Der Mann fürs Private im Knast
Ludger M. Kauder ist seit über zwei Jahren Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Zeithain – und zwar für Häftlinge und Angestellte.
 
Herr Kauder, was macht ein katholischer Seelsorger in einer Justizvollzugsanstalt wie in Zeithain?
Ich möchte durch meine Anwesenheit die Möglichkeit zu Gesprächen schaffen. In diesen Gesprächen kommt es mir zuerst darauf an, einen - ich möchte es gern externen oder außeranstaltlichen Rahmen zu schaffen, in dem die Gefangenen über ihre privaten wie auch haftinternen Probleme reden können. Einen Rahmen, in dem die Gefangenen wissen dürfen, dass das, was geredet wurde, nicht weitergeleitet werden wird.
Gleichzeitig sehe ich mich aber auch in der Position des Seelsorgers für die Menschen, die hier arbeiten. Ich bin ja nicht Gefangenenseelsorger, sondern Seelsorger in einer JVA. Und da gehören die Bediensteten und die Angestellten mit dazu. Gespräche mit den Angestellten, den Fachdiensten, den Beamten sind für mich auch deshalb wichtig, weil mir dadurch viele Informationen `zugespielt´ werden können, welche die Arbeit mit den Gefangenen leichter machen können.
Wie können Sie einem JVA-Insassen denn tatsächlich helfen?
Ähnlich wie die Sozialdienste haben wir als Seelsorger die Möglichkeit, bei der Wiederaufnahme von Kontakten in die Familien behilflich zu sein. Hier kann ich gegebenenfalls bei der Suche nach Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten helfen. Besonders wichtig ist meine Arbeit sicher dann, wenn Beziehungen zerbrochen sind. Dann sehe ich meine Hauptaufgabe darin, stabilisierend zu wirken, den Blick noch vorn zu stärken und zu motivieren. Soweit es der einzelne Gefangene zulässt, kann es in den Gesprächen auch um Aufarbeitung von Schuld und die Bewältigung von Schuldgefühlen etc. gehen. Hier sehe ich mich als eine gewisse Ergänzung zu den Psychologen und Sozialdiensten.
Wie ist es für Sie gefühlsmäßig, den immerhin verurteilten Straftätern auf Augenhöhe gegenüberzutreten? Gibt es da manchmal auch so etwas wie Angst oder Beklemmung?
 
Die Menschen, denen ich hier begegne sind in erster Linie Menschen. Und von daher kann ich nicht sagen, dass ich ihnen mit Vorbehalten, Angst oder ähnlichen Dingen begegne.
Welchen Eindruck haben Sie nach den Gesprächen mit den Häftlingen? Können beidseitige "Erwartungen" überhaupt erfüllt werden?
 
Teils teils. Mal gelingt es, einen Draht zu schaffen, mal klappt es nicht. Manches Mal sind die Erwartungen auch so gestrickt, dass sie gar nicht erfüllt werden können. Aber das ist in der „normalen Seelsorge“ ja nicht anders.
Wie viele Häftlinge nutzen Ihr wöchentliches Gesprächsangebot?
 
Das ist ganz unterschiedlich. Ich könnte da keinen Durchschnittswert angeben.
Mit welchen Problemen kommen die Häftlinge zu Ihnen - Sie können ja schließlich keine Gerichtsurteile "aufheben"?
 
Da sind neben einigen schon genannten Themen zum Beispiel Zukunftsängste – besonders vor der Entlassung sowie der Wunsch nach Vermittlung zwischen zerstrittenen Partnern oder Familien. Aber auch die Suche nach Hilfe bei den Haftvorbereitungen sowie bei dem Versuch, den eigenen Horizont zu weiten. Für manch einen ist es auch wichtig, einfach mal einen Raum zu haben, in dem er sich emotional gehen lassen kann.
 
Gespräch: Thomas Riemer

(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa, Meißen, Großenhain und Radebeul am 28. September 2011)

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