Ohne Fahrerlaubnis hinterm Steuer

Ein 58-jähriger Riesaer traute sich nicht, seinem Chef vom Fahrverbot zu erzählen. Die Firma hält trotzdem an ihm fest. Welche Strafe erwartet ihn?

 

Von Thomas Riemer

Rudolf P. ist ziemlich spät dran, als er ziemlich gehetzt zum

anberaumten Termin im Riesaer Amtsgericht erscheint. Stau nach einem

Unfall nahe Seerhausen hat den Berufskraftfahrer aufgehalten. Artig

entschuldigt sich der Riesaer bei Richter Mischa Hecker und der

Staatsanwaltschaft.

Dass der 58-Jährige überhaupt auf seinen „Bock“ darf, verdankt er in

erster Linie wohl seinem Arbeitgeber, aber auch dem Wohlwollen des

Gerichts und nicht zuletzt sich selbst. Denn bis zu einem Jahr

Fahrverbot stand zur Debatte. Letztlich blieb es bei einer Geldstrafe

von 1800 Euro.

Ausgangspunkt war ein Bescheid der Bußgeldbehörde des Landratsamtes

Meißen vom Dezember 2010. Darin wurde Rudolf P. aufgefordert, die

Fahrerlaubnis für einen Monat abzugeben. Der Grund: P. war mit erhöhtem

Alkoholpegel nach einem Abendessen am Steuer seines Privat-Pkw erwischt

worden.

In Absprache mit der Behörde „habe ich die Abgabe der Fahrerlaubnis

immer wieder hinausgezögert“, so Rudolf P. Denn: Er fürchtete sich

offenbar davor, in seiner Firma seinen Fehltritt einzugestehen. Zum

damaligen Zeitpunkt war er erst etwa ein Jahr dort beschäftigt, machte

seine Sache jedoch sehr gut. Trotzdem stand die Angst vor dem Verlust

des Arbeitsplatzes im Raum.

Am 5. Mai 2011 musste er seinen Lappen dennoch abgeben. Seinen Chef

informierte er darüber nicht – sondern fuhr auch an den folgenden

Wochentagen seine täglichen Touren. Rund 300 Kilometer pro Tag –

vorrangig in Richtung Erzgebirge und zurück – seien zusammengekommen,

jedoch nur mit dem Dienst-Lkw. Sein Privatauto ließ er stehen – auch an

den Wochenenden. „Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Das Ende vom Lied ist:

Ich sitze hier“, so Rudolf P. während der Anhörung im Gerichtssaal.

Denn am 1. Juni 2011 geriet er in eine Verkehrskontrolle der Polizei.

Damit wurde das Dilemma öffentlich – und P. geriet endgültig in die

Bredouille. Hilfe bekam er jedoch ausgerechnet von seiner Firma. Sie

bat das Gericht, die fällige Strafe so zu gestalten, dass P.

schnellstmöglich wieder fahren kann. Er sei ein erfahrener Fahrer,

kenne die Abläufe im Unternehmen sehr genau – er sei schlechthin ein

wichtiger Mann, der sich bislang nichts zuschulden kommen ließ.

Staatsanwältin Birgit Zuber hielt dem Angeklagten nicht nur das zugute.

Er habe sich geständig gezeigt, das Vergehen liege inzwischen fast ein

Jahr zurück. B. sei nicht vorbestraft. Dennoch lassen sich die

verbliebenen 18 Tage Fahrens ohne Fahrerlaubnis nicht unter den Tisch

wischen. „Es ist zwar menschlich nachvollziehbar, aber dennoch eine

Straftat“, so Birgit Zuber in ihrem Plädoyer. Dass Rudolf P.

charakterlich ungeeignet zum Führen eines Fahrzeuges sei, „dass kann

man Ihnen nicht nachweisen“. Deshalb plädierte sie dafür, von einem

erneuten Fahrerlaubnisentzug Abstand zu nehmen. Stattdessen muss P.

jetzt eine Geldstrafe in Höhe von 1800 Euro bezahlen. „Das ist eine

recht hohe Geldstrafe, die Ihnen aber eine Lehre sein soll“, so Richter

Mischa Hecker.

Rudolf P. quittierte das Urteil mit sichtlicher Erleichterung. „Ich bin

zufrieden und danke Ihnen ganz herzlich“, so sein „letztes Wort“ vor

Gericht.

 

(Sächsische Zeitung Riesa, 20. April 2012)

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