Balance halten

Eine neue Sportart erobert Riesa. Sie soll Kinder und Jugendliche vom Computer fern halten und die Konzentration schulen.

 

Von Thomas Riemer

 

Kinder oder Jugendliche balancieren über ein rund fünf Zentimeter breites, sehr straff gespanntes Textilband. Vorsichtig tasten sie sich zunächst vorwärts, bekommen anfangs auch noch Hilfestellung. Aber es dauert gar nicht lange, und schon gehen sie die ersten Schritte allein auf dem schmalen Band. „Hier können völlig untrainierte Kinder und Jugendliche schnell Erfolge erleben“, sagt Stefan Kittler, Diplom-Sozialpädagoge beim Freizeitinsel Riesa-Großenhain e.V. Fast täglich lernen sie neue Tricks, probieren sich aus. Slacklining nennt sich diese Sportart. Und wenn man genau hinschaue, „ist Slacklining so viel mehr als das bloße Balancieren“, so Kittler. Denn zusätzlich werden Konzentrationsfähigkeit, Wadenmuskulatur, Körperhaltung und das gesamte Gleichgewichtssystem geschult.

 

Die Idee, diese heutzutage ganz andere Art von Freizeitbeschäftigung zu integrieren, ist Programm bei der Freizeitinsel. Denn als offene Kinder- und Jugendeinrichtung merken die Insulaner täglich, wie die jungen Gäste ihre Freizeit am liebsten verbringen: Computer, Internet, Spielkonsolen. Da werden täglich Rekorde gebrochen, virtuelle Felder geerntet, Aliens abgeschossen. „Die Spielgeräte der vorangegangenen Generationen sind längst zur Nebensache geworden“, sagt Sozialpädagoge Kittler. Dem soll unter anderem mit Slacklining ein bisschen entgegen gewirkt werden. Vor reichlich zwei Jahren reifte die Idee, als sich die so genannte Slackline Crew Riesa etablierte. Deren Mitglieder sind inzwischen schon so etwas wie Profis, zeigen zum Teil exzellente Kunststücke auf der „Leine“, wie Stefan Kittler das Band liebevoll nennt. Vorläufiger Höhepunkt war im Rahmen des diesjährigen Sommerfestes der „Insel-Slack“, bei dem unter anderem Teilnehmer aus Österreich und sogar einer aus Australien ihr Können demonstrierten.

 

„Wir haben doch den Nachwuchs im eigenen Haus“, so Stefan Kittler. Bislang wird die Sportart in der Freizeitinsel noch eher spontan angeboten – je nach Tagesinteresse und Besucherzahl. Kittler sieht seinen Job unter anderem darin, den Kindern dies immer wieder als Alternative anzubieten und eine gewisse Spannung – die durchaus vorhanden sei – zu nutzen. Langfristiges Ziel sei für ihn, Slacklining auf der Freizeitinsel als regelmäßiges Angebot zu etablieren. Vorsorglich hat er deshalb für die Wintermonate auch Hallenzeiten im Riesaer Rathaus beantragt.

 

Prinzipiell ist Slacklining eine Sportart, für die es keine großen Voraussetzungen bei den jungen Leuten braucht. Und wenn entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, sei es auch überhaupt nicht gefährlich, so Stefan Kittler. Deshalb hat er das Projekt jetzt auch zur Förderung bei der „Volltreffer-Aktion“ der Riesaer Stadtwerke eingereicht. „Mit einem Teil des Erlöses würden wir gern unser Slackline-Material erneuern und erweitern. Dazu zählen unter anderem Sicherheitsmaterial, Slacklines verschiedener Längen und ein Rahmen, der es ermöglicht, in Hallen oder auf Plätzen zu trainieren, wo es keine Bäume gibt“, sagt der Sozialpädagoge.

 

Auch eine zweite neuere Freizeitaktion könnte durch Fördergelder einen Aufschwung bekommen: Speedstacking. Hierfür sind weder körperliche Fitness noch lange Trainingseinheiten nötig. Das System ist denkbar einfach: Becherstapeln. Die Kinder haben eine vorgegebene Becherzahl vor sich und stapeln sie mit beiden Händen als Pyramide vor sich auf – und zwar nach logischer Reihenfolge, im Kampf gegen die Uhr oder den unmittelbaren Konkurrenten. Dabei werden nach Meinung der Experten Fähigkeiten trainiert, die Kinder und Jugendliche gut brauchen können. Speedstacking aktiviere durch das abwechselnde Arbeiten mit der linken und der rechten Hand und das Überkreuzen der Gesichstmitte beide Gehirnhälften. Dadurch würden neue „Nervenstraßen“ und „Nervenautobahnen“ gebaut, die später zum Beispiel beim Spielen eines Instruments, beim Lesen, Schreiben oder auch Sport hilfreich sein können. Das Faszinierende allerdings ist, dass man mit diesem Effekt etwas erreichen kann, das großen Spaß macht, so Stefan Kittler. Und zwar allein, mit Partner oder in der Gruppe – und ganz ohne Computer und Fernsehen.

 

(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 16. September 2011)

Nach oben