Klo-Gespräche

Alles gut abgelaufen
Fußballfans beim TSV Stahl wissen alles. Fast jedenfalls. Denn diskutiert wird nicht nur auf den Rängen. SZ-Autor Thomas Riemer lauschte auf der Stadion-Toilette.
 
Von Thomas Riemer
 
„Wo bitteschön geht’s hier zur Toilette?“ Wer so fragt, hat manchmal schon verloren. Oder sich, wie im folgenden Falle, geoutet. Denn eine solche Frage in einem Fußballstadion einem Ordner zu stellen, bedeutet so viel wie: „Der war noch nie hier und hat vom Kick keine Ahnung.“
 
Andererseits: In der „Nudelarena“, der Heimstatt des TSV Stahl Riesa, ist es gar nicht so einfach, das „stille Örtchen“ zu finden. „An der Tribüne vorbei, dann rechts unten im Vereinsheim“, so die knappe, aber treffende Beschreibung der netten Ordnerin am Spielfeldrand. Es ist Halbzeitpause des Pokalspiels der Stahler gegen den SSV Markranstädt. Ich gehe also los, renne die letzten Meter fast. Denn der Druck ist groß. Dann die Ernüchterung: Ich muss anstehen. „Der typische Stahl-Fan geht in der Halbzeitpause ins ,stille Örtchen‘ oder holt Vorrat für die zweite Halbzeit“, beschreibt Enrico „Enno“ Vincenz das Prozedere. Vorrat bedeutet in erster Linie: Nachschub. Denn zum Fußball gehört das Bier im Stadion genauso wie im heimischen Wohnzimmer.
 
Ron, Jens und Sandro haben das in der ersten Halbzeit so praktiziert. Und deshalb müssen sie in der Pause mal. Sie stellen sich an. „Maaaan, so kann’s weitergehen“, schreit Ron. Stahl führt zur Pause, wenn auch knapp. Die drei jungen Männer sind einigermaßen zufrieden. „Jetzt haben wir endlich Rückenwind“, blickt Jens auf Hälfte Zwei voraus. Vorher treibt es das Trio allerdings schrittweise wo anders hin. Endlich! Geschafft! Sandro ist der Erste am Ziel, postiert sich neben mir. Im Rücken beziehen auch Ron und Jens Stellung. „Wenn die so weiterspielen, hauen wir Markanstädt weg“, brüllt Ron die Wand vor sich an – und meint eigentlich seine Kumpels. „Klar doch“, erwidert Jens, zum Glück etwas leiser. Erleichterung macht sich breit. „Hol’n wir noch was zum Zischen?“ Sandro ist schon wieder auf dem Weg. 
 
„Ein Stahl-Fan muss nicht trinkfest sein. Es gibt genug Beispiele, die trinken keinen Alkohol“, ist sich Enno Vincenz sicher. Der 36-Jährige ist Fußball-Anhänger, seit er sechs Jahre alt ist. Damals war er zum ersten Mal im Grube-Stadion, da hieß der Riesaer Fußball vor allem noch BSG Stahl. „Ich fand das so fantastisch, weil es einfach eine geile Stimmung war“, so Enno. Zu den Heimspielen ging er ab da immer, Auswärtsfahrten waren tabu. Das änderte sich erst nach der Wende. Aus der BSG war der Riesaer SV geworden. Im „Grube“ erlebte er mit über 5000 anderen Zuschauern das denkwürdige 3:1 gegen den Erzrivalen Dynamo Dresden. „War das geil“, sagt er kurz und knapp.
 
Heute ist es wieder der TSV Stahl, der sowohl Enrico als auch Ron, Jens und Sandro magisch anzieht. Enno ist „ruhiger geworden“, wie er selbst behauptet. Die anderen drei eher nicht. Bei jeden Angriff der Stahler sind sie euphorisch, fiebern bei den immer bissiger werdenden Zweikämpfen der Markranstädter mit. Bei jeder Spielunterbrechung indes nippen sie an ihren Bechern. Und davon gibt es in der zweiten Halbzeit reichlich. Zu viele für Sandro, er muss schon wieder. Diesmal ist er schneller zurück – ohne Anstehen, ohne Diskussion. Dafür hält er drei frisch Gezapfte in den Händen, als er in einen von drei Fanblocks zurückkehrt. Jens und Ron klatschen ab.
 
Was macht einen Stahl-Riesa-Fan aus? Enno muss ein bisschen überlegen, ehe er antwortet. „Er muss bedingungslos hinter der Mannschaft stehen in guten wie in schlechten Zeiten. Er muss nicht unbedingt zu jeden Spiel gehen. Er soll friedlich sein und immer sachlich.“ Enno gibt zu, früher auch mal gegen diese „Regeln“ verstoßen zu haben. Aber gerade solche Dinge wie die Randale von Dresdner „Fans“ in Dortmund bringen sein Blut in Wallung. „Die Idioten konnten sich öffentlich zeigen, was in Riesa nicht sein wird“, sagt er mit Bezug auf das anstehende Benefizspiel der Dynamos in Riesa am 10. November. Kann Dortmund auch in Riesa sein? So ganz verneinen will Enno das freilich nicht. „Idioten gibt es bei jedem Verein, ob Stahl Riesa, Dynamo Dresden oder Hansa Rostock. In der Presse stehen aber immer nur die negativen Schlagzeilen, die positiven werden meist nur am Rande erwähnt“, so Enno.
 
Stahl Riesa schreibt an diesem Tag ausschließlich positive Schlagzeilen. Der Verein gewinnt 2:1, die Fans freuen sich mit den Spielern. Auch Sandro, Ron und Jens feiern – aber nur kurz. Zur Fachsimpelei geht es forschen Schrittes und schnurstracks – zum Klo. Dort ist jetzt zwar weniger An-, dafür großer Harndrang. „Einfach nur geil“, sagt Ron – er klingt etwas heiser. „Und das gegen ‚nen Höherklassigen!“ ergänzt Sandro seufzend. „Jetzt hauen wir in der nächsten Runde Kamenz weg“, gibt auch Jens noch seinen Senf am weißen Becken dazu. Was die drei noch nicht wissen: Der „Wunschgegner“ hat zur gleichen Zeit verloren. Den drei wackeren Fans ist das egal. Sie machen sich – leicht pendelnd – auf den Nachhauseweg. Zufrieden, denn: Spiel gewonnen, und auch sonst ist alles gut abgelaufen…
 
Da ist schon die nächste „philosophische“ Frage: Wann geht ein Fan nach Hause? „Früher, bin ich immer bis zum Schluss geblieben und dann in die Kneipe“, erinnert sich Enno Vincenz. „Heute haue ich nach dem Schlusspfiff ab, denn die Freundin wartet zu Hause. Man ist ein bisschen ruhiger geworden als früher…“ Mit fortschreitendem Alter sei das normal, sagt er. Denn: „Stahl-Fans reden eigentlich über alles: Fußball, Frauen, Autos, Kinder…“ Wo, das ist wurscht. Notfalls auch auf der Stadiontoilette.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Ausgabe Riesa,am 29. Oktober 2011)
 

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