Einblicke ins Penthouse
Hunderte Gäste stürmten am Sonnabend das 100-Jährige Schulhaus „Pestalozzi“ in Riesa. Der Schulleiter ist überwältigt, ehemalige Schüler kommen aus dem Staunen gar nicht heraus.
 
Von Thomas Riemer
 
Eberhard Henke bemüht gern eine Anekdote, wenn er über das Haus „Pestalozzi“ spricht. Von 2007 bis 2009 habe ein Referendar im Städtischen Gymnasium in Riesa gearbeitet, der danach nach München wechselte. Bei einem Besuch in Riesa befragt nach dem Unterschied zur bayerischen Landeshauptstadt, erzählte der junge Mann: „Das ist wie der Unterschied zwischen einem Penthouse und einer Wellblechbaracke.“ „Mit der Baracke meinte er München“, sagt Eberhard Henke erklärend.
 
Gemeinsam mit seinen rund 50 Lehrern und vielen aktuellen Gymnasiasten stellte am Sonnabend das Gymnasium, vorrangig aber die „Pesta“ den interessierten Gästen vor. „Ich konnte überhaupt nicht kalkulieren, wie viele Besucher kommen“, so Henke. Dass die dann allerdings das hundert Jahre alte Gemäuer buchstäblich „stürmen“, das „hat mich dann doch überwältigt“.
 
Auf sämtlichen Etagen präsentierten die Lehrer und Schüler, was im alten neuen Haus heute passiert. Neben der Vorstellung der einzelnen Fachräume und Profile war besonders die Ausstellung über die hundertjährige Geschichte des Hauses ein wahrer Besuchermagnet. „Ich halte die Pe4sta für eins der schönsten Schulgebäude – wenigstens in Sachsen“, so Eberhard Henke. 1912 errichtet, hob es sich dank der Ideen des Architekten wohlwollend von anderen Häusern ab. „Dort war Eintönigkeit vorprogrammiert“, so Henke. In der Pesta dagegen wurden zahlreiche kleine Details integriert, die der Einrichtung schon damals eine „intime Note“ gaben. „Alles war genau durchstrukturiert“, sagt der Schulleiter. Der fertige Bau sei damals der „Aufbruch in ein neues Schulalter“ gewesen.
 
Das ist es offenbar auch heute noch. Nach der Wende wurde gezielt in die Immobilie investiert, um sie heute modernsten Bildungsansprüchen gerecht betreiben zu können. „Das ist ja wie im Interhotel“, sagt Dieter Zocher anerkennend. Von 1955 bis 1958 hat er in der Pesta gelernt, auch seine Frau war hier vor vielen Jahren Schülerin. „Die Erinnerung ist noch da“, so Zocher beim Rundgang. Sein altes Klassenzimmer hat er sofort wiedergefunden, auch das Lehrerzimmer sei noch am alten Ort. Doch die Helligkeit der Räume – natürlich die modernen Lehr- und Lernmittel, beeindrucken ihn. Auch Thomas Born kommt aus dem Staunen kaum heraus. Zwischen 1964 und 1974 war er Pesta-Schüler, war seit dem Verlassen der Einrichtung nicht wieder im Haus. Doch die alte Wirkungsstätte hat durchaus auch beim ihm Spuren hinterlassen. „Ich vermisse das große Lenin-Bild – zwei Türen weiter war mein Klassenzimmer“, so Born mit ironischem Gesichtsausdruck.
 
Für viele der Besucher nahm das Händeschütteln samt Umarmung ehemaliger Klassenkameraden und Freunde kaum ein Ende. Da es zum Beispiel bei der Turmbesteigung zeitweise auch Wartezeiten gab, kam ein Plausch unter alten Freunden natürlich gerade im rechten Moment. Eberhard Henke freute es natürlich. Zumal sich für den Samstagnachmittag auch gleich noch mehrere Klassentreffen zum Rundgang angesagt hatten.
 
(Sächsische Zeitung Riesa, 2. April 2012)

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