Warum Weihnachten auch nerven kann

Warum Weihnachten auch nerven kann
Manch gut gemeinte Aktion in der Adventszeit geht daneben. Das liegt an den Ideen – aber auch an gestressten Kunden auf Geschenkejagd.
 
Von Thomas Riemer
 
Huuuuch! Erschrocken weicht Marion Grabosch zur Seite, zieht Söhnchen Kevin ganz nahe an sich heran. Das hatte sie dann doch nicht erwartet. Eigentlich wollte Marion Grabosch nur mal kurz die Schlagzeilen im Zeitungsständer überfliegen. Und dann das: Dieser plötzlich laut trällernde Weihnachtsmann mit dem Elchgesicht. Und der wackelt auch noch!
Um die 1,50 Meter ist das „Ungetüm“ groß und steht normalerweise vor dem Lotto- und SpirituosenGeschäft auf der oberen Riesaer Hauptstraße. Was indes manchen Kunden regelrecht nervt, ist für Mitarbeiterin Carmen Pöschl Alltag. „Mich stört das nicht“, sagt sie kurz und knapp über den Plüschkameraden, der zur Adventszeit vor dem Laden postiert ist. Dass Kunden beim einsetzenden Gesang erschrecken, hat sie allerdings schon öfter mal erlebt. Deshalb sei die Lautstärke hin und wieder auch schon runtergefahren worden.
Werner Zschiedel dagegen findet den Elch-Weihnachtsmann recht trollig. Bis auf eine „Kleinigkeit“. Der singe ja nur englische Lieder, moniert der 67-Jährige. Und kritisiert die Musikauswahl, dass es „doch wohl genug schöne deutsche Weihnachtslieder“ gibt. Recht hat er.

♦ Bei Regen den Saft abgedreht

„Der Weihnachtsmann steht schon seit einigen Jahren bei uns“, sagt Carmen Pöschl. Ihr Vorteil: Wenn die Ladentür zu ist, bekommt sie von der sonoren Stimme des „Alten“ nur sehr wenig mit. In diesem Advent musste Knecht Ruprecht allerdings desöfteren ins Ladeninnere und vor allem ins Trockene geholt werden. Das ist dann allerdings des Guten zuviel. Um Kunden nicht beim Geschenke-, Spirituosen oder Zeitschriftenkauf zu stören, wird dem Rotmantel dann eben einfach der Saft abgedreht.
Ob er zum nächsten Advent wieder im Riesaer Laden singen darf, steht derzeit in den Sternen. „In unserem Geschäft in Großenhain steht ein Schneemann. Und wir überlegen, ob wir einfach mal tauschen“, sagt Carmen Pöschl. Das würde dann zumindest optisch Abwechslung bringen. Ob Marion Grabosch dann mit Söhnchen Kevin erneut vor Schreck zusammenzuckt, wird man dann sehen.
Weiße Weihnacht gab es in den vergangenen Tagen auch ohne Schneemann immer mal wieder auf der Hauptstraße. Der Gute Alte spazierte inklusive weißem Engelchen im hellen Mantel über den Boulevard, um für eine Jubiläums-Weihnachtsaktion eines Telefonanbieters zu werben. Wer wollte, bekam einen Werbeflyer. Wer nicht mochte, bekam ihn auch. Wobei: Vorschnelle Ablehnung war in diesem Fall absolut fehl am Platze. Schließlich musste Otto-Normalbürger nur einen Coupon ausfüllen, um automatisch am Gewinnspiel teilzunehmen. Wie viele Leute das getan haben, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall war gestern Einsendeschluss. Die Gewinner, so teilten die Initiatoren mit, werden postalisch benachrichtigt.
Eine klare Botschaft wiederum haben die Inhaber eines Restaurants auf dem Einkaufsboulevard in diesen Tagen. „Schenke Musik – und die Gäste werden kommen“, lautet sie schlicht und einfach. Zu heißen Rhythmen gibts auf Wunsch heiße oder auch kalte Getränke. Dazu Schnittchen, Würstchen oder auch andere kulinarische Besonderheiten. Aus der Musikbox hallte dazu ordentlich Power. Mal weihnachtlich, mal rockig, mal von beidem etwas. Von früh bis spät. Stammkunden haben sich offenbar dran gewöhnt, Passanten finden es gewöhnungsbedürftig. Benachbarte Ladenbesitzer sind einfach nur genervt. Das hat aber seine Wirkung nicht verfehlt. Seit ein paar Tagen gibt es die Musik nur noch in Zimmer- und nicht mehr in Straßenlautstärke.

♦ „Das ist nicht mehr festlich“

Was hier zu laut, erscheint Peter Säbel in Weida zu hell. „Dort gibt es ein Haus, das nur noch so vor Lichterketten steht“, beschreibt er. Und damit nicht genug. Jede zweite Lichtanlage blinkt irgendwie. Mal weiß, mal rot, mal blau, mal bunt. „Ich komme mir vor wie in der Disko, wenn ich dort vorbeilaufe“, sagt Peter Säbel. Mit festlicher Stimmung habe das nach seiner Meinung jedenfalls nicht viel zu tun. Insgeheim bedauert er die „Festmuffel“ sogar ein bisschen. „Ich würd gern mal die Stromrechnung von denen sehen“, sagt Peter Säbel. Regionale Stromversorger winken ab. Alles im grünen Bereich, wenn man den „richtigen“ Lieferanten hat, lassen sie mitteilen. Schließlich sei im Sommer die Wasserrechnung auch höher als normal... Trotzdem: Ein bisschen Licht im Advent darf sein, aber blenden sollte es nicht.
Apropos blenden: Würden die Riesaer sämtliche vermeintliche Gewinne und Geschenketipps aus dem Internet annehmen, bräuchten sie wahrscheinlich kein Geld mehr für die Gaben auszugeben. 10000 Euro Weihnachtsgeld, eine Espressomaschine, Spielekonsole gratis, Fotopuzzle mit 1000 Teilen, mehrere Handies ohne Vertrag, echten Whiskey und ein Auto hat zum Beispiel Marianne Kohler in den letzten Wochen gewonnen. Fast zumindest. „Ich habe mal im Sommer bei so einem Gewinnspiel mitgemacht. Seitdem kriege ich ständig solche Angebote“, erzählt sie. Vor den Feiertagen habe es überhand genommen. So 20 bis 25 Angebote pro Tag flattern auf den Bildschirm, sagt Marianne Kohler. Inzwischen habe sie zur Selbsthilfe gegriffen – und drückt ganz einfach auf die Löschtaste.
Das skurrilste Angebot ist ihr damit womöglich entgangen. Das bekam ein Riesaer, der aus gutem Grund hier nicht genannt werden möchte, am 1.Dezember auf seinen Laptop. „24 Kondome in allen Farben“, versprach die Nachricht.
Der Haken daran: Der Erhalt war an den Abschluss eines Zeitschriften-Abo über 24 Monate gebunden. Und so weit ging dann die Liebe des Empfängers doch nicht.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 20. Dezember 2011)
 

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