Bahn-brechendes beim Zug fahren

Zugfahren macht Spaß. Zugfahren entspannt. Auch wenn Zug nicht immer gleich Zug ist. Oder besser: Bahn nicht immer gleich Bahn.
Denn als mein Zug an einem lauen Juli-Abend nach Dresden fahren sollte, verließ er in Pulsnitz den Bahnhof gerade gen Kamenz. Als ich mit rund 25 Minuten Verspätung dann doch in die richtige Richtung fuhr, stand keine 30 Sekunden danach schon die Schaffnerin vor mir. „Die Fahrkarte bitte!“  Ob sie mir sonst noch etwas zu sagen hätte, fragte ich sie höflich. „Nein, wieso?“ Ich zeigte auf die Uhr. „Ja, die Bahn hat uns informiert, dass wir Verspätung haben“, erklärte mir das blauäugige Fräulein. Ich muss ziemlich verdutzt geschaut haben, denn ohne gefragt worden zu sein, platzte sie heraus: „Nein, wir sind nicht die Bahn.“ Achselzuckend und verständnislos blickte ich die blaukostümierte Frau an. Und versuchte zu kombinieren: Ich fahre also Zug, aber nicht mit der Bahn. Aha. Um nicht unsicher zu erscheinen, wechselte ich das Thema. Wie, bitteschön, erreiche ich denn zu dieser schon recht fortgeschrittenen Stunde trotz der Verspätung meinen „Heimathafen“ nahe Großenhain via Dresden. „Da können wir mal im Internet nachschauen“, sagte die Wächterin mit genervtem Unterton. Dann war sie in der nächsten Fahrgast-Nische – um ihrer Kontrollpflicht nachzukommen.
Endlich hatte ich Zeit zum Ordnen der Gedanken. Ich saß also im Zug, das war schon mal sicher. Aber in keinem, der von der Bahn gesteuert wurde. Endlich machte es klick. Das war keine Bahnstrecke, sondern eine Route der StädteBahn Sachsen GmbH. Und deshalb hat die Deutsche Bahn der SBS, erklärt, dass deren Zug Verspätung hat. Das leuchtete ein. Ich tippte mir an die Stirn. Dass ich darauf nicht früher gekommen war!
Inzwischen war die Bahn, äh: der Zug, gut gefüllt und rollte gen Dresden-Neustadt mit Ziel Hauptbahnhof. Als das gutaussehende Fräulein nach ihrem Fahrschein-Kontrollgang zurück ins Fahrerstübchen stürmte, frohlockte ich: Dort musste das Internet sein. Vielleicht erklärte es ja gerade der hübschen Zugbegleiterin, wie ich mit der Bahn – ja: der Deutschen Bahn – doch noch nach Großenhain kommen würde? Wieder irrte ich. Aus der Decke dröhnte es: „Sehr geehrte Fahrgäste…nicht bekannte Schwierigkeiten…Zug fährt nicht bis Hauptbahnhof…endet bereits in Dresden-Neustadt…Ausstieg in Fahrtrichtung links…wünschen Ihnen trotzdem eine angenehme Weiterfahrt…“ Letzteres hörten die meisten Fahrgäste schon nicht mehr, weil sie sich schimpfend zum Ausstieg in Fahrtrichtung links drängten. Frau Kontrolleurin hörte wiederum das Schimpfen nicht mehr – sie hatte die Tür des Fahrerstübchens geschlossen. Und alles kontrolliert und unter Kontrolle.
Ich stieg als Letzter der Reisenden aus. Die Tür schloss automatisch. Die Bahn, pardon: der Zug, fuhr davon. Ich fühlte mich geborgen auf dem Bahnhof der Deutschen Bahn. Ein DB-Automat wies mir eine Verbindung nach Hause – und druckte sie sogar aus! Spät erreichte ich meinen heimischen (Bahn)Hof – natürlich kontrolliert. Nicht mit Müh und Not, sondern mit dem Zug. Bahnfahren kann manchmal eben auch Spaß machen.

 

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