Wie laut darf dieser Hahn krähen?


Im Großenhainer Ortsteil Zschieschen tobt ein heftiger Nachbarschaftskrieg. Die Behörden sind ratlos. Muss das Tier am Ende gar in den Kochtopf?
 
 
Von Thomas Riemer

Zwei Wochen waren Schirmers im Urlaub. Am Donnerstag kehrten sie auf ihr Grundstück im Großenhainer Ortsteil Zschieschen zurück. Mit ungutem Gefühl. Vor Heinrich graut`s ihnen. Heinrich – das ist des Nachbars stolzer Hahn. Und der kräht. Manchmal jedenfalls, sagt sein Besitzer. Morgens pünktlich Dreiviertel vier bis gegen acht oder neun Uhr, entgegnet Nachbarin Ilona Schirmer. Sie und ihr Mann Jürgen fühlen sich um ihre Ruhe, vor allem um ihren Schlaf gebracht. Seit sechs Jahren soll das so gehen. Die Fronten sind verhärtet. Selbst Polizei, Ordnungsamt und der Großenhainer Friedensrichter sind involviert. Inzwischen auch Anwälte. Denn zwischen den Grundstücksbesitzern kracht es heftig – nicht nur wegen Heinrich.
Der lebt inmitten gackernder Hennen hinter einem Maschendrahtzaun. Aus Vorsicht. Denn von den Feldern kommt zuweilen der Fuchs, sagt der Eigentümer. Heinrich ist ein friedliches Tier, beteuert er. Vor um sieben früh sei er niemals draußen, nachts stets eingesperrt und auf keinen Fall laut und ständig krähend.
Ginge es nach Schirmers, könnte Heinrich auch der Teufel holen. Ilona Schirmer zeigt auf Heinrichs Behausung und ihr Schlafzimmerfenster gegenüber. Ihr Nachbar habe den Hahn extra so platziert, dass sie gestört wird, behauptet die Rentnerin. Sie glaubt sogar an eine Verschwörung. In Wirklichkeit krähe gar nicht Heinrich, sondern der Krach komme von einem Mitschnitt „aus der Steckdose“. Der Hahn-Eigentümer nebenan hält dagegen. Der Hahn sei nachts im Stall eingesperrt. Dass er morgens und auch am Tag mal kräht, sei doch völlig normal für so ein Tier.
Vorbehaltlos zustimmen will dem jedoch niemand. Denn, wann und wie laut ein Hahn schreien, pardon, krähen darf, ist nicht pauschal zu beurteilen. Sagen jedenfalls Ämter, Behörden, Tier-Experten und Richter. Dr. Jürgen Lange vom Umweltamt im Meißner Landratsamt glaubt angesichts der Presseanfrage sogar an einen Scherz à la Sinnlostelefon. „Man sollte prüfen, ob eine umfangreiche Hühnerhaltung mit Hahn überhaupt in ein Wohngebiet passt“, sagt er dann diplomatisch.
Zudem müsse man unterscheiden, ob es sich um einen freilaufenden Hahn oder ein Tier einer Zuchtanlage handelt. Ungeachtet dessen gehöre der Hahn von 22 bis 6 Uhr in den Stall. Doch das sei sicher aus der Polizeiverordnung abzuleiten, glaubt Lange.
Ist es aber nicht, wie das Beispiel Großenhain zeigt. Paragraf 4 der Polizeiverordnung besagt lediglich, dass Tiere so zu halten sind, „dass niemand durch anhaltende tierische Laute mehr als nach den Umständen unvermeidlich gestört wird“, zitiert Rathaussprecherin Diana Schulze. Wie laut ein Hahn krähen darf? Auch sie hat keine Antwort. Auch nicht darauf, ob es dafür überhaupt eine Festlegung gibt von wegen Dezibel-Zahlen und so. Und schon gar nicht, zu welcher Zeit. Abgesehen vom frühen Morgen, könnten auch völlig andere Zeiten in Frage kommen. Je nach Laune des Tieres. Vorhersehen oder gar beeinflussen kann das niemand, so Diana Schulze. „Lärmstörungen durch tierische Laute bedürfen immer der Einzelfallprüfung und sind in der Beurteilung von mehreren Faktoren abhängig“, glaubt sie. Einzige Einschränkung: Während der Ruhe- und Erholungszeiten sollte kein Hahn krähen. Ein Tierhalter kann laut einem Gerichtsentscheid von 1986 des Landgerichts München dazu gezwungen werden, „den Hahn während der Ruhezeiten sowie an Sonn- und Feiertagen in der Zeit der Mittagsruhe in einem schalldichten Stall unterzubringen“. Aber nicht zu lange – wegen der Vorschriften zur tiergerechten Haltung.
Eine Beobachterin des Münchner Prozesses, Rechtsanwältin übrigens, kommentierte besagtes Urteil damals wie folgt. „Und nun erklären Sie mal Ihrem Hahn, dass er gefälligst zwischen 12 und 14 Uhr seinen Schnabel halten soll“. Großenhains Friedensrichter Thomas Eckelmann muss automatisch schmunzeln. Der Konflikt aus Zschieschen kennt er nur zu gut – und zwar mit allem Drumherum, das auch Beleidigungsvorwürfe der Konfliktparteien nicht ausspart. „Wenn zwei solche Charaktere aufeinandertreffen…“ Eckelmann vollendet den Satz nicht. Denn er glaubt, eigentlich weiß er es schon, dass sich der Zwist der Nachbarn nicht auf „friedlichem“ Wege klären lassen wird. „So etwas endet fast immer vor Gericht“, sagt der Schlichter, der hier nicht schlichten kann. Eine Geschichte wie die um den stolzen Heinrich ist ihm in seiner langjährigen Tätigkeit nur ein einziges Mal untergekommen. „Das ging dann über den Anwalt“, erinnert sich Eckelmann.
Aber auch Juristen sind sich in ihren Urteilen nicht einig. In Norddeutschland beispielsweise klagte ein Hotel- gegen einen Hahnbesitzer. Der Hotelier hatte eine private Lärmmessung angezettelt – 100 Dezibel war das Ergebnis, „vergleichbar mit einem Rockkonzert“. Eine unabhängige Messung ergab lediglich 40 Dezibel – vergleichbar mit einem „leisen Wellensittich“. Der Hotelbesitzer ahnte Schlimmes: Vor der Messung sei der Hahn mit Valium behandelt worden, um ihn zu beruhigen, so seine Vermutung. Der Hahn quasi als Doping-Sünder! Inzwischen ist Ruhe eingekehrt – das Tier landete im Kochtopf.
Erleidet Heinrich angesichts des Gezänks um sein ganz normales Dasein ein ähnliches Schicksal?

(Sächsische Zeitung, 13. April 2013/Foto: Klaus-Dieter Brühl)

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