Der Mann in Weiß

Marco Altmann ist derzeit einziger aktiver Großenhainer Kampfrichter bei den Speedskatern. Dabei ist der 30-Jährige nie selbst auf Inlinern gelaufen. 

Von Thomas Riemer (Foto: Gert Enger)

Von Kopf bis Fuß ganz in Weiß, breitet er die Arme aus. In der linken Hand eine Klemmmappe mit flatternden Blättern drin, rechts der Kugelschreiber, um den Hals eine Trillerpfeife. Der Blick ist streng und voller Konzentration. Fünf Meter vor der weißen Startlinie macht das nervöse Läuferfeld Halt. Marco Altmann verliert nur wenige Worte – aber die sind eindeutig. Dann ruft er Namen. Erste Startreihe, Bahn eins bis sechs, zweite, Reihe, dritte… In Sekundenschnelle stehen die Läufer dort, wo sie laut Rangliste hingehören. Marco Altmann ist zufrieden, überlässt die Sportler dem Starter. Los geht’s – und Marco Altmann steht schon wieder auf Höhe der Ziellinie. 
Kaum ein Wochenende zwischen März und Oktober eines jeden Jahres vergeht, ohne dass der 30-Jährige Großenhainer als Kampfrichter bei Speedskating-Veranstaltungen zwischen den Bahnen und Straßen Deutschlands pendelt. Seit fast 15 Jahren macht er das inzwischen, und bei vielen Veranstaltungen ist der das „Mädchen für alles“ – Hauptkampfrichter nämlich. Man kennt ihn in Meißen, Leipzig, Gera natürlich, Eisenach, Erfurt, Berlin – aber auch in Groß-Gerau, Darmstadt oder Geisingen, den Hochburgen des Inline-Sports in Westdeutschland. „Wir sind immer solange die guten, solange wir die vermeintlich richtigen Entscheidungen treffen“, sagt Altmann über die verschworene Gemeinschaft der Wettkampfrichter. Als Buhmänner wie vielleicht beim Fußball sieht er sich und seine Kollegen dennoch nicht. Was natürlich nicht ausschließt, dass es zwischen Aktiven und Regelwächtern auch mal Spannungen gibt. Manchmal brauche er sich nur vor einem Wettkampf die Starterliste anzuschauen, dann wisse er, „dass bei manchen Altersklassen noch genauer hingeschaut werden muss“, so Altmann.
Kampfrichter beim Großenhainer Rollsportverein ist er eher zufällig geworden. Auf den acht Rollen jedenfalls sei er selbst nie gelaufen, gesteht er. Dafür aber war er viele Jahre Zaungast beim Training seines jüngeren Bruders. Und irgendwann sei er dann gefragt worden, ob er nicht Lust hätte, in die weiße Kluft zu wechseln. Marco ließ sich überreden. 2005 legte er die „Reifeprüfung“ für den kontinentalen Schein ab – bei der Europameisterschaft in Jüterbog erhielt er die Lizenz. Die Titelkämpfe ein Jahr später in Italien bezeichnet er noch heute als eins der absoluten Highlights. Ebenso den Berlin-Marathon 2009, den er als Kampfrichter auf dem Begleitmotorrad erlebte. „Die Dimension war eine ganz andere, als wenn man sowas im Fernsehen anschaut“, sagt Marco.
Die Bodenhaftung hat der kaufmännisch Angestellte trotzdem nicht verloren. Als vor gut einem Jahr die der Großenhainer Rollsportverein nach dem Tornado im Mai um Hilfe rief, war Marco Altmann einer der Ersten, der mit anpackte. Das tat weh, denn die Katastrophe hatte der Anlage ziemlich übel mitgespielt. Und zu dem 150 Meter langen Oval am Großenhainer Stadtrand hat er eine ganz besondere Beziehung. „Unsere alte Bahn hatte etwas ganz Spezielles in Sachen Zusammenhalt der Sportler“, sagt er. Es klingt zwar nicht traurig, aber eine gewisse Wehmut schwingt mit. Aus Sportlersicht sei die Bahn „klein, eng, aber schnell“ gewesen. Heute dagegen würden die neuen Anlagen alle nach fast gleichem Muster gebaut, um den jetzigen internationalen Standards zu entsprechen. Dass auch Großenhain endlich eine neue Bahn hat, freut Marco Altmann natürlich trotzdem riesig. Auch wenn man sich von manch liebgewonnener Gewohnheit verabschieden muss.
Für die Rollsporttage hat Marco Altmann nicht nur die Hauptkampfrichter-, sondern auch eine Organisations-Teillast zu tragen. Und deshalb sieht man ihn in diesen Tagen noch öfter als sonst auf dem Areal an der Hohen Straße. Beim Rasenmähen, beim Koordinieren, beim Besichtigen. „Das wird die Feuertaufe für uns als organisierender Verein“, bezieht er ausdrücklich jene Mitstreiter ein, die bei der Vorbereitung helfen.
Am Sonnabend wird dann aus dem Organisator wieder der „Mann in Weiß“. Als Chef aller Kampfrichter bei diesem Wettkampf weiß er eine dufte Truppe um sich, auf die er sich verlassen kann. Schließlich kennen sich die meisten von den zahllosen Wettkämpfen. „Über manche Positionen müssen wir vor dem Wettkampf gar nicht mehr reden – die sind teilweise an Namen gebunden“, sagt Marco Altmann und lacht. Und es sei zum Beispiel ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, dass der „Glöckner“ an der Zielglocke nichts weiter zu tun hätte als nur die Anzeigetafel zu stellen. Dass Kampfrichter ein Job ist, der auch Verschleiß mit sich bringt, werde überhaupt gern übersehen. „Wer denkt, die sitzen doch sowieso nur in der Mitte und trinken Kaffee, den lade ich gern mal zu einem Wochenende als Kampfrichter ein“, so Marco Altmann. Und reich werden könne man damit gleich gar nicht.
Dass er sich mit zunehmender Dauer der Saison ein wenig nach deren Ende sehnt, verhehlt er nicht. Das ständige Unterwegs-Sein, oft sogar an zwei verschiedenen Wettkampforten an einem Wochenende, zehrt an den Kräften. Ein bisschen Zeit fürs Hobby sollte schließlich auch mal sein. Für Marco Altmann heißt das: „Auflegerei“ als Ausgleich – er ist nebenher DJ. Hier frönt er besonders der Technomusik „in all ihren Facetten“. Wer Marco Altmann kennt, weiß: Es ist ein vorübergehender Rhythmuswechsel vom Stakkato der Speedskater zum Sound der Techno-Freaks.

(Erschienen in der Sächsischen Zeitung, Ausgabe Elbland, am 26. August 2011)

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