Absturz des Großenhainer Flugplatzes

Nach 100 Jahren Fliegerei ist Schluss. Der Freistaat will lieber einen Industriepark.

Von Thomas Riemer

Holger Faulhaber ist enttäuscht. Er sieht „wenig Sorgfalt in der Antwort auf unsere Petition“. Mit lapidaren Halbsätzen seien die Einreicher abgespeist worden. Fest steht: Die Petition zum Erhalt des Großenhainer Flugplatz ist vom sächsischen Landtag abgeschmettert worden. Holger Faulhaber, damals noch Geschäftsführer der Flugplatz Großenhain Unternehmensgesellschaft, hatte sie im Herbst 2012 in die Wege geleitet. „Als Bürger, nicht als Geschäftsführer“, sagt er. Rund 700 Unterstützer fanden sich. „Mit uns hat niemand vom Petitionsausschuss geredet“, so Holger Faulhaber. Das klingt verbittert.
Was empfiehlt der Petitionsausschuss des Landtages?
Eindeutig das Ende des Flugbetriebes zugunsten der Entwicklung zu einem Industriepark. Der Freistaat sieht keinen Bedarf an einem öffentlich oder privat betriebenen Flugsportzentrum in Großenhain. Viel lieber will er die 230 Hektar für eine Großansiedlung von Industrie und Gewerbe entwickeln.
Warum ziehen Freistaat und Stadt dem Flugplatz ein Industriegebiet vor?
Großenhain muss sich perspektivisch von der Fliegerei verabschieden“, so das Credo von Rathauschef Burkhard Müller (CDU). Sein Hauptargument: Ein Industriegebiet bringt attraktive Arbeitsplätze und ist eine Riesenchance für dieStadt. Ein Paralleldasein macht für ihn keinen Sinn. Dass zwischen den angesiedelten Unternehmen dann „so ein bissel Fliegerei stattfindet, wird nicht gehen“, so Müller. Auch der Freistaat schlägt in diese Kerbe. Eine Studie zu Risiken und Chancen der Liegenschaft soll ergeben haben, dass es nach hohen Anfangsinvestitionen denkbar ist, „zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen und gegebenenfalls die künftigen Kosten auf die Mieter zu verteilen“. Deshalb wurde zwischen dem Staatsbetrieb Immobilien- und Baumanagement (SIB) sowie der Stadt Großenhain bereits ein städtebaulicher Vertrag geschlossen, um Baurecht zu schaffen. Das Schöne daran: Der Freistaat zahlt die Erschließung und übernimmt die Vermarktung. Aber künftige Gewerbe-Steuern bleiben in der Stadt.
Aus Sicht der SIB hat Großenhain im Vergleich zu anderen Standorten einen entscheidenden Vorteil. Der Staatsbetrieb will möglichst Flächen aus einer Hand anbieten, ohne lange über Grundstücke und deren Erwerb verhandeln zu müssen. Besagte 230 Hektar befinden sich in Landeseigentum. Der Flugplatz Großenhain erfülle daher alle erforderlichen Kriterien, so SIB-Sprecherin Andrea Krieger.
Was passiert in den nächsten Jahren auf dem jetzigen Flugareal?
Da legt sich niemand zeitgenau fest. Oberbürgermeister Müller mahnt Geduld an. Fünf bis acht Jahre wird es nach seinem Dafürhalten dauern, bis sich Unternehmen niederlassen können.
Gibt es bereits Interessenten, die sich im Industriegebiet ansiedeln wollen?
Offenbar nicht. Während der Rathauschef zumindest ausschließt, dass sich Einzelhandelsunternehmen sesshaft machen, hält sich die Staatsregierung dazu außerordentlich bedeckt. Sowohl Wirtschafts- als auch Finanzministerium zuckten gestern zunächst mit den Schultern. Andrea Krieger, SIB-Sprecherin, lässt durchblicken, dass man für den Fall der Nachfrage eines größeren Unternehmens eine solche Fläche zumindest vorhalten möchte. Skeptiker befürchten eine ähnliche Situation wie in Zeithain. Der dortige Industriepark wurde in den 1990er Jahren ebenfalls zu einer zusammenhängenden Gewerbefläche entwickelt. Heute ist er nicht mehr als eine „beleuchtete Wiese“.
Ziehen sich die jetzigen Nutzer und Mieter zurück?
Das ist wahrscheinlich. Beispiel Josef Koch. Er ist der Erfinder des Fliegenden Museums, das er am Rande des Flugfeldes auf einem von der Stadt erworbenen Grundstück betreibt. Gekauft mit Hinweis auf die Landebahn. Zahlreiche Piloten geben sich hier die Klinke in die Hand, in der Halle sowie in einem Hangar sind fliegende Legenden untergebracht. Dass der Verkehrslandeplatz keine Zukunft hat, erfuhr Koch im Herbst des vergangenen Jahres letztlich aus der SZ. „Für uns kommt ein Umzug überhaupt nicht in Frage“, so Josef Koch. Sollte man dem Fliegenden Museum irgendwann das Licht abschalten, „dann ist Schluss“. An einem anderen Standort neu anzufangen, macht aus seiner Sicht keinen Sinn. „Das wäre zu teuer und fast nicht möglich“, so Koch.
