.“
Seinen Bewährungshelfer trifft David M. angeblich regelmäßig. „Mit dem rede ich aber nicht über meine Drogenprobleme“, sagt er. Ja, im „Knast“ habe er mal eine Suchtberatung wegen Alkohol in Anspruch genommen. Die meisten Freunde hat M. inzwischen verloren. „Die wollen nichts mit Drogen zu tun haben“, sucht er nach Gründen.
„Sind sie zufrieden mit Ihrem Leben?“ Amtsrichter Zapf bohrt. „Nee, nicht so richtig. Früher ging‘s mir besser“, antwortet der schmächtige junge Mann.

Wie ein Häufchen Elend

Er hat jetzt viel Zeit zum Nachdenken. Mit drei Jahren und sechs Monaten ist er angesichts der Palette der Straftaten sogar eher glimpflich davongekommen. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Jörg Dänzer, muss für seinen Mandanten sprechen. Der sei bereit, nach einem Jahr Haftstrafe eine Therapie anzutreten, wenn alles mit den Kostenträgern geklärt sei.
David M. nickt leicht und senkt den Kopf. Müde ist er nach vier Stunden im Gerichtssaal, sagt er. Er erscheint wie ein Häufchen Elend.

(Sächsische Zeitung, 2. Juni 2012)

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