Klage stürzt wie ein Kartenhaus ein

 

Klage stürzt wie ein Kartenhaus zusammen

Vier junge Männer geben die Beteiligung an einem Einbruch zu. Dass dabei 70000 Euro Bargeld verschwanden, lässt sich aber nicht beweisen. Das Gericht glaubt den Angaben des Opfers nicht.

Von Thomas Riemer

Am Ende gab es Umarmungen, ein Küsschen, Akte der Erleichterung und Zufriedenheit. Nach einem aufreibenden Prozess verkündete der Riesaer Amtsgerichtsdirektor Herbert Zapf zwar Freiheitsstrafen gegen vier junge Männer. Doch die wurden sämtlich zur Bewährung ausgelegt.
Daran war zu Prozessbeginn nicht unbedingt zu denken. Denn der Hauptvorwurf gegen Robby Felin, Uwe Soest, Dieter Breit und Thomas Mayer (*) klang eindeutig. Das Quartett soll zuständig für einen Einbruch ins Haus von Wolfgang Wilhelm am Großenhainer Stadtrand gewesen sein. Die Tat geschah am Silvestertag 2010. Die vermeintliche Beute: 70000 Euro Bargeld, dazu unter anderem ein Laptop, mehrere Goldketten und weitere Schmuckgegenstände, Manschettenknöpfe, Münzen. Thomas Mayer soll den „Bruch“ vor Ort erledigt haben, das verbleibende Trio ihn zu dem Haus gebracht, ihn später von einem Parkplatz abgeholt und dann gemeinsam das Geld aufgeteilt haben. Der Anwalt des heute 29-Jährigen übermittelt das Geständnis seines Mandanten. „Der Angeklagte räumt die Tat ein, dass man eingestiegen ist und Sachen dort ausgeräumt hat.“ Mayer selbst sagt, dass er nicht gewusst habe, was wo zu finden ist. Deshalb habe er erst einmal „gesammelt“, später im Bereich der Heizung einen Umschlag gefunden, „in dem das Geld gewesen sein könnte“. Wie viel? 18000 Euro vielleicht? Ja, das sei möglich, so Mayer.
Die Summe würde sich mit der Aussage des Quartetts decken, dass jeder 4500 Euro bei der „Verteilung“ abbekam. Wobei der Mitangeklagte Dieter Breit (29) seinen Anteil zurückgab, „weil er inzwischen eine gewisse Distanz zu der Tat hatte“, wie sein Verteidiger betont. Am „restlichen“ Diebesgut hatte offenbar keiner so rechtes Interesse. Wer wem und wann den entsprechenden Rucksack, den Thomas Mayer gefüllt hatte, übergeben hat, lässt sich nicht wirklich nachvollziehen. Immerhin: Ein Teil des Schmucks ist inzwischen wieder aufgetaucht. Uwe Soest (23) bestätigt, „nur an Bargeld interessiert“ gewesen zu sein. An die Wertgegenstände habe er so gut wie keine Erinnerung, so seine Berufung auf die Aussage bei seiner Vernehmung durch die Polizei.
Welche Rolle der damals 17-jährige Robby Felin spielt, wird nicht klar. Er war nach eigenen Angaben zwar vorher nie in dem Haus von Wolfgang Wilhelm, will aber das Versteck des Geldes gekannt und den anderen davon erzählt haben.
Als Wolfgang Wilhelm im Zeugenstand Platz nimmt, konfrontiert ihn Richter Herbert Zapf mit dem vorhandenen Sachstand. „Im Moment geht das Gericht davon aus, den Angeklagten zu glauben, dass es 18000 Euro waren, die sie gestohlen haben“, sagt er. Wilhelm will sich trotz angeschlagenem Gesundheitszustand äußern. Mit Freunden sei er an jenem Silvestertag im Theater gewesen, wollte sich mit seiner Frau danach zu Hause frisch machen. Dann entdeckte die Familie das Dilemma. Schmuck, Münzen waren verschwunden. Und 70000 Euro Bargeld, so Wilhelm. 20000 seien schon länger im Haus gewesen, die weiteren 50000 habe er zwei Tage vor Silvester von einem Freund bekommen. Für das Geld sollte er ihm ein Auto besorgen, einen Jahreswagen. Eine Quittung über den Erhalt der Summe gebe es nicht, sagt Wilhelm. Für Richter Zapf ist das Anlass für Zweifel. „Ich habe ganz große Probleme, Ihnen das zu glauben“, sagt er dem Zeugen. Der dementiert danach noch, dass er von den Eltern Uwe Soests die komplette Summe von 70000 Euro gefordert haben soll. „Das habe ich nicht“, so Wilhelm.
Auch sein Enkel Lenny (*) trägt wenig zur Aufklärung bei. Er soll seinem früheren Kumpel Robby Felin den Tipp für das Versteck gegeben und sich auch schon mal selbst dort bedient haben. „Ich habe von dem Geld gar nichts gewusst“, sagt er jedoch.
Nach und nach zerfällt das Kartenhaus der Anklage. Der Einbruch in Räume eines Kinderheims und einer Sportanlage, der Robby Felin und Uwe Soest vorgeworfen wird, lässt sich nicht nachweisen. Auch nicht die Anklage wegen vermeintlicher Hehlerei gegen Soest und Breit. Letztere müssen allerdings für unerlaubten Drogenbesitz sowie Waffen bzw. Sprengstoffbesitz gerade stehen. Und Dieter Breit wird zusätzlich zur Last gelegt, Ende September 2011 gemeinsam mit anderen Tätern einen jungen Mann krankenhausreif geschlagen zu haben.

Trotzdem fallen die Urteile vergleichsweise milde aus. Thomas Mayer erhält eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, ausgelegt zu drei Jahren Bewährung. Uwe Soest kommt mit sieben Monaten davon, Bewährung zwei Jahre. Und Dieter Breit erhält eine Freiheitsstrafe von einem Jahr bei zwei Jahren Bewährung. Hinzu kommen diverse Auflagen sowie Geldstrafen von 1000 Euro. Robby Felin wird nach Jugendstrafrecht verurteilt – acht Monate, ebenfalls auf Bewährung. Er habe „massive Reifedefizite“, sind sich Richter und Staatsanwältin einig. Und weil er quasi „null Bock auf alles“ hat, muss sich Felin in den nächsten Wochen täglich spätestens sieben Uhr in einem Bauhof zur gemeinnützigen Arbeit melden.

(*) Namen von der Redaktion geändert

(erschienen in der SZ Großenhain am 13. Juli 2012)

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