Das Lars-Engel-Gemeinschaftsgefühl
1711 Fans kamen gestern in die Nudelarena, um dem querschnittgelähmten Riesaer zu helfen.
 
Von Thomas Riemer, Jens Ostrowski und Jörg Richter
 
„Auf Riesa und Dresden ist Verlass.“ MDR-Mann Gert Zimmermann hat schon Minuten vor dem Spiel die eigentliche Zusammenfassung der Resonanz auf das Anliegen der Begegnung beschrieben. Als der querschnittgelähmte Lars Engel dann mit dem Rollstuhl auf den grünen Rasen der „Nudelarena“ fährt,  brandet Beifall auf. Die meisten der über 1 700 Zuschauer haben aus den Medien vom Schicksal des 24- Jährigen erfahren. Lars, zum ersten Mal überhaupt live in einem Fußballstadion, ist gerührt, kann seine Tränen nicht verbergen. „Ich möchte euch alle umarmen. Ich werde bleiben, bis der Letzte gegangen ist“, sagt er dann ins Stadionmikrofon.
 
TSV Stahl Riesa gegen Dynamo Dresden, Bezirksligist gegen Bundesligist. Die Konstellation ist eigentlich eindeutig, angesichts mancher Befürchtungen um die Fans aber längst nicht klar. Gert „Zimmi“ Zimmermann bringt es schnell auf den Punkt. „Dies hier sind Bilder, die zeigen, was der Fußball kann“, sagt  er. Versicherungen und Banken seien dazu nicht in der Lage gewesen, fügt er in Anlehnung daran hinzu, dass Lars Engels Familie 35 000 Euro benötigt, um das Haus behindertengerecht umzubauen. Während  Frank Engel, Lars‘ Vater, noch ein „ungeheurer Wahnsinn“ herauspresst, ist Mutter Heidi einfach nur  fassungslos und vergräbt ihr Gesicht vor Freude weinend in der Schulter einer Freundin.
 
Die Präsidenten der beiden spielenden Vereine freuen sich. „Dynamo hat auch eine soziale Seite“, sagt Vereinschef Andreas Ritter. Und Stahl-Präsident Stephan Robl lobt, dass „das Spiel nach einem Telefonat innerhalb von fünf Minuten auf die Reihe“ kam. Dann wird Fußball gespielt.
 
An der Eckfahne neben dem  Würstchenstand verfolgen auch zwei Männer mit blauen Sportjacken das Spiel. Aber auf ihren Rücken  steht weder Stahl Riesa noch Dynamo Dresden, sondern TuS Weinböhla. Es sind die Nachwuchstrainer  Uwe Bartel und Thorsten Fischer. Um sie herum tummeln sich neun Jungs – die Weinböhlaer D-Junioren.  „Wir haben heute unser Training ausfallen lassen und sind hier her gefahren. Außerdem ist es für einen  guten Zweck“, sagt Bartel. Die Weinböhlaer haben nicht nur jeder die fünf Euro Eintritt bezahlt, sondern noch zusätzlich 200 Euro aus der Mannschaftskasse genommen. Das Geld soll Lars Engel helfen. Die Weinböhlaer Nachwuchsfußballer sind auch wegen den Dynamo-Spielern hier. So nah kommen sie an ihre Idole selten heran. Doch in der ersten Halbzeit sind die Bundesligaprofis schier unerreichbar fern, bis auf den Torwart. Denn das Geschehen spielt sich meist auf der anderen Seite des Rasens ab. Nur selten kommt der Ball mal in die Nähe des Dynamo-Tors. Auch wenn der Riesaer Thomas Löffler auf der rechten  Seite ackert und auch zweimal eine Flanke in den Dresdner Strafraum schlagen kann, finden sie keinen Abnehmer oder ist ein Bein der Schwarz-Gelben dazwischen und wehrt den Ball ab. Die Zuschauer auf der anderen Seite kommen mehr auf ihre Kosten. Pavel Fort schenkt den Riesaern drei Tore ein und sorgt  damit für einen lupenreinen Hattrick. Die Stahl-Fans im weiten Rund nehmen es gelassen. Denn immerhin trennen Dynamo und den TSV fünf Ligen. Dass Stahl an die großen DDR-Oberliga-Zeiten anknüpfen kann und den Dresdnern ebenbürtig ist, hat vor diesem Benefizspiel sowieso niemand erwartet. „Bloß nicht  zweistellig!“ ist die Hoffnung, die man vor und während der Partie ständig hört. Zur Halbzeit steht es 0 : 3 aus Riesaer Sicht. Die Stahl-Fans sind zufrieden und auch die etwa 300 Dynamo-Anhänger, die in einem  Extra-Block von den restlichen Zuschauern fern gehalten werden. Sie sind gut gelaunt und singen: „Ohne Lars – wär hier gar nichts los.“
 
