Verkorkstes Leben mit 19

Geldmangel und Hunger – mit 19 schon ein total verkorkstes Leben

 


Ein Mann muss anderthalb Jahre ins Gefängnis. Kaum ein gängiges Delikt hat er ausgelassen. Ist er Opfer der überforderten Mutter?

Von Thomas Riemer
 
Aus dem Verhandlungssaal geht es für Ronny R. direkt ab nach Regis-Breitingen in die Jugendstrafanstalt. Ein Jahr und sechs Monate hat er ab jetzt Zeit, über sein Leben nachzudenken und es umzukrempeln. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät für den 19-jährigen Schlaks. Bisher jedenfalls hat er trotz seiner Jugend so gut wie kein Delikt ausgelassen, um kriminell zu sein: Drogenkonsum, Betrug, Urkundenfälschung, Nötigung, Einbruch, Diebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Hehlerei. Erst im Dezember wurde er dafür zu sechs Monaten Jugendhaft verurteilt. Unter anderem, weil er beim Dorffest in Naundorf einen Wurstbehälter mitnahm und mehrere Garagen in Nünchritz „ausräumte“. Dank der Gutgläubigkeit der damaligen Richterin hatte er danach noch einmal Aufschub bekommen. Es hat nichts genutzt.
Jetzt steht Ronny R. erneut vor dem Jugendrichter in Riesa. Endlos erscheint das Verlesen der Anklageschrift. Mit dem Brecheisen soll R. in eine Küche in einem Nünchritzer Wohnheim eingebrochen sein und Lebensmittel geklaut haben. „Ich hatte Hunger“, gesteht er, der zu jener Zeit selbst in dem Heim wohnte. Ein paar Tage später „besorgt“ er sich den Wohnungsschlüssel von Thomas K., nimmt Laptops, Notebooks, eine Spiegelreflexkamera, sechs Tattoo-Maschinen mit, um sie später zu Geld zu machen bzw. „mich zu tätowieren“. Zwei unwissende Bürger „erleichtert“ er um Geld, indem er Überweisungen zugunsten seines eigenen Kontos fälscht. An die Kontonummern gelangt er jeweils durch Zufall – mal anhand einer gefundenen zerbrochenen Chipkarte, mal dank eines im Mülleimer gefundenen Auszuges. Und schließlich kauft Ronny R. mit seiner Chipkarte ein, ohne dass sein Konto gedeckt ist – mindestens zwölfmal. Aus den so vorwiegend an Tankstellen in Großenhain und Meißen erworbenen Zigarettenstangen wollte er gleichsam Geld machen.
Nicht nur Amtsrichter Herbert Zapf stellt sich die Frage: „Wie kommt es zu solch einem desolaten Leben? Als Ronny R. elf ist, kommt es zu Hause zum Streit mit der Mutter und deren Lebensgefährten. Acht Schulwechsel in neun Jahren, Kinderheim, betreutes Wohnen, letztlich Obdachlosenheim sind seine Stationen. Chancen, die ihm seine Betreuer und die Richter einräumen, schlägt er leichtfertig in den Wind. Zuletzt in Nünchritz, als er endlich eine Ausbildung samt Unterkunft hat und doch wieder rausfliegt. Noch nie hat er selbst Geld verdient oder Stütze bekommen, quasi immer von der (Diebes-)Hand in den Mund gelebt.
Gerade habe er angefangen, Fuß zu fassen, sagt Ronny R. Seit einem Vierteljahr sei er „clean“ – drogenfrei. Er habe jetzt eine Freundin. Sie und deren Mutter in Zadel „kümmern sich wenigstens ein bisschen um mich“. Als Herbert Zapf den Namen der Freundin hört, schüttelt er den Kopf. „Die kenne ich – dienstlich“, bemerkt er vielsagend.
Obwohl R. „schon“ 19 ist, wird er nach Jugendstrafrecht beurteilt. Staatsanwalt, Jugendgerichtshelferin, Verteidiger und Richter sind sich einig: Er habe nicht die Reife eines Erwachsenen. „Sie sind eigentlich das Opfer Ihrer zur Erziehung nicht fähigen Mutter“, sagt Herbert Zapf mit nachdenklicher Miene. Deshalb habe er lange über das Strafmaß, das keinesfalls mehr zur Bewährung ausgelegt werden kann, nachgedacht. Letztlich verhängt er besagte anderthalb Jahre, „um Ihnen möglichst viel Zeit zu geben, das nachzuholen, was man Ihnen bislang verweigert hat.“
Ronny K. nickt wortlos. Er wirkt, als sei er erlöst.

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