Den Wolken ein Stück näher

Die Großenhainer Großflugtage haben nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Was nicht nur an den Luftaktivitäten liegt.

Von Thomas Riemer

Sogar das Abstellen der Flugzeuge und ihrer Triebwerke ist synchron. Danach hagelt es donnernden Applaus von den staunenden Zuschauern atemberaubender Formations-Kunstflüge des Duos der Geraer Flugstaffel, das Dr. Gerd Beierlein und Michael Storek in Großenhain rekrutieren. Nur in der Luft herrscht eine klare Hierarchie. Da hat der 67-jährige Beierlein,  in den 1970ern immerhin Mannschaftskapitän der DDR-Kunstflieger, das Sagen und fliegt immer eine Nasen-, pardon: eine Tragflächenlänge, vorneweg. Oder auch mal rücklings über seinem Teamkollegen, wie beim sogenannten Spiegelflug, der den Menschen am Boden den Atem stocken lässt. Aber nur kurz ist die Verschnaufpause – dann gehen die „Eichhörner“ in die Luft. Vater Walter und Sohn Toni Eichhorn haben sich vergangenes Jahr von ihren legendären Maschinen verabschiedet und zeigen ihr Können erstmals am Steuerknüppel der 330er Extras. Das treue Großenhainer Publikum spendet erneut tosenden Beifall.

Die Leute sind am Wochenende wieder in Scharen zum Flugfeld am Stadtrand gepilgert. Sicher waren es vor 15 Jahren doppelt oder dreimal so viele. Aber Flugtage in Großenhain – das ist ein Begriff. „Wir haben zu fünft gerade mal 20 Euro Eintritt bezahlt“, nennt Marco Hoyer einen der Gründe für die Resonanz. Mit Frau und drei Kindern reiste er aus Torgau an. Sein Sparvorteil: Für Kinder unter 14 Jahren ist der Eintritt diesmal frei. Ein gelungener Schachzug des Veranstaltungsteams um Jens Mikoleiczyk, findet Marco Hoyer. Dazu gehört auch, dass die Sprösslinge am Rande des Fluggeschehens allerlei Sehens- und Mitmachenswertes vorfinden. Vom Kinderkarussell über Bungeetrampolin bis hin zu den überaus attraktiven Jets der Modellflieger.

Marco Hoyer selbst zieht es mehr zu den richtigen Flugkapitänen. Peter Misch ist einer von ihnen. Bei Flugshows bleibt der Moderator allerdings seit einigen Jahren lieber auf dem Boden. In Großenhain ist er sozusagen Stammgast. „1972 war ich das erste Mal hier, damals als Offiziersschüler“, erzählt der 61-Jährige. Seinerzeit „regierten“ hier die Sowjetsoldaten. Misch schloss Freundschaft mit einem Oberleutnant der Roten Armee. „Wir haben uns dann noch ein paar Mal getroffen“, erinnert er sich. Zuletzt irgendwo im heutigen Weißrussland. „Er durfte mich ja nicht besuchen“, so Misch.

Es ist eine von vielen Geschichten, die  Piloten und Organisatoren an Wochenenden wie diesem in Großenhain erzählen. Man kennt sich seit vielen Jahren. Redet über die Zukunft. Auch die des Großenhainer Flugplatzes. „Der stand ja schon lange immer wieder auf der Kippe“, sagt Peter Misch und verweist auf diverse Betreiberwechsel in der Vergangenheit. „Es wäre schade, vor allem für das Fliegende Museum von Kochs“, verweist der Experte auf die legendäre Sammlung historischer Fluggeräte ein paar hundert Meter entfernt. Auch Kunstflieger Gerd Beierlein ist skeptisch ob der Industrialisierungspläne für das Areal. „Es ist um jeden Flugplatz schade, der dichtgemacht wird“, sagt er. Das Industrievorhaben sei „nicht weit genug gedacht“. Ein Flugplatz ist doch wichtig für Investoren. Gera, seinen Heimatflugplatz, nennt Beierlein als ein markantes Beispiel. Dort siedelte sich vor Jahren eine Großbäckerei an, weil sie die Vorzüge der nahen Start- und Landebahn gut für ihr Geschäft nutzen kann. Ein weiterer Investor macht derzeit sein Engagement sogar von einer Verlängerung der Landebahn abhängig. Darüber wird gerade kontrovers im Geraer Stadtrat debattiert. Gerd Beierlein: „Ich halte einen Kompromiss auch in Großenhain für möglich.“