In der Halbzeitpause verkündet Gerd Zimmermann die mit Spannung erwartete Zuschauerzahl. 1711 Fußballfans sind zum Benefizspiel gekommen. Zusammen mit dem Geld, dass noch ein paar Sponsoren der Veranstaltung drauf legen, sind also rund 10000 Euro zusammen gekommen. Auf dem Spendenkonto,  das die SZ vor einigen Wochen eingerichtet hat, wurden bis dato noch einmal mehr als 8 000 Euro  eingezahlt. Der behindertengerechte Umbau von Lars Engels Elternhaus rückt näher. Selbst Gert Zimmermann, den eigentlich sonst nichts so schnell erschüttert, wird jetzt sentimental. „Das Lars-Engel-Gemeinschaftsgefühl“ fasst er dann seine Eindrücke zusammen – und trifft damit wieder einmal den Nagel auf den Kopf. Lars Engel wiederum gerät ins Schwärmen. „Ihr seid Helden für mich“, ruft er allen Unterstützern zu.
 
Das Spiel geht weiter. In der zweiten Halbzeit gibt Dynamo-Trainer Ralf Loose ein paar Spielern aus der zweiten Reihe eine Einsatzchance. Sie wittern ihre Chance, legen sich ins Zeug. Dresden hat mehr  Torszenen als noch vor der Pause. Den Stahlern dagegen scheint ein wenig die Puste auszugehen.  Dynamo erhöht systematisch den Druck und die Torbilanz. Cidimar, Stoll und Schnetzler schrauben das Resultat auf 0:6. Der Ehrentreffer bleibt dem TSV versagt. „Schade, das hätten sie ihnen ruhig gönnen können“, sagt Ingrid Beier, das Dynamo-Fan-Urgestein ein wenig fröstelnd angesichts von vier Grad Celsius.
 
Auch MDR-Redakteur Florian Weichert friert. Mit der Kamera entgeht ihm nichts auf dem Spielfeld und am  Rande. Er hat schon viele Spiele von Dynamo erlebt. „Das ist ein typisches Benefizspiel, dient einem guten Zweck. Das ist das Wichtigste“, sagt er. Am Sonnabend wird er bei „Sport im Osten“ über das Riesaer  Erlebnis berichten.
 
Gerti Töpfer spricht von „Gäsenhaut-Feeling“ an diesem Abend. „Es ist einfach ein Fußballfest“, sagt sie. Sie sei beeindruckt gewesen von der Stille und der Anteilnahme vor Spielbeginn. Das sei „gar nicht wie beim Fußball“ gewesen. Und natürlich sei sie froh, dass es entgegen mancherorts geäußerter Befüchtungen ruhig bei den Fans geblieben ist.
 
Der Chef des Riesaer Polizeireviers Hermann Braunger zeigt sich mit dem Ablauf der Veranstaltung sehr zufrieden. Alle Schwarzmalerei durch Fans beider Seiten in entsprechenden Internetforen waren vergebens  „Es war ein friedliches Spiel. Die Chaoten sind zu Hause geblieben“, sagt Braunger. Lediglich zwei Dynamo-Fans seien vor dem Spiel Feuerwerkskörper abgenommen worden. „Ich freue mich besonders für Lars Engel, dass bei diesem Spiel alles so gut funktioniert hat“, sagt Braunger, der zugibt, eine Gänsehaut bekommen zu haben, als Lars Engel auf das Spielfeld rollte. „Riesa hat die Erwartungen erfüllt“, lautet das Fazit vom TSV-Präsident Stephan Robl. Von der Resonanz sei er prinzipiell nicht überrascht, aber natürlich glücklich, wie es gelaufen ist.
 
„Diesen Tag werde ich sicher nie vergessen“
Lars Engel ist überwältigt von der Anteilnahme. Die SZ sprach mit ihm kurz vor Ende des Spiels.
 
Lars, wie fühlen Sie sich jetzt?
Es ist einfach nur wunderschön! Ich spüre das Gefühl in mir: Ich bin wieder zu Hause. Es ist, als wäre ich nie weg gewesen. Es ist Wahnsinn.
 
Hätten Sie vor ein paar Wochen gedacht, dass so etwas möglich ist?
Dass so etwas Großartiges ins Rollen kommt? Nein. Das ist einfach traumhaft, was die Zeitung und  die Fußballer da vollbracht haben. Ich werde nach dem Spiel zum Ausgang fahren und mich bei jedem Zuschauer persönlich bedanken.
 
Teilen Sie jetzt den Optimismus, dass das nötige Geld für den Umbau Ihres Hauses zusammenkommt?
Heute steht diese Frage nach dem Geld für mich an zweiter Stelle. Für mich ist eines viel wichtiger: Ich freue mich, bei den Menschen hier zu sein. Denn soviel ist klar: Diesen Tag werde ich nie  vergessen. Stellen Sie sich doch mal vor - die Leute vom roten Kreuz hier waren nur für mich da. So  etwas hätte ich mir vorher nie vorstellen können.
 
Stimmt es, dass Sie vorher noch nie zu einem Fußballspiel waren?
Ja. Ich bin auch nicht Fan von irgendeiner Mannschaft. Das Spiel hier finde ich aber schön.
 
Gespräch: Thomas Riemer
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 11. November 2011)

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