Hildegards Leiden

Wenn Hildegard gelangweilt und betont cool dreinschauend aus ihrem Büro kommt, droht nichts Gutes. "Wir müssen beraten", sagt sie dann und trommelt ihre kleine Mannschaft zusammen. Marlene ist die Letzte, die die Einladung zum Meeting trifft. Am Wochenende erst war sie zu einer Weiterbildung für Marktforschung, neudeutsch Qualifizierung, zum Thema Demografie in kleinen deutschen Städten. "Na, war's schön?" fragt Hildegard mit gespieltem Interesse und schiebt die Brille lässig von der Nasenspitze nach hinten. "Ja, war richtig gut. Hab viel gelernt und interessante Leute kennengelernt", antwortet Marlene wie aus der Pistole geschossen und total ehrlich. Hildegards Mundwinkel verziehen sich wie bei der Kanzlerin automatisch nach unten. "Dann sind ja Deine Beiträge für die Studie hoffentlich endlich brauchbar", herrscht sie in Richtung Marlenes Schreibtisch. Die zuckt kurz zusammen. "Was war denn das", fragt sie auf dem Weg ins Chefbüro Praktikantin Trixi. "Keine Ahnung, vielleicht die Hormone", bekommt sie als Antwort.
 
Im Chefbüro warten vier gespannte Augenpaare. Es muss wichtig sein, wenn Hilfegard ruft. Zunächst ist etwas anderes offenbar wichtiger. Die Chefin telefoniert. Gespannte Ruhe im Raum. "Ich muss jetzt, bis später", haucht Hildegard ins Handy. drückt die Trenntaste. Dann setzt sie sich an die Stirnseite des "Runden Tischs", der viereckig ist. Die Brille wandert wieder von der Nasenspitze nach hinten. Mustert erst Marlene, dann die kleine Praktikantin Trixi. Hans-Peter, den hier alle Pecerasi nennen, bekommt ein aufmunterndes Nicken. Und Bärbels Blick ist noch nicht zu entnehmen, ob sie entsetzt oder glücklich ist. Auf jeden Fall aber wichtig, denn Bärbel ist Hildegards Stellvertreterin. Und damit weiß sie eher als die anderen, was jetzt kommt: Stress!
 
Denn die "große" Chefetage hat der kleinen Außenstelle eine Mammutaufgabe aufgedrückt. "Wir sollen rauskriegen, warum immer weniger Leute bei uns leben wollen", sagt Hildegard. Vorsorglich hat sie alles für ein Organigramm schon zurechtgelegt. Ideen sind gefragt! Marlene traut sich als Erste in der Runde. "Ist denn die Fragestellung überhaupt richtig? Bei uns im Wohngebiet gibt es keine freien Wohnungen", sagt sie energisch, zuckt mit den Mundwinkeln und kaut nervös am angefressenen Bleistiftstummel. Genervt zieht Hildegard die Augenbrauen hoch. "Das ist nicht richtig, was Du sagst", belehrt sie Marlene. "Wir müssen viel globaler herangehen. Was sagst'n Du, Bärbel?" Die Angesprochene legt rasch ihr Smartphone auf den Tisch, auf dem sie gerade noch eine Nachricht getippt hat. "Naja, Hildegard hat schon recht", sagt sie dann mit weit aufgerissenen Augen. 
 
Die erste Klippe ist genommen. Hildegard verteilt die Aufgaben, Bärbel führt Protokoll, Marlene macht sich Bleistiftnotizen. Hans-Peter, den alle wegen seines Talents am PC Pecerasi nennen, wird ungeduldig. "Was wird denn von mir gebraucht?" fragt er. Eine Power-Point-Präsentation ist es, erfährt er von der geschäftigen Chefin. "So mit Texten, Diagrammen, Illustrationen - Du machst das schon." Als Pecerasi sichtlich unzufrieden in sich hinein grummelt, wagt Praktikantin Trixi mutig einen Vorstoß. "Ich habe da im Internet so eine ähnliche Sache gefunden. Die könnte man hier gut verwenden", sagt sie. Hildegards Stirn legt sich in Falten, die Brille muss sie kurz abnehmen. "Mit der dürfen wir nicht arbeiten", sagt sie - plötzlich sichtlich verärgert. Fragende Blicke in der Runde - mit Ausnahme der ins Vertrauen gezogenen Bärbel. "Anweisung von oben", erklärt Hildegard schnell und vergleichsweise laut. Für die Mitarbeiter das Zeichen: Bitte nicht weiter nachfragen! Trixi zuckt schuldbewusst zusammen. Hildegard beendet das Meeting. "In zwei Stunden beraten wir - dann will ich Ergebnisse."
 
Jetzt rauchen die Köpfe. Hildegard telefoniert hinter verschlossenen Türen, um aktuelle Zahlen herauszubekommen. Trixi sammelt Stimmen in Marlenes Wohngebiet - die Analyse der verpönten Studie im Hinterkopf. Marlene kramt in der Vergangenheit und zieht erfreuliche Schlüsse fürs Städtchen. Pecerasi presst die Ergebnisse ins Computerprogamm - akribisch, gewohnt pennibel. Bärbel fragt in regelmäßigen Abständen bei den Machern nach und hakt Erledigtes auf ihrem Protokoll ab. Als zwei Stunden fast vorbei sind, schließt sie die Cheftür von innen. Minuten später folgen die Mitarbeiter dem Ruf zum Meeting. "Bis dann", haucht Hildegard noch schnell ins private Handy, bevor sie den großen Chef per Telefonkonferenz zuschaltet. Der hat die Präsentation bereits angeschaut und nimmt kein Blatt vor den Mund. "Das ist wohl suboptimal gelaufen", sagt er. Zu wenig Fakten, zu viel Geschichte, zu wenig System, kaum brauchbare Schlüsse. "Guckt doch mal in das Material im Internet!" empfiehlt er noch, bevor er spürbar gereizt auflegt.
 
Hildegard ist erbost, wird blass. "Das ist doch alles Murks", ruft sie über den Brillenrand hinweg in Marlenes Richtung. Bärbels Blick geht nach unten. Hans-Peter "Pecerasi", findet seine Fassung schnell wieder. "Zeig mir mal die Sache im Internet, die Du da gefunden hat", sagt er an Praktikantin Trixi gewandt. "Ich denke, die ist für uns tabu?" fragt Trixi. Hildegard schaut düster mit strafende Geste zu ihr. Trixi verlässt schmunzelnd das Chefzimmer und schließt die Tür von außen. Drinnen rauchen wieder die Köpfe. Es ist lauter als sonst. 
 
 
 
Anmerkung: Diese Geschichte ist frei erfunden. Eine Übernahme oder ein Nachdruck - auch auszugsweise - sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet. Anfragen können unter "Kontakt" gestellt werden. T.R.

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