Schrott ohne Genehmigung entsorgt
 

Der 65-jährige Geschäftsführer einer Großenhainer Recyclingfirma stand dafür
jetzt in Riesa vor Gericht. Er will von nichts gewusst haben.
 

Von Thomas Riemer
 
   
 

Mehrmals muss Christian H. tief Luft holen. „Das kann ich Ihnen nicht beantworten“, sagt er. Dabei war die Frage von Oberstaatsanwalt Christian Avenarius simpel und verständlich. „Warum haben Sie die Anlage weiter betrieben, obwohl dies vom Landratsamt untersagt war?“ Genau dafür muss der 65-jährige H. jetzt nach einem Urteil des Riesaer Amtsgerichtes eine Geldstrafe von 800 Euro bezahlen. Und sie wäre wahrscheinlich noch höher ausgefallen, wenn der frühere Geschäftsführer einer Recycling-Firma die Sache nicht von vornher-ein gestanden hätte.
Aber der Reihe nach. Zwischen März 2009 und September 2010 hat das Unternehmen eine Halle samt Außenflächen im Gewerbegebiet Großenhain-Zschieschen für die Zwischenlagerung ausgemusterter elektronischer Gerätschaften genutzt. Alte Fernseher, Computerbildschirme, Kühlschränke sind tonnenweise darunter. Teilweise sollen die Bildschirme vor Ort zertrümmert worden sein, sodass darin enthaltene umweltschädigende Stoffe austreten konnten. Ein weiterer Vorwurf: Statt nur einer genehmigten wurden teilweise zwei Schrottpressen genutzt sowie statt zugelassener zehn bis zu zwanzig Arbeitskräfte beschäftigt. Als die Umweltbehörde des Meißner Landratsamtes aus immissionsschutzrechtlichen Gründen den Betrieb der Anlagen untersagte, passierte im Unternehmen nichts. Vielmehr wurde fleißig weiter entsorgt.
„Das ist alles soweit richtig“, sagt Christian H. Er war als Geschäftsführer des Unternehmens zuständig für die Arbeiten. Allerdings bestreitet er, dass vor Ort in Großenhain Glaskörper zertrümmert wurden. „Die Geräte kamen schon kaputt bei uns an, wir haben keinen Glasbruch produziert“, sagt er. Als die Vorwürfe gegen die Firma laut wurden, dass dort Röhren zersplittert werden, habe er den Betriebsleiter in Großenhain schriftlich angewiesen, „keine Bildschirme zu zerstören“.
Kontrollieren konnte Christian H. das aber nicht. Denn als Geschäftsführer agierte er zumeist vom Stammsitz in Radebeul aus. Und wenn er dann doch in Großenhain einschwebte, hatte der „Buschfunk“ längst funktioniert. „Ich bin über viele Dinge gar nicht informiert worden, weil der Generalbevollmächtigte der Gesellschafter dies blockierte“, so Christian H. So sei ihm offenbar Post gar nicht oder verspätet zur Kenntnis gegeben worden. Von besagter Stilllegungsforderung des Landratsamtes habe er beispielsweise erst erfahren, als gerade wieder eine größere Lieferung in Großenhain ankam.

Nur der Strohmann?

Er habe sie dann trotzdem abgewickelt, um eine angebliche Vertragsstrafe an den Lieferanten, die der „Bevollmächtigte“ erwähnte, zu verhindern. „Ich war nur repräsentativ, hatte nichts zu sagen“, klagt Christian H. Seinen Weisungen als alleiniger Geschäftsführer sei zwar Folge geleistet worden, „aber ich habe eben nicht alles erfahren“. Sein Tonfall klingt nach Verzweiflung. Auch nach Angst vor vermeintlichen Hintermännern, die das Sagen haben.
Dabei hatte H. den Posten als eine Chance für sich gesehen. Die Firma florierte anfangs auch. Neben Großenhain sollte ein zweiter Standort in Kesselsdorf aufgebaut werden. Als es dort Probleme mit Genehmigungen gab, seien Arbeitskräfte unter anderem nach Großenhain „umgesiedelt“ worden – was wiederum den dortigen Auflagen widersprach. Trotzdem kam das Landratsamt sogar entgegen, hob den „Sofortvollzug“ der Stilllegung teilweise auf, „um Druck rauszunehmen und der Firma eine Chance zu geben“, so der Leiter des Umweltamtes Peter Jönsson, der als Zeuge vor dem Riesaer Amtsgericht aussagt. Ein Fehler, räumt er ein.
Für Oberstaatsanwalt Avenarius ist der Tatbestand des unerlaubten Betreibens von Anlagen erfüllt. Der Angeklagte sei als Geschäftsführer verantwortlich, auch wenn er zunehmend als „Strohmann“ diente. Zudem sei damit über rund anderthalb Jahre eine „intensive Gefährdung der Umwelt“ verbunden gewesen. Entlastend wirke das Geständnis, sechs Einträge im Bundeszentralregister aber müssten zwangsläufig zu einer höheren Geldstrafe führen.
Richter Mischa Hecker verhängt die geforderten 80 Tagessätze zu je zehn Euro. Und Christian H. scheint erleichtert. Denn er ist ein gebrochener Mann und diesmal sehr glimpflich davongekommen.

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