Das Fußball-Märchen

 

Das Märchen ist zu Ende
Das Team 2000plus01 verlässt die Fußball-Bühne. Ein Abschied voller Stolz und mit Wehmut. Der Blick geht nach vorn: Alle Traktoristen spielen künftig höherklassig.
 
 
Die letzte Mannschaftssitzung war geheim. Ohne Trainer. In der Abenddämmerung auf einem Bolzplatz in der Jugendherberge Burg im Spreewald. Viel ist davon nicht nach außen gedrungen. Die Jungs wollten noch einmal unter sich sein. Ein einziges Mal noch. Sie haben über ein spannendes Jahr geredet, heißt es. Sie haben sich bei den Händen genommen, die Arme um die Schultern gelegt. „Wirsinddasteamzweitausendeins“ Dutzende Male haben sie sich vor den Spielen geschworen, füreinander einzustehen. Diesmal klingt es leiser als sonst. Wehmütig, traurig. Irgendeiner sagt schließlich: „Schade, dass wir nicht mehr zusammen spielen können.“
 
Die Traktoristen haben die Fußball-Bühne verlassen. Für einige gingen grandiose vier Jahre, für andere auch nur ein Jahr mit wertvollsten Erfahrungen zu Ende. Für Coach Micha war es das Abenteuer schlechthin. Denn der Wechsel seinerzeit aus Großenhain aus Priestewitz – er war ein Risiko, ein Abenteuer – und letztlich ein Märchen. Aber ein sehr, sehr schönes.
 
Ich kann hier nur über das letzte Jahr reden. Was davor war, kenne ich teils vom Hörensagen, teils aus der Gerüchteküche. So viel ist klar: Der Umzug von der Sportstätte, die nach Deutschlands Sportvater benannt ist, zur „Adi-Noppes-Kampfbahn“ war ein gewagter, aber richtiger Schritt. Um die 40 Kinder, hat Micha ausgerechnet, durchliefen die Priestewitzer Fußballschule in dieser Zeit. Und sie fuhren Erfolge ein: Kreismeister, Hallentitel in Kreis und Bezirk, unvergessene Turniere auf grünem Rasen und unterm Hallendach. Und immer wieder, Jahr für Jahr, mussten sich die Traktoristen vor allem gegen diese Dinge behaupten: Vorurteile, Geringschätzigkeit, Nachtreten, auch Hass. Sie haben sich dennoch durchgesetzt, weil das Team funktionierte. Ein Team mit Einzelkönnern, Ballschleppern, Lernenden, Dribblekünstlern, Rastellis – und das in einer Mannschaft. „Bei uns gab es nie Arschlöcher“, sagt Micha und meint damit: Wer unter seinen Fittichen war, lernte das, was Fußball ausmacht: Spaß, Freundschaft, Teamgeist.
 
Ja, diese letzte Saison brachte noch einmal Unvergessliches. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen mussten die Traktoristen zwar in der untersten Spielklasse die Punktspiele absolvieren. Aber wie sie das machten, das nötigt Respekt ab. Ein einziges Pünktchen gaben sie ab. Und das, obwohl die Konkurrenz zum Teil nicht nur zwei Jahre älter, sondern auch zwei Köpfe größer und 20 Kilo schwerer war.
 
Die eigentlichen Herausforderungen mussten Coach Micha und Manager Andreas anderswo suchen. Freundschaftsspiele und Feldturniere mit Mannschaften höheren Kalibers zum Beispiel. Hallenturniere, bei denen man sich nicht mit der Elite aus Großenhain, Riesa und Meißen, sondern aus Hannover, Berlin, Rostock, Leipzig, Warschau und Jena maß. Unvergessen bleibt der Hallenkick Ende Februar 2012 mit 16 Teams aus vier Ländern. Die Traktoristen besiegten als einizges Team den späteren Turniersieger Hannover 96, brachten ihn beim zweiten Aufeinandertreffen nochmals an den Rand einer Niederlage. Und das lag gewiss nicht daran, dass die Niedersachsen zu wenig Kohlenhydrate aus der Priestewitzer Küche bekommen hatten!
 
Unvergessen auch das Triumpherat bis zum Einzug ins Finale des Kreispokals. Erst im Endspiel mussten sich die Traktoristen geschlagen geben – einem höherklassigen, älteren und am Finaltag einfach besseren Team. Sorry, aber zum Glück war das die einzige schmerzhafte Schlappe in einer letztlich überragenden Saison.
 
Bei der Oscar-Verleihung würde jetzt das Dankesagen beginnen. Das erspar ich uns. Weil jeder weiß, dass ohne Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde, Verwandte gar nichts gegangen wäre. Hier unterscheiden wir uns ausnahmsweise in Nichts von anderen Vereinen und Mannschaften. Oder doch? Jeder kann sich die Frage selbst beantworten.
 
Früh deutete sich an, dass das Ende des Märchen naht. Vor allem objektive Gründe sprachen dafür. Bei aller Wehmut lässt sich eins schon jetzt prognostizieren: Keiner unserer elf Traktoristen fällt „hinten runter“. Im Gegenteil: Alle spielen künftig höherklassig. Und als stiller Beobachter mache ich kein Hehl daraus, dass ich darauf sehr stolz bin und dies auch ein bissel spitzbübisch in Richtung Nachbarschaft sage. Wer mir vor einem Jahr nämlich gesagt hätte, dass „little Justin“ mal ein Boreaner wird – ich hätte ihn mit der berühmten Fingerbewegung in Richtung ansetzendes Haupthaar bedacht. Und jetzt wird „der Wühler“ zusammen mit Paul, Karli und Julian in die Dresdner Talenteschmiede stürmen! Kein Zweifel: Das Märchen geht irgendwie weiter. Auch für andere. Sie werden Gröditzer, Riesaer Akademiker, grün-weiße Ebersbacher, Meißner oder bleiben zumindest als Spielgemeinschaftskicker den Traktoristen treu. Gute Nachricht für die künftigen Trainer: Hier kommen – jeder auf seine Art – absolut intakte Kicker zu euch!
 
Die letzte Mannschaftssitzung war geheim. Nur einen Steinwurf entfernt saßen wir Eltern. Als dann ein letztes „offizielles“ Wort gesprochen wurde, hatten auch wir die berühmte Träne im Knopfloch. Der Abschied aus der Jugendherberge – ja, er war eine endgültige Trennung. Oder doch nicht? Die Jungs haben sich mit Abklatschen und einem Augenzwinkern voneinander verabschiedet. So, als hätten sie sich in ihrem letzten Kreis auf einem abgegrasten Bolzplatz der Burger Jugendherberge geschworen: Irgendwann nehmen wir unseren Coach nach einem Turnier mal in die Mitte – als All-Star-Team der besten Turnierspieler.
Danke Jungs, danke Coach, danke Manager, danke Eltern! Und danke an alle Traktoristen in Priestewitz! Ihr seid Oscar-reif!

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