Die Leiden der Hobby-Flieger

Die Leiden der Hobby-Flieger

Flugplatz

Zum Fliegen kommen die Piloten zum Saisonauftakt wegen des Wetters kaum. Am Stammtisch diskutieren sie deshalb über die Schließungspläne des Freistaates.

Von Thomas Riemer

Thomas Ender muss nicht lange überlegen. „Hier ist so schön viel Platz“, sagt er, als er nach den Vorzügen der Flugbetriebsfläche des Großenhainer Flugplatzes gefragt wird. Wenn er Lust und Laune zum Fliegen hat, kommt er von seinem Wohnort Proschwitz in die Röderstadt, schiebt seine Murane 880 B aus der Halle, werkelt und fliegt. „Wenn ich zum Beispiel auf dem Platz in Kamenz bin, muss ich erstmal sieben, acht Flugzeuge wegschieben. Da sind locker zwei bis drei Stunden weg“, so Ender.

Am Sonnabend mussten die Fluggeräte in Großenhain bis zum späten Nachmittag am Boden bleiben. Der Saisonauftakt des Flieger-Vereins Großenhain e.V. fiel wegen sintflutartiger Regenfälle und vor allem starkem Wind zunächst ins Wasser. Doch die aktuellen Debatten um die Schließung des traditionsreichen Areals am Stadtrand ließen die Piloten buchstäblich  in die Luft gehen. Rund 15 Kleinflugzeuge sind derzeit ständig in den Hangars stationiert, hat der stellvertretende Vereinschef Werner Krause zusammengerechnet. Dass die, wie vom Freistaat in seiner Antwort auf die Petition zum Erhalt des Flugplatzes angeregt, künftig in Riesa, Oschatz oder Meißen stehen sollen, ist für die Flieger ein Unding. „Dort ist alles voll, die Kapazitäten erschöpft“, sagt Krause. Zudem sind die Rahmenbedingungen ganz andere. Die Maschinen müssten im Freien stehen, die Standgelder sind weit höher als in Großenhain. Ein weiterer Nachteil in Riesa: Der Platz sei nicht hochwassertauglich. Werner Krause hat dies 2002 selbst erleben müssen, als ihm zwei seiner Flugzeuge dort absoffen.

Thomas Ender ist zwar Hobby-Flieger. Doch als Leiter der Kammeroper Dresden hat er gemeinsam mit Ehefrau Jeanette auch ein ausgemachtes wirtschaftliches Interesse am Großenhainer Flugplatz. Denn Fliegen spart Zeit auf dem Weg zu wichtigen Auftritten und Thetaerproben, sagt der Opernsänger. „Vom Wohnort bis hierher brauchen wir mit dem Auto 13 Minuten und fliegen dann halt oft zu unseren Tourneeorten.“ Auch Kollegen würden diesen Luxus gern mal in Anspruch nehmen, um schnell von A nach B zu gelangen. Das Aus für Großenhain wäre für Jeanette und Thomas Ender ein gravierender Einschnitt.

Jeanette Ender sieht einen weiteren Aspekt. „In Großenhain wurde deutsche Fluggeschichte geschrieben“, sagt sie. „So was macht man doch nicht einfach dicht.“ Hier gebe es jede Menge Potential – nicht nur für einen Industriestandort, sondern eben vor allem fürs Fliegen, für Traditionspflege und Kultur, glaubt sie und zeigt in jene Richtung, wo das Fliegende Museum von Brigitte und Josef Koch sein Domizil hat. „Das ist Kulturhistorie.“  Als Vergleich zieht Jeanette Ender den Flugplatz Eisenach-Kindel heran. Auch der hat eine Militärvergangenheit, wurde nach der Wende aber als Flugplatz erhalten und aufwändig ausgebaut. Mit Erfolg, merkt die energische Sängerin an. In Eisenach wurden große Fallschirm- und Hubschrauber-Events organisiert, gab es  Messen. Die Folge: Rund um Flugplatz und Stadt siedelten sich riesige Betriebe an. Aber auch der frühere Großflughafen Berlin-Tempelhof könnte als Beispiel herhalten, glaubt Jeanette Ender. Dort werden die altehrwürdigen Hallen zum Teil für Ausstellungen und große Kulturevents genutzt. Warum soll so etwas nicht auch in Großenhain funktionieren?

Nicht nur ihre Kritik richtet sich unter anderem ans Großenhainer Rathaus. Dort hat es nach Auffassung von Vereinsmitglied Frank Junge „nie ein echtes Interesse am Flugplatz gegeben“. Während anderswo unter Obhut der Verwaltung klare Strukturen entwickelt wurden – in Riesa zum Beispiel mit den dortigen Stadtwerken -, dümpelte es in Großenhain vor sich hin. Dabei, ergänzt Werner Krause, hätten sich die Betreiber immer mächtig ins Zeug gelegt und seien in den letzten Jahren komplett ohne städtische Mittel ausgekommen.

Aufgeben will der im Januar gegründete Großenhainer Flieger-Verein deshalb noch lange nicht. Traditionspflege und der Erhalt des fast 100 Jahre alten Flugplatzes hat er sich bekanntermaßen auf die Fahnen geschrieben. Dass der Freistaat vorgibt, hier könnten irgendwann viele industriell geprägte Arbeitsplätze entstehen, daran glauben sie nicht wirklich. „In den nächsten fünf bis sieben Jahren passiert da nichts“, ist sich Werner Krause sicher. Auch wenn der Freistaat klargestellt hat, quasi schon mitten in den Planungen für das Industriegebiet zu sein. Vereinsvorsitzender Armin Benicke stellt freilich auch klar, dass sich der Verein nicht querstellen würde, wenn tatsächlich Großinvestoren auf der Matte stehen und Arbeit nach Großenhain bringen würden.

Am Sonnabendnachmittag lichtet sich dann doch noch der Himmel. Die Flieger können endlich wirklich in die Luft gehen. Auch Mike Seebe, der eigentlich in diesem Jahr mit seinem Funpark durchstarten will, ist mit einigen seiner Attraktionen auf das Areal gekommen. Interesse daran ist da. Das Adelsdorfer Dumperteam ist beinahe komplett vorbeigekommen, will die Gerätschaften eventuell zu seinem eigenen Event mieten. Am späten Nachmittag gibt es dann sogar personellen Zuwachs für den Flieger-Verein. Ein Großenhainer wollte sich einfach nur mal umschauen und lässt sich dann die Beitrittsunterlagen geben. Vereinschef Benicke freut sich.

Thomas Ender hat seinen Flieger wieder in die große Halle geschoben. Ein paar Minuten dauert das. Die Zeitersparnis im Vergleich zu anderen Orten ist für ihn wichtig. Und auch das Flair des Großenhainer Flugplatzes. „So viele große Plätze gibt es leider nicht mehr“, bedauert er. „Großenhain ist absolut ideal.“

(Sächsische Zeitung Großenhain am 15. April 2013)

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