Tornadoschäden vorgetäuscht?

 

Tornadoschäden vorgetäuscht?

Ein Großenhainer soll Versicherungsgelder kassiert haben, ohne dass der Schadensumfang dokumentiert wurde. Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Thomas Riemer

     

Der 24. Mai 2010 ist ein Tag, „den vergisst man nicht“, sagt Steffen Bolz (*). Am Abend nach dem Großenhainer Tornado sei er „mit zitternden Knien“ auf das Dach der Verkaufshalle seines Unternehmens nahe des Stadtparkes gestiegen, um eine vier mal zwölf Meter große Plane über ein Loch zu wuchten. Sein Sohn Arnold bestätigt das im Verlauf der Verhandlung.

Sechsstelliger Betrag im Raum

Aber: Hat es das „Loch“ überhaupt gegeben, durch das während des Unwetters so viel Regen geflossen sein soll, dass Dämmung und Fußboden der gesamten Halle komplett „durchfeuchtet“ waren? Gab es auch die weiteren Schäden, die Steffen Bolz Tage später seiner Versicherung diktierte. Und was geschah auf seinem Wildenhainer Privatgrundstück während des Tornados?
Seit gestern steht Bolz vor dem Riesaer Amtsgericht. Dem 52-Jährigen wird Betrug vorgeworfen, der Schaden soll sich auf mehr als 360000 Euro belaufen. Ein Urteil – so viel sei vorausgeschickt – wurde gestern nicht gesprochen.
Denn die Sache stellt sich als „sehr komplex“ dar, so Richter Mischa Hecker. Bolz selbst schildert das Szenario so: Er sei am Pfingstmontag 2010 von seinem Sohn telefonisch aus einer Familienfeier im Brandenburgischen gerissen worden und sofort mit seiner Frau Christa nach Großenhain geeilt. Zuerst in die Firma, dann nach Wildenhain. Auf dem Privatgrundstück habe es „große Schäden“ gegeben, sagt der Angeklagte. Hof- und Garagentore hingen schief in ihrer Verankerung, eine Schiebetür des Wintergartens sei eingedrückt gewesen, Bäume und eine Lebensbaum-Hecke im Garten waren in Mitleidenschaft gezogen. Zurück in der Firma, wurden die eine Seite des Daches mit der Plane gesichert, beschädigte Fenster so gut es ging gesichert bzw. ausgewechselt, Unrat beseitigt. Ehefrau Christa saugte derweil eingedrungenes Wasser aus den Räumen. Ob es dazu auch Fotografien gebe, will Richter Hecker wissen. „Daran habe ich nicht gedacht“, sagt Steffen Bolz. Zu jener Zeit habe er auch gerade kein Fotohandy besessen.
Die Versicherung stellte dazu offenbar keine Fragen. Die Frau des Chefs der Großenhainer Agentur habe tags darauf angefragt, ob es Schäden bei Familie Bolz gibt. Am 27. Mai würde ein Sachverständiger kommen, so die Terminvereinbarung. Auch der machte sich lediglich handschriftliche Notizen. Dann soll er gesagt haben: „Sie können mit dem Aufräumen beginnen, ich habe alles gesehen.“

Experte zweifelt Gutachten an

Gerd Lehmann, der Chef der Versicherungsagentur in Großenhain, beschreibt den Gang der Dinge. Er sei selbst sowohl auf dem Firmen- als auch dem Privatland zur Besichtigung mitgewesen. Schadensregulierung und -ausgleich hätten aber komplett in der Hand des Sachverständigen gelegen. „Fotos haben wir nicht gemacht, da bin ich mir sicher“, ergänzt Lehmann auf Nachfrage der Staatsanwältin. Und er bestätigt auch, dass er mit Familie Bolz befreundet ist.
Die Zentrale der Versicherung war aber offenbar stutzig geworden. Zunächst beauftragte sie Eberhard Klemm, einen anerkannten Experten, die vorliegenden Gutachten zu den Schäden auf beiden Grundstücken unter die Lupe zu nehmen. Klemm war zwar selbst nie vor Ort. Aber seine Bewertung aus „technischer Sicht“ ist ein Paukenschlag. Das Schadensbild, das er vorfand, sei aus seiner Sicht „nicht plausibel“, ebenso die angezeigte Schadenshöhe. „Der Schaden, wie er sich darstellt, ist nicht durch den Tornado entstanden“, sagt Lehmann mit Bezug auf das „Loch“ im Dach des Firmengebäudes. Gleiches gelte für die vermeintliche komplette Durchfeuchtung des zehn Zentimeter dicken Estrich-Belages in der Halle. „Das Gutachten hat viele Schwächen, weil keine Schadenkartierung erfolgte“, so sein Fazit. Zweifel hegt der Experte auch an den Schäden auf dem Privatgrundstück der Bolz‘. Der Zustand der Hof- und Garagentore sowie der Tür des Wintergartens sei nach seinem Dafürhalten ebenfalls nicht auf den Tornado zurückzuführen. Umstritten bleibt außerdem, ob und in welchem Umfang Gehölze im Garten beschädigt und folglich gefällt werden mussten. Ein von der Versicherung beauftragter Detektiv stellte bei seinen Ermittlungen jedenfalls fest, dass Nachbargrundstücke weit weniger vom Tornado betroffen waren als die Bolz‘schen.
Mindestens zwei weitere Verhandlungstermine im Oktober sollen nun helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Bis dahin soll zudem versucht werden, durch Fotomaterial Dritter sowie den Verfahrensweg von der Schadensmeldung bis zur -regulierung den Betrugsvorwurf gegen Steffen Bolz zu klären.
* (Alle Namen von der Redaktion geändert)

 

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