Denkmalstag in der Mühle Oelsitz

Stolz auf einen Mehlsack von 1928
Wie im Vorjahr erlebte die Oelsitzer Mühle zum Tag des offenen Denkmals gestern einen Besucheransturm. Das kleine Waagenmuseum soll künftig vor allem für Schulen als Wanderziel etabliert werden.
 
Von Thomas Riemer
 
Immer wieder hält Volker Hesse einen kleinen Mehlsack für die Fotografen vor seinen Körper. Etwa so, wie ein Etappensieger bei der Tour de France seine Siegerschleife präsentiert. „Das ist heute mein ganzer Stolz“, sagt Hesse, als er eine von drei Führungen zum Tag des offenen Denkmals durch die Oelsitzer Wassermühle beginnt. Denn der Mehlsack stammt vermutlich aus dem Jahr 1928, fasst 2,5 Kilogramm und ist eine Leihgabe eines „zugezogenen“ Nünchritzers.
 
Wie schon bei der Premiere im vergangenen Jahr konnten sich die Organisatoren vom Oelsitzer Ortsverein über einen riesigen Besucherandrang in „ihrer“ Mühle freuen. Dort hat sich in den vergangenen Monaten jede Menge getan. Zahlreiche Räumlichkeiten wurden buchstäblich enstaubt und entschlammt. „Im Keller stand der Schlamm ungefähr so hoch“, sagt Volker Hesse und formt mit den Händen einen gefühlten Abstand von knapp 20 Zentimetern. In den oberen Etagen wiederum waren sämtliche Fenster zerschlagen, was natürlich die Tauben und deren Dreck magisch anzog, so Hesse, der sich selbst den Gästen als „der Müller“ vorstellt.
 
Davon ist nichts mehr zu sehen zwischen all den Mühlenutensilien, Geschichtstafeln oder eben Leihgaben, die der Ortsverein im Laufe der Zeit von Privatpersonen, Kommunen oder auch Unternehmen erhalten hat. Dass hier oder da einzelne Teile fehlen oder irgendwo verschollen sind, stört da niemanden. Angesichts der fundierten Auskünfte des „Müllers“ kann man sich einerseits vorstellen, wie „anno dunnemals“ hier Mehl gemahlen wurde. Andererseits ist da natürlich auch eine ziemliche Neugier, was den „Mühlenbauern“ von Oelsitz für die Zukunft noch so einfällt. Denn die haben ein hehres Ziel. „Die alte Turbine und das Mühlenwehr sollen irgendwann wieder in Betrieb gesetzt werden“, so der Oelsitzer Ortsvorsteher Peter Kallmeyer. Doch bis dahin sei es ein sehr langer Weg, eben eine „Tippeltappeltour“. Denn das Geld dafür liegt natürlich nicht auf der Straße. Trotzdem sind die Oelsitzer nicht untätig, haben sich mit ihrem Projekt zum Beispiel bei der „Volltreffer“-Aktion der Riesaer Stadtwerke angemeldet. „Vielleicht gelingt es, eine Anschubfinanzierung zu bekommen, um dann eventuell an Fördergelder zu gelangen“, so Peter Kallmeyer. Im Riesaer Rathaus jedenfalls sei man auf offene Ohren gestoßen, habe sich der Kontakt enorm verbessert, seit es einen eigenen Oelsitzer Ortschaftsrat gibt. Und dank der Hilfe von „außen“ konnten zahlreiche Arbeiten in den letzten Monaten unter anderem durch so genannte Ein-Euro-Jobber sowie Insassen der Justizvollzugsanstalt Zeithain erledigt werden. Die Zeiten, als die Oelsitzer „Mühlen-Pioniere“ mit ihrer Idee als „Spinner“ abgetan wurden, sind jedenfalls längst vorbei.
 
Und auch wenn vieles noch Zukunftsmusik ist, wird zum Beispiel das kleine Waagenmuseum im ersten Stock schon jetzt einer Dauernutzung zugeführt. Es ist das „Herzstück“ der Führungen zum Denkmalstag und wird von der „Müllerin“ vorgestellt: Claudia Zernitzky präsentiert die einzelnen Ausstellungsstücke – von der einfachen Federzug- über die Dezimal- bis hin zu einer Chronos-Waage. Gebaut vermutlich 1936, ist sie noch voll intakt und funktioniert komplett ohne Strom. Da lacht natürlich das Herz des technikinteressierten Besuchers. Künftig soll die Ausstellung zunächst noch ein wenig größer werden und dann insbesondere für Schulklassen als Ziel von Wandertagen und Exkursionen angeboten werde.
 
Nach dem großen Staunen über den Glanz, der in die Wassermühle eingezogen ist, zog es gestern die Besucher trotz der Hitze noch zu den liebevoll präsentierten Sehenswürdigkeiten „am Rande“. Heinz Lindner aus Gostewitz zeigte Tonwaren aus eigener Herstellung, daneben werkelte Jan Giehrisch an einer Sonnenuhr aus Sandstein, die demnächst auf den Weg in eine Schule in der Schweiz geht. Und auch fürs leibliche Wohl war natürlich gesorgt. Ganz klar, dass da neben Kuchen, Holzofenbrot, Kesselgulasch im Brotlaib und Getränken etwas ganz Besonderes auf dem Speiseplan stand: die Oelsitzer Mühlensuppe. Gekocht hat sie Heiko Franke, Chef des kleinen Kantinenversorgers mit dem vielsagenden Namen „MaLiLaPa“. Die Zutaten und Zubereitungsweise lässt er sich allerdings erst nach einigem Zureden entlocken: eine leicht gebundene Erbsensuppe, angereichert mit verschiedenen Linsen und Kartoffelstücken, dazu Lauch, Sellerie, Karotten und ein feuriges Knackwürstchen. „Ich habe das zum ersten Mal ausprobiert“, so Franke. Der Erfolg gibt ihm recht. Schon kurz nach der Mittagszeit sind sämtliche Suppentöpfe so gut wie leer.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 12. September 2011)

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