Räuber und Gendarm für Erwachsene

Im Raschützwald schießen Airsoft-Fans mit Luftdruckwaffen. Dabei wollen sie möglichst unter sich sein. Warum?
 

Von Thomas Riemer
 

Sebastian fällt auf. Er ist mit 1,95 Meter nicht nur der Größte der Truppe. Im Team Gelb ist er einer der Leitwölfe. Sein Kampfanzug ist mit vielen kleinen und größeren Taschen und Fächern ausgestattet. Funkgerät, Luftdruckwaffe, eine Thermosflasche, Kartenmaterial, Munition gehören zur Ausstattung. Natürlich eine Schutzbrille – die ist Vorschrift. Das Gesicht ist bedeckt – ob wegen der Kälte oder zur Tarnung, ist unklar. Auf der Uniform trägt Sebastian weiße Fetzen. „Am Donnerstag ist mein Bettlaken kaputt gegangen. Und da es grad geschneit hat, fand ich das als `ne gute Idee“, sagt der lange Mann. Hier, auf dem früheren Armeegelände im Raschützwald bei Lampertswalde, nennt er sich „Reaper“ – übersetzt Sensenmann. Es ist Sebastians Spielername.
Doch für welches Spiel? Um die 50 Männer, so zwischen 18 und 50 Jahre vielleicht, stehen am Sonnabend zu früher Stunde am Eingang zum Blackwood – zum schwarzen Wald, wie sie ihn nennen. Studenten, Bauarbeiter, Familienväter, Alleinstehende aus dem Brandenburgischen, aus Dresden und der Torgauer Ecke – die Palette ist durchwachsen. Die Black Skull Forces haben sich das Gelände für ihr Spiel ausgesucht. Airsoft heißt es und ist die „weiche“ Variante von Paintball. Gewichtigster Unterschied: Während beim Paintball Treffer durch Farbbeutel eindeutig erkennbar sind, wird beim Airsoft mit kleinen Plastikkugeln von sechs Millimeter Durchmesser geschossen. Die Teilnehmer benutzen dazu Luftdruckwaffen – vorrangig Maschinengewehre und Pistolen. Es sind Spielzeuge, sagen sie. Doch erinnern sie den Beobachter nicht von ungefähr an echtes Gerät. Alex, ein Junge von Anfang 20, wiegelt ab. „Die Kugeln sind harmlos und biologisch abbaubar“, sagt er. Einen Treffer spüre man zwar, aber wenn alle Regeln eingehalten werden, sei das unspektakulär. Felix ergänzt, dass es auch mal diese oder jene Narbe auf der Haut geben kann. Und es soll anderswo auch schon vorgekommen sein, dass jemand seinen Mund zu spät schloss und einen Zahn einbüßte. Aber sonst?
„Es ist ein bisschen wie Räuber und Gendarm für Erwachsene“, sagt Frunds und lacht. Frunds ist – wie nicht anders zu erwarten – der Spielername. Auf den kleinen schmächtigen Kämpfer hören die Uniformierten. Denn Frunds gehört zur „Orga“, dem Vorbereitungsteam des Geländespiels. Er erläutert die Regeln. Gespielt wird auf einem 450 mal 450 Meter großen Gelände, das durch rot-weißes Flatterband gekennzeichnet ist. Zwei Mannschaften treten gegeneinander an, versuchen mit taktischen Raffinessen und militärischen Manövern den Gegner ins Schussfeld zu bekommen. „Jeder hat eine ganz spezielle Aufgabe“, erläutert Frunds den Journalisten. Die könne man allerdings auch ohne zu schießen erfüllen. So ein Skirm, wie die Experten ihr Manöver nennen, sei immer auch eine teambildende Maßnahme. Die Spielregeln seien darauf gerichtet. Wer zum Beispiel von so einem Kügelchen getroffen wird, ist „gehittet“ und muss dies selbst anzeigen. „Wer bescheißt, wird künftig ausgeschlossen und nicht mehr eingeladen“, so Frunds. Ehrlichkeit wird vorausgesetzt.
Die Black Skull Forces – ein eingetragener Verein – sind erstmals Gastgeber eines solchen Events auf ihrem neuen Gelände. Das haben sie von Familie Grafe gepachtet. Bislang mussten sie zu den Spielen zum Beispiel nach Döbeln oder auch ins Kasernengelände Meißen ausweichen. Jetzt wolle sie sich um den eigenen Platz kümmern, veranstalteten erste Arbeitseinsätze. Das Areal betrachten sie als glückliche Fügung für ihr Hobby. Nachbarn und Einwohner von Lampertswalde sehen das anders. „Die Natur war gerade dabei, sich das Beton-Platten-NVA-Gelände zurück zu erobern“, schreibt zum Beispiel Udo Gabrisch auf der Homepage des Sportvereins Lampertswalde. Und er vergisst nicht zu erwähnen, dass hier noch im Mai 1945 Kriegshandlungen stattfanden. Auch Lampertswaldes Bürgermeister Wolfgang Hoffmann lässt Skepsis durchblicken. Aber: So lange nichts passiert, gibt es keinen Grund zum Eingreifen. Zudem handelt es sich um eine Privatfläche. Trotzdem wurden im Vorfeld alle informiert, auch Forstbehörde und Polizei. Letztere machte sich am Sonnabend auch ein Bild vor Ort – ohne Anrüchiges festzustellen.
Da ist das Spiel schon in vollem Gange. Team Gelb ist ausgeschwärmt, Weapon gibt klare Anweisungen an seine Nebenmänner, verfolgt Funksprüche, hastet durchs Unterholz, verschanzt sich hinter einem Baumstamm. Seine erste Schießeinheit erinnert akustisch ein wenig an das Rasseln einer Kinder-Kugelbahn. Für Ralf, seinen Gegenüber mit einer roten Schleife am Arm, hat sie verheerende Folgen. „Ich bin hit“, sagt des Sensenmanns Kontrahent und betritt eine neutrale Zone, wartet auf einen „Sanitäter“. Der Rest seiner Truppe schleicht weiter durchs Gehölz, jede Bewegung im Umkreis argwöhnisch registrierend. Kleine Kügelchen fliegen zuhauf um die Ohren. Der Vorrat scheint riesig. „Was jeder tragen kann“, kommentiert Alex und lacht tiefsinnig. Worum es im Kampf wirklich geht, bleibt dem Außenstehenden weitgehend verschlossen. Immerhin: Wer nicht mitspielt, darf auch nicht mutwillig beschossen werden, sofern er eine warnende Sicherheitsweste trägt. Schutzbrillen sind Pflicht. Die Luftdruckwaffen sind Privateigentum, werden normalerweise zwischen den Events zu Hause aufbewahrt. Nach klaren Vorschriften, betont Alex. Die gelten auch für Munition und Transport. Wer dagegen verstößt, fliegt aus dem Verein. Für ihr Hobby scheuen die Enthusiasten keine Mühe – und schon gar nicht Kosten. Ein ganz einfaches Gewehr ist schon für rund 100 Euro zu haben. Bessere, anspruchsvollere Waffen können auch schon mal das Zehnfache kosten. Dazu Zusatzausrüstung, Uniform und und und.
Nach einer knappen Stunde haben die ersten Airsoftler konditionelle Grenzen erreicht. Schnee und Eis, hartes Geläuf und die ständige Konzentration auf den im Verborgenen lauernden Gegner fordern ihren Tribut. Orga-Chef Frunds hat sichtlich Spaß am Geschehen. Sechs, sieben Stunden sind für das Skirmen im Raschützwald anberaumt. Eine Nacht-Session ist diesmal nicht geplant. Es reicht auch so. Das Wichtigste sei der Spaß, den alle haben sollen, sagt Frunds. „Das Spiel ist für mich richtig gut gewesen, wenn danach schwitzende, geschaffte, aber zufriedene Männer dastehen.“ Solche wie der Sensenmann.

