Harter Hund an der Seitenlinie
Robert Scharf ist seit Saisonbeginn Co-Trainer der 1. Männer-Mannschaft beim TSV Stahl Riesa. Als gelernter Torhüter erzielte er in seinem letzten Spiel als Aktiver ein Tor – als Stürmer.
 
Von Thomas Riemer
Die „Töppen“ hat Robert Scharf im Frühjahr dieses Jahres endgültig an den sprichwörtlichen Nagel gehängt. Notgedrungen. Nach einer schweren Armverletzung mit Knochensplitterung beim Super-Regio-Cup in der Riesaer Erdgasarena – ausgerechnet im Spiel gegen Dynamo Dresden - kam für den jetzt 30-jährigen Torwart des TSV Stahl Riesa das frühe Karriereende im Dezember des vergangenen Jahres. „Bis ungefähr April habe ich noch gehofft, dass es irgendwie weitergeht“, beschreibt Robert Scharf die Zeit zwischen Hoffnung und Bangen. „Es war nicht leicht, von heute auf morgen aufzuhören.“ Nur noch ein Mal schnürte er danach als Aktiver die Fußballschuhe für ein Pflichtspiel – und schoss sein einziges Tor im Männerbereich. Das war beim letzten Punktspiel der Saison 2010/11 gegen Dresden-Laubegast, als TSV-Trainer Ron Bößneck das Team „wild“ aufstellte und Robert Scharf beim 9:2-Sieg für ein paar Minuten zum Stürmer wurde.
 
Coach Bößneck war es auch, der das Riesaer Urgestein für die Mannschaft „rettete“. Er machte Robert Scharf quasi über Nacht zu seinem Co-Trainer. Für den jungen Mann eine völlig neue Situation. Denn vielen der Spieler, die er jetzt trainiert, hat er selbst noch auf den Platz gestanden. Robert Scharf sieht das inzwischen sogar als kleinen Vorteil. „Der Respekt der Spieler vor mir ist schon da, weil sie mich kennen“, sagt er. Was nicht heißt, dass er sich von einem Tag zu anderen mit „Sie“ ansprechen lässt. „Wir trinken nach dem Training oder Spiel weiterhin gemeinsam unser Bierchen. Schließlich sind wir doch ein Freizeitteam.“
 
Am Spielfeldrand jedoch kann Robert Scharf auch mal so richtig ausflippen. Mit überschwänglicher Freude, wenn es gut läuft. Spielt die Mannschaft schlecht, kann er allerdings auch sehr, sehr laut werden – schlimmstenfalls gipfelt die Enttäuschung auch mal in einer wütend zu Boden geworfenen Getränkeflasche. „Ron Bößneck sitzt fast immer auf der Bank, ist der Ruhige von uns beiden. Ich dagegen bin eher der emotionale Typ, stehe meist neben der Bank“, flachst Robert Scharf. „Draußen“ zu stehen – daran muss er gefühlsmäßig halt noch ein bisschen arbeiten.
 
Wobei die Gefühle in seinem Falle wohl auch ganz viel mit Ehrgeiz zu tun haben. Das trifft zum Beispiel beim Thema „Aufstieg“ voll zu. Als Robert Scharf für einige Zeit beim „Erzrivalen“ Sportclub Riesa spielte, merkte er bald, dass dort die sportlichen Aussichten nicht rosig waren. Also ging er zum TSV Stahl, „weil ich unbedingt einmal aufsteigen wollte“, wie er sagt. Tatsächlich schaffte Stahl den Weg in die Bezirksliga mit Robert Scharf als Torwart. Jetzt peilt er Ähnliches als Co-Trainer erneut an, auch wenn das Unterfangen schwierig ist – gerade nach dem eher mäßigen Start in die neue Saison mit einem Remis und einer Niederlage. Trotzdem ist der Jung-Trainer – noch ohne Trainerschein – optimistisch. „Ein Aufstieg dieses Jahr wäre natürlich schön und ist auch möglich, wenn im Endeffekt alles gut geht“, sagt er nüchtern analysierend. Die Mannschaft sei noch besser besetzt als in der letzten Saison. Und wenn sie von langfristigen Verletzungsausfällen verschont bleibt… Als Co-Trainer darf man ja auch mal träumen.
 
Robert stammt aus einer Fußballerfamilie. Vater Wolfgang hütete in den 1970er Jahren den Kasten der BSG Stahl Riesa, war danach Assistenz- und Jugendtrainer in der Elbestadt. Klar gibt es da so manchen Tipp für den jungen Co-Trainer vom erfahrenen Vater. Doch prinzipiell will Robert Scharf seinen eigenen Weg gehen, sagt er. „Heute wird doch ein ganz anderer Fußball mit anderer Technik, anderer Taktik gespielt“, sagt er. Auch der Umgang mit den Spielern sei ein ganz anderer als zu den aktiven Zeiten des Papas. „Früher war doch mehr Respekt da, heute muss man da schon manchmal anders auftreten“, sagt Robert. „Manchmal ist das schon komisch“, ergänzt er mit Blick auf das Team. Aber wichtig sei das gemeinsame Ziel der gesamten Truppe. „Und da muss ich meine eigenen Erfahrungen sammeln.“
 
Irgendwann will Robert Scharf auch seinen Trainerschein machen. „Dazu war bislang noch nicht so recht die Zeit“, sagt er. Der Kampf gegen die Verletzung, der Bau des Eigenheimes, die Familie – das waren in den letzten Monaten die Dinge, die Priorität hatten. Nächstes Jahr will er vielleicht heiraten Fußballernachwuchs aus dem Hause Scharf ist allerdings derzeit nicht in Sicht. Denn die zehnjährige Tochter des Co-Trainers „hat andere Ambitionen“ als der zweite Mann auf der Stahl-Bank.

(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Lokalausgabe Riesa, am 10. September 2011)

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