„Damit ist in die ganze Sache jetzt ein politischer Keil hineingeschoben worden“, kommentiert Armin Benicke die Situation. Gemeinsam mit weiteren Piloten und Sympathisanten hat er zu Jahresbeginn den Flieger-Verein Großenhain e.V. aus der Taufe gehoben. Mit hehren Ansprüchen. Das 100-jährige Jubiläum des traditionsreichen Flugplatzes im kommenden Jahr wollen die Mitglieder vorbereiten. Natürlich ihrem Hobby, der Fliegerei, frönen. Und schließlich und endlich das Machbare für den Erhalt des Flugplatzes leisten. Deshalb klingt es resignierend wie trotzig, wenn Armin Benicke sagt: „Wir nutzen den Platz, so lange wir das können.“ Das Areal für die Flieger dichtzumachen, bevor Arbeitsplätze in Größenordnung entstanden sind, hält er für voreilig. Aus Sicht des Petitionsausschusses wäre das Ende der Fliegerei in der Röderstadt kein großes Problem. Für die Piloten bedeutet es „keine erhebliche Härte“. Sie könnten ihre Heimbasis auch an andere Flugplätze verlegen, zum Beispiel Riesa, Oschatz oder Kamenz.
Befinden sich auf dem Flugplatz immer noch Altlasten?
Ja, und zwar erhebliche. Sie betreffen überwiegend die 230 Hektar der Fläche, aber auch Teile des rund 70 Hektar großen Areals, das bereits an kleinere und mittelständische Unternehmen vermietet ist. Bisher hat der Freistaat nach eigenen Angaben rund 7,5 Millionen Euro für die Altlastenerkundung und -beseitigung ausgegeben. Zusätzlich entstand ein Regenwasserrückhaltebecken, das auch den Niederschlag der Flugplatzflächen auffängt. Kosten damals: rund 1,6 Millionen Euro. Ein Ende ist nicht absehbar: Unabhängig von der Entwicklung zum Industriegebiet muss der Eigentümer, die SIB also, die Altlastenentsorung gemäß Bundes-Bodenschutzgesetz weiter vorantreiben. Was das kostet, ist unbekannt. Der Freistaat spricht von „erheblichen Mitteln“. Weitere Behandlungen von Altlasten ergeben sich aus einer Biotopkartierung aus dem Jahre 2008.
Warum kommt Kritik am Entscheid auf?
„Die Argumentation ist sehr fadenscheinig“, sagt Holger Faulhaber. Er beklagt, dass die SIB auf sein Kaufangebot der Flugbetriebsflächen nicht eingegangen ist, ja nicht einmal eine Kaufsumme genannt wurde. Um die Fliegerei zu retten, hatte er angeregt, wenigstens die rund 115 Hektar, die derzeit zum Fliegen genutzt werden, aus dem Vorhaben herauszulösen und gesondert zu veräußern. Schließlich liege der Verkehrslandeplatz räumlich sehr günstig, was allein schon den Weiterbetrieb rechtfertigt, so Faulhaber. „Notfalls auch als Sonderverkehrsplatz. „Der Freistaat ging darauf jedoch nicht ein. Allen sei das Ansinnen der SIB bezüglich der Schaffung des Industriegebietes bekannt gewesen. Das bestreitet allerdings auch Museumsbetreiber Josef Koch. Er hatte schon bei Bekanntwerden der Pläne im Herbst des vergangenen Jahres moniert, dass ihn die Stadt damals mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen stellte. Und das nach zwölf Jahren, in denen ihm und seiner Tochter Brigitte immer bescheinigt wurde, mutige Investoren auf dem Flugplatz zu sein. Auch über die Großenhainer Stadtgrenzen hinaus ist das Fliegende Museum eine Institution. „Wir haben hier etwas aufgebaut, sind ein Wirtschaftsfaktor“, so Josef Koch im Herbst. „Denn wir erhalten Kulturgüter in einer Form, die in Deutschland sonst nicht mehr zu finden ist.
Ist mit dem Bescheid zur Petition bereits endgültig Schluss?
Nein. „Wir wissen jetzt, was wir nicht mehr zu machen brauchen“, sagt Petitionsurheber Holger Faulhaber. Was nicht heißt, dass aufgegeben werden muss. Am Sonnabend wollen die Mitglieder des Flieger-Vereins nach ihrer Gründung erstmals Flagge zeigen. Nicht mit großer aufwendiger Fliegerei, sondern einem angemessenen Saisonauftakt. „Wir werden unsere Flugzeuge rausholen, putzen, machen, tun“, sagt Vereinschef Armin Benicke. Alle hoffen auf schönes Flugwetter, für das Großenhain klimatisch gesehen eigentlich immer bekannt ist. Dann, so Benicke, werden voraussichtlich auch die Gleitschirmpiloten auf dem Platz sein und in die Luft gehen. Noch offen lässt Benicke, ob auch die Flugmodellbauer mit ihren Flitzern dabei sind. Zwar sei keine große, publikumswirksame Sache geplant. Aber Zaungäste sind gern gesehen.
Das Fliegende Museum zieht eine Woche später offiziell nach. Freunde und Sympathisanten sind allerdings schon seit über einem Monat wieder am Ball. Sogar diverse Neuanschaffungen sind in der Museumshalle zu finden. Befreundete Piloten aus Schweden kamen Anfang des Monats trotz Schnee und Eis zum Antrittsbesuch 2013. Der Terminkalender für den Sommer ist gut gefüllt. Traditionell im Oktober sollen dann die Hallentore für alle Interessenten geöffnet werden.
Nicht zuletzt stehen im Mai auch wieder Flugtage auf dem Areal ins Haus. In welchem Umfang sie stattfinden, ist allerdings noch nicht bekannt.
►Steht jetzt auch die Zukunft des Fun-Parks in den Sternen?
Ja. Betreiber Mike Seebe wollte in diesem Jahr richtig durchstarten, die Wiesen neben dem Tower als Ort der Attraktionen anbieten. Ob es dabei bleibt?

(Sächsische Zeitung Großenhain, 11. April 2013)

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