Schrumpf-Akademie

Schrumpf-Akademie
Die SG Canitz tritt vorerst nicht in die Fußball-Akademie ein. Über Gründe wird jetzt spekuliert. Sind es die Mitgliedsbeiträge?
 
Von Thomas Riemer
 
Am Telefon gibt sich Ronald Kühne wortkarg. Man könne sich ja in ein
paar Tagen mal treffen, um über seine Erklärung zu sprechen, bietet der
Abteilungsleiter Fußball der SG Canitz an.
Gesprächsbedarf zu seinem offenen Brief, den er am Dienstag
veröffentlichte, gibt es allemal. Denn: Ronald Kühne hat „alle weiteren
Gespräche in Sachen Fußballakademie mit den beteiligten Vereinen ESV
Lok Riesa, SC Riesa und TSV Stahl Riesa bis auf weiteres auf Eis
gelegt“. Der Verein werde vorerst „keine Unterschrift unter den
Gesellschaftervertrag zur Riesaer Fußballakademie gGmbH leisten“.
Kühne war bislang Hauptverhandlungspartner des Vereins bei den
Gesprächen zur Gründung der Akademie. Ja, das Modell habe seit August
2011 Konturen bekommen, gibt Kühne unumwunden zu. „Leider wurde aber
von unserer Seite in den letzten Wochen bemerkt, dass in Detailfragen
die Vorstellungen und Herangehensweise der einzelnen Vereine sehr
unterschiedlich sind“, schreibt er dann. Wo die Diskrepanzen liegen,
sagt er nicht. Die weiteren beteiligten Vereine seien von ihm
informiert worden.
So oder so: Der Stich mitten ins Akademie-Herz scheint einen
ordentlichen Treffer verursacht zuhaben. Thomas Kupper, von Insidern
als designierter Geschäftsführer der gGmbH gehandelt und gleichzeitig
derzeit sportlicher Leiter beim SC Riesa, ringt um Fassung. „Nö, die
Erklärung kenne ich nicht“, sagte er gestern am frühen Nachmittag auf
Anfrage der SZ. Ja, man könne natürlich darüber reden, ergänzt er dann.
Erst aber müsse er sich das Schreiben und dessen Inhalt zu Gemüte
führen. Außerdem sei der Terminkalender voll bis zum Abend...
Kuppers Vereinsboss Markus Mütsch kennt offenbar die Canitzer
Befindlichkeiten schon etwas länger. Und fußballerisch gesehen, hat der
SC-Chef derzeit andere Baustellen. Die Canitzer Entscheidung
kommentiert Mütsch daher fast emotionslos. „Das ist doch kein
Beinbruch“, sagt er. Und deshalb gehe er davon aus, dass Akademie und
SG Canitz künftig trotzdem – auch ohne Unterschrift – miteinander
kooperieren. „Wichtig ist, dass der SC und die BSG unter einen Hut
kommen“, so Mütsch. Dann klappe es auch mit anderen Vereinen.
Zumindest einen möglichen Grund für die Situation deutet Mütsch an: Die
künftigen Mitgliedsbeiträge. Bei der SG Canitz sei für einen
Nachwuchskicker derzeit monatlich so etwa ein Betrag von drei Euro zu
berappen. „Das ist nicht mehr zeitgemäß“, findet der SC-Boss, der
gleichzeitig auch Finanzchef im Riesaer Rathaus ist – also ein kühler
Rechner. Nach seiner Kenntnis soll in der Fußball-Akademie ein Obolus
zwischen sieben und acht Euro zur Debatte stehen. Beim SC Riesa liege
der Beitrag sogar noch höher. Natürlich sei es sicher ein Problem,
einer Familie mit drei Fußball spielenden Kindern solche Zahlen zu
vermitteln, so Mütsch. Andererseits: Wer Leistung wolle, müsse
einsehen, dass sie nicht umsonst ist.
Ronald Kühne wiederum räumt ein, dass es eine „besondere Denkweise der
Canitzer“ sowie Bedürfnisse und Befürchtungen gibt, die er den anderen
Vereinen nicht vermitteln konnte. „Damit kam es zu Entscheidungen und
Ankündigungen des Akademiegremiums, die von der großen Masse der
Canitzer Trainer, Spieler und Eltern nicht mitgetragen worden wären“,
so Kühne. Das Tuch zerreißen will der SG-Fußballchef jedoch nicht
endgültig. „Wer weiß schon, was in einem halben Jahr ist“, fragt er.
Der Beitritt der Canitzer sei in keinem Fall aufgehoben, sondern
aufgeschoben.
Was vor einem halben Jahr war, ist jedoch noch in recht guter
Erinnerung. Sozusagen als Weihnachtsgeschenk präsentierten die vier
Fußball spielenden Vereine der Stadt die Gründung einer
Fußball-Akademie als „Allheilmittel“ zur Bündelung des
Kicker-Nachwuchses. Thomas Kupper damals, am 21. Dezember 2011: „In den
Gesprächen wurden die Sorgen und Nöte versachlicht. Wir haben dabei
gemerkt: „So schlimm ist es in Riesa gar nicht, wenn man sich
tatsächlich mit dem Thema Fußball befasst.“

(Sächsische Zeitung Riesa, 24. Mai 2012)

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