Der große Wurf im Husarenviertel

Behindertensport: Großenhain richtet erstmals ein Leichtathletik-Fest der Special Olympics aus. Experten können sich hier sogar einen Landesausscheid mehrerer Sportarten vorstellen.

Von Thomas Riemer

Für Ralf Trobisch ist es ein Feiertag. Beim Kugelstoßen wuchtet der Großenhainer das vier Kilogramm schwere Sportgerät beinahe mühelos auf 10,26 Meter. Der erste Platz ist das schönste Geburtstagsgeschenk für den 21-Jährigen, auch wenn er seine persönliche Bestleistung um rund 30 Zentimeter verfehlt hat. "Ich bin trotzdem zufrieden", sagt Ralf Trobisch. Dann mischt er sich in die Menschentraube am Zielstrich im Stadion des Sportparks Husarenviertel, um seine Freunde und Konkurrenten beim Staffellauf lautstark anzufeuern. Sport- und Lebensfreude pur.

Rund 100 Teilnehmer sind in die Röderstadt gekommen. Dort wurde am Sonnabend erstmals ein Leichtathletik-Fest für Menschen mit geistiger Behinderung ausgetragen. "Alle gemeldeten Teilnehmer sind gekommen - trotz Regen und Kälte", sagt Ute Richter. Aus Radebeul, Delitzsch, Aue, Zwickau, Meißen, Riesa, Großenhain natürlich - aber zum Beispiel auch aus dem thüringischen Bad Lobenstein und Dessau in Sachsen-Anhalt. Der Abteilungsleiterin Leichtathletik beim SV Motor Großenhain ist die Veranstaltung im Wesentlichen zu verdanken. Der neue Sportpark in der Stadt, vor knapp zwei Jahren für mehr als drei Millionen Euro gebaut, bietet beste Bedingungen. Ute Richter ist das Abenteuer angegangen, hat mit ihren Mitstreitern Sponsoren und rund 40 freiwillige Helfer aufgetrieben. Beides ist wie überall nicht leicht. Aber die Sportler der Special Olympics sind dankbar für jede kleine Geste. So nimmt jeder Teilnehmer nicht nur eine Medaille mit nach Hause, sondern auch ein kleines Präsent. "Die Siegerehrungen dauern meist länger als die Wettkämpfe", beschreibt Wolfgang Kogel freudestrahlend die beinahe euphorische Stimmung. Denn da wird der Name jedes Einzelnen genannt, gibt es Applaus und Ovationen der anderen Starter und Betreuer.

Kogel ist Vorstandsvorsitzender des "Special Olympics Deutschland in Sachsen" e.V. (SODiS). "Wir sind Motor Großenhain sehr dankbar für dieses Sportfest", sagt er. Sachsen habe in dieser Größenordnung für die Special Olympics in der Leichtathletik noch nie solch eine große Veranstaltung erlebt. Dass es in Großenhain stattfindet, ist aus seiner Sicht kein Zufall. Denn der gastgebende Verein "lebt" die Integration der Menschen mit Behinderung vor. Zahlreiche Athleten trainieren regelmäßig auf der Sportanlage, vor allem der Kontakt zur Förderschule im benachbarten Skäßchen ist hervorragend. "Mehr Integration geht fast nicht", konstatiert Wolfgang Kogel. Alltäglich ist das ohnehin nicht - leider.

Sportlehrerin Kerstin Wachs aus Skäßchen ist immerhin mit 14 Sportlern dabei. Das ist rund ein Viertel aller Schüler der Einrichtung. Auch viele Kollegen aus der Schule sind als Betreuer oder Motivator mitgekommen - das macht die Sportlehrerin besonders stolz. Denn ohne die Unterstützung aller wäre vieles nicht möglich. "Das ist eine runde Sache hier, den Sportlern hat es großen Spaß gemacht", sagt Kerstin Wachs. Als Pädagogin weiß sie zudem sehr genau, dass es für die Athleten eine wichtige Sache ist, "bei der sie an ihre Grenzen gehen können". Ralf Trobisch ist einer ihrer Schützlinge, auch wenn er nicht mehr Schüler ist, sondern inzwischen in einer Auto-Sattlerei einem ganz normalem Beruf nachgeht und regelmäßges Training dadurch nicht immer möglich ist.

Ralf hat seine größte sportliche Anerkennung vor einem Jahr in München erfahren. Dort stellte der Kugelstoßer mit 10,56 Meter seine Bestleistung auf und holte Gold beim Bundesausscheid der Special Olympics. Kerstin Wachs war es damals, die ihre Sportler für das Event anmeldete - die Skäßchener kehrten mit neun Medaillen und ganz vielen Eindrücken aus der bayerischen Landeshaupstadt zurück. Ist so etwas wiederholbar?

Wolfgang Kogel bejaht. "Solche regionale Veranstaltungen wie hier in Großenhain haben für uns als Landesverband Zukunft", sagt er. Deshalb werden sie auch so gut es geht unterstützt. Der Verband setzt jedoch nicht nur auf Leichtathletik. Dieses Jahr finden vergleichbare Wettkämpfe bei einem Schwimmfest, im Bocchia sowie Radsport statt. Menschen mit Behinderung starten gleichberechtigt beim Herbstlauf in Dresden. Für viele steht als Ziel der Bundesausscheid im nächsten Jahr in Düsseldorf. Wobei der Andrang dafür gerade bei den Leichtathleten sehr groß ist, sagt Kogel.

Dass das öffentliche Interesse am Behindertensport nicht riesig ist, steht als Wermutstropfen im Raum. "Die Öffentlichkeit nimmt oft leider kaum Notiz von uns", beklagt der Landesvorsitzende. Zu Unrecht, wie er gleich hinterherschickt. "Denn es sind Sportler wie alle anderen", beschreibt Kogel die Teilnehmer. In ihren Emotionen oft viel weiter als "normale" Wettkämpfer. Deshalb sei es wichtig, "mit relativ wenig Aufwand solche emotionalen Momente" zu schaffen. Wie wichtig, wie wirksam Emotionen sein können, zeigt aus Kogels Sicht das Beispiel des früheren Gewichthebers Matthias Steiner.

Einen Landesausscheid der Special Olympics, wie er 2011 in Riesa stattfand, wird es zumindest für Düsseldorf nicht geben. Vom Tisch ist so ein Event in Sachsen aber nicht. "Die Bedingungen in Großenhain würden sich dafür anbieten", sagt Wolfgang Kogel. Aber das sei natürlich auch eine finanzielle Frage, bei der die Kommune gefagt ist. Mit dem SV Motor Großenhain gibt es zumindest schon einen Partner, "wie wir ihn brauchen".

Das ist natürlich Musik in Ute Richters Ohren. Als sie am Samstag zu später Stunde wieder trockene Füße spürt, gesteht auch die Abteilungsleiterin, dass so ein Landesausscheid in Großenhain schön und vorstellbar wäre. Trotz der für Sportler empfindlichen Kälte ist ihr warm ums Herz geworden. "Es war alles so emotionsgeladen. Und das Wichtigste: Es gab und gibt keine Verlierer", sagt Ute Richter.

(Sächsische Zeitung 29. April 2013)

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