Der alte Mann

Der alte Mann am Rande

Erwin schlürft Kaffee aus dem Plastebecher. Den hat ihm Waltraut eingelassen. Aus der Thermoskanne, deren Inhalt für ein ganzes Bataillon reicht. Waltraut hat das Emotions hebende Gesöff daheim gebraut. Sie ist Erwins Frau, lange schon. Und sonnabends und sonntags kocht sie eben Kaffee und schmiert Brötchen und Schnittchen für das Familienoberhaupt. Dann steht sie Seite an Seite mit Erwin neben dem grünen Rasen oder dem rotbraunen Fußballuntergrund des Hartplatzes. Oft frühmorgens. Wenn Enkel Thoralf kickt. Der stürmt in der zweiten Mannschaft des Vereins in seiner Altersklasse, kann gut mit dem Ball umgehen – besser als andere in seinem Alter. Thoralf schießt auch Tore, oft die meisten in seiner Mannschaft. Wenn nicht, probiert er es solange, bis er die Nase vorn hat. Klappt es nicht, rennt er auch schon mal vom Platz oder herrscht seine Mitspieler oder auch mal den Trainer an. Thoralf ist eben Vollblutkicker. Auf dem Platz gibt er alles und kennt keine Freunde – hüben wie drüben nicht. „Er müsste eigentlich in der ersten Mannschaft spielen, um richtig gut zu werden“, sagen die Nachwuchstrainer. „Dort schießt er zu wenig Tore“, begründet seine Mama die Absage und schaut fragend zu Erwin. Und der Großvater nickt.

Noch bis vor ein paar Monaten ist Erwin Co-Trainer der Mannschaft. Er führt fleißig die Anwesenheitsliste und das Wort. Er dirigiert. Fragen delegiert er weiter. „Das geht mer nischt an. “Das Trainieren überlässt er dem weit jüngeren, halb so alten Chef. Standesgemäß. Erwin kommentiert lieber. „So ein Mist“, ruft er, als Linksaußen Steve das runde Leder übers Tor hämmert. Steve ist eigentlich ein hoffnungsvoller kleiner Kicker mit Zukunft, wenn er an sich arbeitet. Doch zum Training kommt er oftmals nicht. Probleme in der Schule, hat auch der Co-Trainer inzwischen erfahren. „Wieder unentschuldigt“, murmelt Erwin mehr zu sich und notiert es. Ganz anders der Wirbelwind auf Rechtsaußen. Der ist immer pünktlich auf dem Platz und der Kleinste in der Truppe. Erwin zieht trotzdem die Stirn in Falten. „Viel zu eigensinnig“, sagt er dann. „Der kann gar nichts.“ Während der Wirbelwind die Mannschaft ein paar Wochen später aus Frust verlässt, bleibt Steve noch bis zum Finale der Meisterschaft, vergibt dort zwei Großchancen. Erwins Mannschaft wird „nur“ Zweiter – und noch Wochen später kennt Erwin den „Schuldigen“: Steve hat’s vergeigt. Steve muss weg. Und Steve geht. Nur die Besten dürfen bleiben – solange Enkel Thoralfs Chefrolle auf dem Rasen nicht gefährdet ist. Und Steve war gefährlich! Anfänger haben’s bei Erwin sowieso schwer. Deshalb hängen auch Roger, Benno und Julian die Töppen an den Nagel. Kurz danach nimmt auch Co-Trainer Erwin seinen Hut. Er ist gescheitert.

Erwin streicht sich mit einer Hand durchs graue kurze Haar, mit der anderen zündet er sich eine Zigarette an. Thoralf schießt inzwischen das 8:0 im Punktspiel und sein viertes Tor der Begegnung. „Das ist zu wenig“, ruft ihm der Großvater zu und gestikuliert wild mit der Zigarettenhand durch die Luft.  Halbzeit. Erwin postiert sich für seine Lieblingsrolle. Mit rauchiger Stimme werden die Aktionen nachgespielt. Und Opa ist der König. Die tiefe, immer lauter werdende Stimme duldet keinen Widerspruch. „Der kann gar nichts“, lautet das kurze Resümee über die Leistung des einzigen Abwehrspielers. Niemand widerspricht. Waltraut nicht. Thoralfs Mama nicht. Und schon gar nicht Volker, Erwins engster Vertrauter. Der findet’s gut, wenn jemand was sagt. Egal, was. Denn der hat immer recht.

Früher ist Erwin selbst dem runden Leder hinterhergejagt. Darüber erzählt er nicht viel. Höchstens: „Wenn wir nicht gespurt haben, hat uns der Trainer die Löffel langgezogen.“ Andere Zeiten, andere Sitten eben. Erwins Augen glänzen vor Freude. Damals hat es noch Zucht und Ordnung gegeben, sagt er. Da konnte nicht jeder machen, was er will. Seine tiefe Stimme wird heller, ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht. Dann zieht er die Stirn wieder in Falten. „Das waren noch Zeiten“, sagt er nachdenklich und blickt Anerkennung suchend wieder auf den grünen Rasen. Es wirkt majestätisch. Aber niemand merkt das.

Erwin schlürft wieder Kaffee, den ihm Waltraut nachgegossen hat. Halbzeit Zwei beginnt und verschafft ihm schnell Monologbedarf. Thoralf wird vom Trainer ausgewechselt. Ausgerechnet Thoralf! Das ist Majestätsbeleidigung! „Das ist doch Kacke“, schimpft er und vergisst für kurze Zeit seinen Thron. Stattdessen werden Tiere aufgezählt. Dann der Ruf nach Beistand von ganz oben. „Oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott.“ Es hilft nichts. Der Gegner schießt ein Tor. “Das hab ich doch gleich gesagt”, ruft Wahrsager Erwin. Dann ist das Spiel und damit der Fluch zu Ende. Erwin sackt kurz in sich zusammen, zündet die nächste Zigarette an. „Das war doch Mist“, fasst er nach dem 17:1 für Thoralfs Mannschaft zusammen. Beifall suchend, blickt er um sich. Niemand widerspricht. Waltraut nicht. Thoralfs Mama nicht. Und auch Volker nicht. Sie sind nicht mehr da. Niemand ist da. Erwin stolziert in Richtung Parkplatz und brummt etwas. Wieder antwortet niemand. Er ist allein – der alte Mann am Rande. Abseits.

 

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