Der Knipser aus Zeithain

Christian Mittenzwei hat einst bei Stahl Riesa Tore geschossen. Heute kommt er mit seinem jetzigen Verein aus Markranstädt zum Spiel an die Elbe.

 

Von Thomas Riemer

 

Alter: 32. Nationalität: Deutschland. Position: Mittelfeld – Offensiv-Allrounder. Fuß: rechts. Marktwert unbekannt.

 

Ein einfacher Steckbrief. Kürzer geht es kaum. Aber so liest es sich im Internet, wenn man Fußballer ist und Christian Mittenzwei heißt. Eine typische und in diesem Fall auch etwas oberflächliche Kurzbeschreibung eines Mannes, der seine ersten Töppen bei Stahl Zeithain schnürte und über Stahl Riesa zu einer Art „Weltenbummler“ wurde. Wobei auch das schon wieder übertrieben ist: Die „Welt“ bedeutet im Fall Mittenzwei Ostdeutschland. Und sie heißt noch immer: Fußball.

 

Es ist der 4. November im Jahr 2000. Im Riesaer Ernst-Grube-Stadion steht ein absoluter „Knaller“ an. Der FC Stahl Riesa 98 spielt gegen Dynamo Dresden. 20 Jahre zuvor hätte dieses Derby das Grube noch bis auf den letzten Platz gefüllt. Diesmal verlieren sich immerhin noch 5140 Zuschauer im Rund – die meisten aus Dresden. Denn letztlich ist das Prestigeduell ein ganz normales Punktspiel in der NOFV-Oberliga-Süd. Weitab vom Glanz des Profifußballs. Christian Mittenzwei schreibt dabei in Riesa seine erste große Fußball-Geschichte. „Das 3:1 war erst der vierte Sieg der Riesaer in über 30 Duellen. Das letzte Spiel der Elbemannschaften liegt 12 Jahre zurück“, schrieb der mdr seinerzeit über eine Begegnung, der Christian Mittenzwei schon in der ersten Minute mit der Riesaer Führung seinen Stempel aufdrückte.

 

Stahl beendete die Saison damals auf einem viel beachteten achten Platz. Doch Christian Mittenzwei ging – zu Hertha BSC nach Berlin. Es hatte, wie er sagt, nichts mit den wirtschaftlichen Problemen zu tun, vor denen Sahl Riesa damals stand. Den Ausschlag gab die sportliche Perspektive, die der Vorzeigeverein aus der Bundeshauptstadt bot. Doch der damals 20-Jährige schaffte den Sprung in die Bundesliga nicht, kickte stattdessen zwei Jahre in der Hertha-Reserve – um danach nach Sachsen zurückzukehren. VfB Leipzig, SSV Markranstädt, RB Leipzig hießen die nächsten Stationen. Bei den Rasenballsportlern in der Messestadt wurde Christian Mittenzwei dann 2009 zum „Helden“. Am 10. Juli schoss er in einem Spiel gegen Bannewitz in der 36. Minute das erste Tor für RB Leipzig überhaupt. Mittenzwei wurde zur „historischen Figur des Red-Bull-Projektes Bundesliga“ geadelt. Ein Ruhm, den ihm auch nach seinem erneuten Wechsel nach Markranstädt niemand nehmen kann.

 

Ruhm? „Was heißt das schon“, sagt der gelernte Stürmer dazu heute bescheiden. „Ich hab das damals gar nicht so richtig wahrgenommen“, kommentiert er dann diesen von einzelnen Medien hochstilisierten Augenblick. Ruhm zu erlangen, war nie sein vordergründiges Ziel. Auch nicht, als er nach Berlin wechselte. „Ich hatte dort die Gelegenheit, unter Profibedingungen zu trainieren“, sagt Mittenzwei. Das „große Geld“, wie manch einer vermutet, „habe ich dort ganz bestimmt nicht verdient“. Dass es letztlich nicht zur Profikarriere reichte, grämt ihn nicht. „Es haben sich für mich andere Wege geöffnet“, sagt er. Und meint seine nächsten Stationen in Leipzig und Markranstädt. Dort hat der junge Vater inzwischen einen Job beim Hauptsponsor des SSV, wohnt mit seiner Lebensgefährtin in Leipzig. Das Umfeld stimmt, mit seinem jetzigen Verein ist Christian Mittenzwei erfolgreich in die Saison der Landesliga gestartet. Dass der „Knipser“ dabei auch schon wieder als Torschütze glänzte, lässt er - wohl aus Bescheidenheit - unerwähnt.

 

Heute steht Christian Mittenzwei mit seinen Markranstädter Teamkollegen nach langer Zeit wieder auf Riesaer Rasen. In der Nudelarena geht es im Landespokal gegen die eine Klasse tiefer spielenden Stahl-Kicker – und damit auch gegen ein paar ehemalige Mannschaftskollegen. „Rico Kaiser kenne ich noch aus meiner Riesaer Zeit, mit den beiden Genschurs habe ich in Markranstädt zusammen gespielt“, sagt der hoch aufgeschossene Vollblutfußballer. „Es wird natürlich für mich ein besonderes Spiel, weil auch viele Freunde und Bekannte zuschauen werden“, so Mittenzwei. Angst oder einen besonderen Druck auf sich selbst spüre er jedoch nicht. „Ich will ein gutes Spiel machen und eine Runde weiterkommen“, sagt er. Die frühere Bindung zu Stahl Riesa „muss dann mal kurz vergessen sein“, wiegelt er jede Befürchtung einer eventuellen „Ladehemmung“ ab.

 

Sein Kontakt nach Riesa und Umgebung ist sowieso nie abgebrochen. Seine Mutter wohnt nach wie vor in Zeithain, unweit des ersten Sportplatzes von Sohn Christian. Der Bruder lebt in Strehla, man besucht sich mehr oder weniger häufig. „Ich habe allerdings schon lange kein Spiel von Stahl Riesa mehr live erlebt“, gibt der Neu-Leipziger zu. Auch nicht inkognito oder so. Auch deshalb freut er sich auf die Rückkehr.

 

Ans Karriereende denkt er mit seinen knapp 31 Jahren freilich noch nicht. Ob er seine aktive Zeit als Fußballer mal in Riesa beenden könnte? Christian Mittenzwei zögert mit einer Antwort. „Vorstellbar ist so etwas schon. Aber die Umsetzung wäre sehr schwierig“, sagt er dann mit Blick auf seinen jetzigen Wohnort und die beruflichen wie privaten Perspektiven.

 

Egal, die Fans des TSV Stahl Riesa freuen sich auf „ihren“ Christian heute in der Nudelarena. „Welcome back Christian Mittenzwei“ haben sie auf ihre Fahnen geschrieben. Auch wenn sie ihm wahrscheinlich – wer kann ihnen das verdenken – heute höchstens ein einziges Tor gönnen. Dafür könnte er ihretwegen sogar noch einmal zur „historischen Figur“ wachsen. Solange der TSV eins mehr als die Markranstädter schießt…

 

(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Ausgabe Riesa, am 8. Oktober 2011)

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