Wenn der Angeklagte fehlt

Wenn der Richter vergeblich auf den Angeklagten wartet
 

Immer wieder kommen Angeklagte einfach nicht zur Verhandlung. Riesas Amtsrichter Zapf ärgert sich zwar, ist aber nicht frustriert, sondern hart.
 

Von Thomas Riemer

 

 
   
 

Ulf S. hat einen Gerichtstermin. „Gefährliche Körperverletzung“ lautet die Anklage. Und als die Verhandlung beginnen soll, harren neben dem Richter, dem Staatsanwalt sowie dem Journalisten zwei Dutzend Gymnasiasten aus Riesa auf den Besucherstühlen aus. Vergeblich. Denn die Anklagebank bleibt leer. „Er hat das gestern über seine Verteidigerin angekündigt“, sagt Richter Mischa Hecker erklärend. Auch die ist gleich zu Hause geblieben. Was der Richter dann tut, nennt man wohl „kurzen Prozess“: Er verhängt eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 40 Euro gegen Ulf S. Basta, Deckel drauf. „Die Beweislage war recht eindeutig“, begründet Hecker und schließt die Akte.
Drei von vier Verhandlungen an diesem Tag finden trotzdem statt. Eine „Trefferquote“, die im Zuge des üblichen Alltagsgeschäfts liegt. Und trotzdem niemanden befriedigt. „Im Prinzip ist es mit relativ egal, wenn ein Angeklagter nicht kommt“, sagt Riesas Amtsrichter Herbert Zapf.

Ärger ja, Frust nein

Dennoch sei es natürlich sehr ärgerlich aus seiner Sicht, wenn er sich zuvor lange mit dem Prozess und der Akte beschäftigt, sich in den Fall hereingelesen hat. Deshalb kennt der erfahrene Richter auch kein Tabu. „Ich erlasse grundsätzlich Haftbefehl“, sagt er zu seiner persönlichen Verfahrensweise in solchen Fällen. Frustriert sei er deswegen aber nicht. Irgendwann werde es dann schon zum Verfahren kommen. „Der muss dann eben warten, bis ich Zeit habe“, so Zapf.
Doppelt ärgerlich wird es freilich, wenn noch mehr Leute in einen Fall involviert sind und als Zeugen geladen werden. „Diebstahl in zwei Fällen“ lautet beispielsweise der Vorwurf gegen einen jungen Mann aus der Nähe von Halle. Seine Anwältin reiste vor wenigen Tagen extra aus der Saalestadt nach Riesa an. Drei Zeugen nahmen in der Besucherreihe Platz, auch seine Lebensgefährtin. Wo der Mann indes abgeblieben ist, konnte niemand sagen. „Ich habe seit zwei Wochen keinen Kontakt mehr zu ihm“, sagt seine Anwältin. Auch die Freundin schüttelt ahnungslos mit dem Kopf. Immerhin: Akten sind unbestechlich. Der Angeklagte ist erst im März zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt worden – wegen Diebstahl, den er im Dezember 2011 begangen hat. Deshalb wird das Riesaer Verfahren „auf Antrag der Staatsanwaltschaft wegen rechtskräftiger Verurteilung des Angeklagten in Halle“ eingestellt, wie es im Amtsdeutsch und damit auch im Protokoll vermerkt wird.
So viel „Glück“ hat Paul G. nicht. Auch er blieb seinem Verfahren wegen Diebstahl fern, erschien auch nach der üblichen Viertelstunde Wartezeit des Gerichts nicht im Saal. War die frühe Morgenstunde „schuld“? Oder kannte er den Termin nicht? Letzteres ist in der Regel auszuschließen – denn vor jeder Verhandlung wird die „ordnungsgemäße Ladung“ aller Beteiligten protokolliert. In diesem Fall saß auch die Verteidigerin des Angeklagten vergeblich da. Ihr „Vorteil“: Zwei Stunden später wartete ihr nächster Prozess – zu diesem kam dann ihr Mandant pünktlich. „Urlaub“ für einen Zeugenauftritt bekam jüngst ein Mann, der in Handschellen ins Gerichtsgebäude gebracht wurde, weil er wegen Körperverletzung in Haft sitzt. Auch er kam umsonst – sein „Freund“ blieb zu Hause. Gut möglich, dass er ihn demnächst in der JVA wieder sieht – denn das Amtsgericht erließ Haftbefehl gegen den Mann.

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