 

Kommentiert

Kriegsspiel nicht verharmlosen


Klarnamen sind tabu. Die Gesichter verhüllt. Das Betreten des „Spielplatzes“ für Außenstehende eher nicht erwünscht, die Kontrollen am Einlass akribisch. Alles wirkt Geheimnis umwittert. Ist das nun gut oder schlecht?
Im Internet outen sich zumindest einige der Airsoftler. Da ist der vierfache Familienvater, der einfach nur Spaß haben will. Da ist der Student, der hier Freunde und Gleichgesinnte findet. Da ist der junge Maurer, der mal toben will. Ist das nun gut oder schlecht?
Da ist der Sport, den sich die Kämpfer ausgesucht haben. Mit Waffen sind sie unterwegs im Gelände, ballern mit kleinen Kügelchen auf ihre Kontrahenten. Nach klaren Regeln. Wer dagegen verstößt, der fliegt. Ist das gut oder schlecht?
Die Reaktionen von Außenstehenden können unterschiedlicher kaum sein. Neugier, Angst, Belächeln, Warnen, Ablehnung, Ignoranz, Unwissenheit. Dass die Airsoftler auf früherem Militärgelände Räuber und Gendarm spielen und von sich behaupten, das Areal mit ihrer Existenz sogar positiv zu entwickeln, gehört ins Szenario. Ist das gut oder schlecht?

(Sächsische Zeitung Großenhain, 2. April 2013)

Nach oben