Der letzte Kaufhallen-Geburtstag

Der letzte „Kaufhallen“-Geburtstag
Rund 150 Besucher kamen zur Feier in die Kinder- und Jugendeinrichtung. Nach 19 Jahren soll sie nun ins „Art“ umziehen. Sind zu hohe Betriebkosten der einzige Grund?
 
Von Thomas Riemer
 
19 Mal hat Heike Schreiber eine Geburtstagsparty mit ihrem Mitstreitern in der „Kaufhalle“ organisiert. Die Feier am Freitag war mit großer Wahrscheinlichkeit die letzte dieser Art. Denn: Die Familien-, Kinder- und Jugendeinrichtung der Outlaw gGmbH wird zu Jahresbeginn umziehen. Die jetzige Kulturwerkstatt „Art“ soll künftiges Domizil sein. Doch Leiterin Heike Schreiber ist darüber nicht grundsätzlich glücklich. „Wir sind schon ein bisschen traurig, aus unserem Haus ausziehen zu müssen“, sagt sie. Die Idee für den Umzug sei jedoch von anderen Stellen gekommen. „Wir sind jetzt diejenigen, die sie umsetzen“, so Heike Schreiber.
 
In der „Kaufhalle“ haben sich Outlaw und vor allem die Besucher in der Vergangenheit sehr wohl gefühlt. Im Haus gab es verschiedene Freizeit- und Beschäftigungsangebote nicht nur für die regelmäßigen Gäste, sondern auch für Familien aus dem benachbarten Wohngebiet. In die Räumlichkeiten wurde jede Menge Initiative – und auch Geld - gesteckt. Zwei Räume entstanden völlig neu, wurden kreativ und mit viel Mühe der Beteiligten mit Leben erfüllt. Alles befand sich auf einer Ebene – das sei ein großes Plus gewesen, sagt Heike Schreiber. Denn egal, wo gerade etwas lief – die Gäste trafen sich immer wieder im Haus.
 
Sie ist die Einzige, die die kompletten 19 Jahre in der „Kaufhalle“ erlebte. „Uns hat niemand gefragt“, spielt sie auf den Umzug an. Die künftigen Räumlichkeiten im „Art“, die sich auf unterschiedlichen Ebenen befinden, seien ihn jedem Fall eine neue Herausforderung. Man müsse halt das Bestmögliche herausholen, die Kapazitäten erschließen, ist sie entschlossen. „Das Finden dort – das wird ein Prozess“, sagt Heike Schreiber.
 
Jeden Tag zählt die „Kaufhalle“ um die 40 bis 70 Besucher. Nicht nur das Interesse an den täglichen Angeboten sei ein Plus, auch Kindergärten und Grundschulen hätten ihre Aktivitäten gern dorthin verlegt. Sport- und andere Gruppen feiern in den Räumen, der Bedarf zur Durchführung von Kindergeburtstagen sei „riesig“, sagt die Leiterin. „Wir versuchen das am neuen Standort weiterzuführen“. Und da nehme sie die Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer beim Wort, die immer gesagt habe: Nicht die „Kaufhalle“ selbst, sondern vor allem deren Inhalte müssen in die Klötzerstraße mitziehen.
 
Die Riesaer Stadträte hatten nach längerer Debatten im September der Einrichtungs-Rochade zugestimmt. Die Kulturschleuder, bislang in den „Art“-Räumen ansässig, zieht ins Kulturhaus „Stern“. Das frei werdende Haus wird neue Unterkunft für Outlaw. Schlagkräftigstes Argument von Verwaltung und Stadtrat: die Betriebskosten in der „Kaufhalle“ seien enorm und drei Mal so hoch wie im Stern. Ob diese Rechnung aufgeht, muss sich allerdings erst zeigen. Dass viele der Entscheidungsträger der Einladung nicht gefolgt sind, um sich einmal vor Ort über die alten und neuen Bedingungen zu informieren, stößt jedenfalls auf Enttäuschung. Stattdessen hält sich – nicht nur bei den Betroffenen -  hartnäckig die Vermutung, dass die „Kaufhalle“ im nächsten Jahr abgerissen und wirtschaftlichen Interessen für den Bau von Parkplätzen der BuS Elektronik geopfert wird. Das Betriebskosten-Thema sei daher „etwas übertrieben vorgeschoben worden“.
Das Ende in der Kaufhalle ist nunmehr auch terminlich fixiert. Nach Lage der Dinge wird der 28. Februar 2012 der letzte Veranstaltungstag in der Kaufhalle sein. Für März ist der Umzug in die Klötzerstraße geplant, am 1. April soll es dort weitergehen. Wie das dann ganz konkret für das Familienzentrum aussieht – das weiß auch Heike Schreiber noch nicht hundertprozentig. „Das Mitnehmen der Inhalte – da muss man sehen, ob das funktioniert“, sagt sie. Am Outlaw-Team wird es dabei sicherlich nicht scheitern.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 5. Dezember 2011)

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