Sein Kollege Jürgen Kraus ist da eher skeptisch. Der Aachener ist mit seiner Harvard AT 6, einem 1952 gebauten amerikanischen Schulflugzeug, nach Großenhain gekommen und kennt die Probleme aus seiner Heimat. Nächstes Jahr, so Kraus, wird der Aachener Flugplatz wie auch der Großenhainer 100 Jahre alt – und steht ebenfalls vor der Schließung. „Die Lobby der Flieger hat keinen Rückhalt“, sucht der 56-Jährige nach einer Erklärung. Den Kommunen fehle meist das Geld, also werde in Gewerbegebiete investiert, weil es dafür Zuschüsse gibt. Die Fliegerei bleibe dann  kompromisslos auf der Strecke.

Einen Kompromiss ganz anderer Art erleben die Besucher ein paar Meter vom Flugfeld entfernt. Dort ist das Mekka der Freunde alter Militärtechnik beim sogenannten militärhistorischen Treffen. Vereine, aber auch private Liebhaber sind es, die die Leute magisch anlocken. Manfred Meißner ist einer von ihnen, präsentiert einen VW 82 Kübelwagen. Der ist Baujahr 1944, um die 55000 davon gab es mal, heute sind es noch 800, nur fünf im Dresdner Raum, erzählt der Moritzburger. Eher durch Zufall kam Meißner zu seinem Hobby und damit auch seiner Rarität. „Wir hatten damals ein Boot. Aber irgendwann passte das nicht mehr“, sagt er. Doch auf ein Hobby wollte er nicht verzichten – und da kam der „Kübel“ gerade recht. Wenn  Manfred Meißner mit ihm zu Präsentationen und Festen oder Umzügen fährt, zieht er inzwischen eine nachempfundene Uniform an. Nicht jeder mag das, weiß er. „Anfeindungen habe ich aber noch nie erlebt“, sagt er.

Marco Hoyer ist inzwischen dem Familiensinn gefolgt – und beim Panzerparcours gelandet. Sechs flehende Kinderaugen – da kann der 38-Jährige nicht widerstehen. Drei aufregende Runden mit dem Kettenfahrzeug absolviert er mit den Kleinen. „Das war cool“, kommentiert Paul (7), der Jüngste, die ungewöhnliche Reise.

Anders als sonst manchmal müssen die Zuschauer diesmal in Großenhain auf kaum eine der angekündigten Attraktionen verzichten. Lediglich die avisierte Düsenmaschine L 39 blieb irgendwo auf der Strecke. „Das Konzept der Veranstalter ist okay“, lobt ein stadtbekannter Großenhainer. Auch ihn schmerzt der Gedanke, dass es so etwas vielleicht nie wieder an dieser Stelle geben wird. „Wenn ich 150 Millionen Euro gewinnen würde…“, flachst er und lässt den Satz unvollendet. Dann unterbreitet er doch einen Vorschlag. „Man könnte einen Teil des Areals vom Industriegebiet  abtrennen und als Mehrzweckgelände für Vereine und Veranstaltungen nutzen“, sagt er. Marco Hoyer hat flüchtig zugehört und ergänzt salopp: „Sollen sie doch jeden Monat eine Flugschau hier machen – da kommt auch Geld rein.“  Toni Eichhorn, im wirklichen Leben Lufthansa-Pilot, indes macht klar: „Tausend Meter Landebahn verbinden mit der ganzen Welt.“  Der Mann weiß, wovon er spricht.

(Sächsische Zeitung, 13. Mai 2013)

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