Im Würgegriff

Im Würgegriff
Eine Auseinandersetzung in Zeithain endet vor dem Amtsgericht Riesa. Doch selbst dort kommt nicht wirklich Licht ins Dunkel. Denn die angeblich Gepeinigte fehlt.
 
Von Thomas Riemer
 
Katrin J. hat ein Martyrium hinter sich. Die eine Nachbarin soll sie
nach einem Sturz auf der Treppe in einem Block des Zeithainer
Wohngebietes Nikopoler Straße ins Gesicht geschlagen haben. Eine zweite
Beteiligte hat sie mit den Worten „Du Schlampe, Du Hure, Du Drecksau“
beleidigt. Von dritter Seite bekam sie zu hören, dass sie wegen ihrer
psychischen Probleme „eine Therapie machen“ soll. Und zu guter Letzt
hat ein 23-Jähriger damaliger Nachbar Katrin J. dann noch im Hausflur
gewürgt.
Ob dies alles tatsächlich so am 9. Juli des vergangenen Jahres passiert
ist, wollten Richter Mischa Hecker und Oberstaatsanwältin Karin Dietze
gestern vor dem Riesaer Amtsgericht herausfinden.
 
Angeklagt waren drei Frauen (57, 34, 28) sowie Marcel H. (23) wegen des
Vorwurfs der Körperverletzung und Beleidigung. Alles soll sich an
besagtem Sonnabend irgendwann gegen 23 Uhr abgespielt haben. Elke W.
(57) war nach eigener Aussage froh, dass ihre drei Enkel endlich zur
Ruhe gekommen waren. Dann sei draußen – möglicherweise durch einen
verspäteten Silvesterknaller vom Balkon verursacht – plötzlich Krach
und Geschrei gewesen. „Und da ging die mich an“, sagt Elke W. „Die“ ist
Katrin J. Im Haus ist die dreifache Mutter offenbar nicht gerade
beliebt. An jenem Abend wurde das besonders deutlich. „Die J. hat mich
gekratzt und beleidigt – da hab ich ihr eine runtergehauen“, gesteht
Elke W. Ob es auch ihrerseits eine Beleidigung gab, will sie nicht
ausschließen. „Es könnte möglich sein in der Aufregung.“
Irgendwann waren plötzlich alle im Hausflur, erinnert sich die
Mitangeklagte Claudia T. Katrin J. habe auf der Treppe gesessen, sie
habe ihre Hände festgehalten,„weil sie sich immer wieder losreißen
wollte“. Dann sei das Licht aus- und sofort wieder angegangen. Katrin
J. hatte plötzlich eine Schramme am Auge „Aber nicht von mir“, beteuert
Claudia T. Hier kommt dann die dritte Dame ins Spiel – Stefanie Z.
(28). Vielleicht habe sie Katrin J. ja „im Reflex“ getroffen. Schlimm
könne das nicht gewesen sein, „ich kann ja gar nicht dolle zuschlagen“.
Dass sie Katrin J. beleidigt oder bloßgestellt hat, verneint Stefanie
Z. vehement.
„Viel kann ich nicht dazu sagen“, erklärt letztlich der vierte
vermeintliche Täter Marcel H. (23). Denn offenbar war vor dem Geschehen
der Alkohol nicht zu knapp geflossen. H. räumt allerdings ein, Katrin
J. an den Kragen gegriffen zu haben, um seine Freundin Claudia T. zu
verteidigen. Dass er einen Würgegriff am Hals angesetzt hat, weist er
zurück. „Nicht mal unter Alkohol würde ich jemand am Hals packen“, so H.
Auf die Aussage der angeblich Gepeinigten musste das Gericht verzichten
– Katrin J. erschien nicht zur Zeugenvernehmung. Ihr früherer
Lebensgefährte räumt im Zeugenstand zwar ein, dass es im Haus Streit
gab. Genauer kann oder will er sich aber nicht erinnern. Weil er nach
beim Besuch des Riesaer Stadtfestes am gleichen Tag mindestens zehn
Alkoholeinheiten verdrückt hatte? Auch der Freund von Elke W. zieht es
vor zu schweigen. Einziger Kommentar: „Die J. ist doch krank im Kopf.“
 
Oberstaatsanwältin Dietze ist zurecht sauer. Jeder erzähle etwas
anderes – und viel Kauderwelsch. Auch die Zeugenaussage eines
Polizisten, der vor Ort zu schlichten versuchte, bringt kein Licht ins
Dunkel. „Zumindest waren die Polizisten die einzigen, die nüchtern
waren“, konstatiert Karin Dietze.
Katrin J. ist bereits in einem früheren Verfahren zu einer Geldstrafe
verurteilt worden. Ihre „Peiniger“ kommen glimpflich weg. Wegen
„geringer Schuld“ wird das Verfahren gegen die drei Frauen eingestellt.
Nur Marcel H. muss eine Geldstrafe von 100 Euro zahlen, weil er Katrin
J. an den Kragen gegangen ist.

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