Familienanschluss gesucht
Das Riesaer Tierheim versucht, Rentner für die Aufnahme älterer Tiere zu finden. Beide Seiten würden profitieren.
 
Von Thomas Riemer
 
Neugierig schaut Lady in die Runde. Ihr entgeht nichts. Neugierig
verfolgt sie jeden Schritt ihrer zwei- und vierbeinigen Begleiter. Die
Streicheleinheit von Tierpflegerin Cindy Schemschat genießt die braune
Schäferhündin sichtlich. Sie lässt den Kamm durchs Fell streichen. Und
gemeinsam freut sich das ungleiche Duo, als dann sogar kleine Küsschen
verteilt werden.
Über zwölf Jahre alt ist Lady inzwischen und zählt damit zu den
Senioren im Tierheim in Riesa-Göhlis. Dorthin kam sie einst, weil ihr
Besitzer erkrankte. Ein neues Herrchen fand sich bisher nicht. Denn
Lady teilt ein Schicksal mit vielen anderen Hunden: Je älter, desto
schwerer vermittelbar sind sie.
Mit einer neuen Aktion will der Tierschutzverein Riesa und Umgebung
e.V. jetzt diesem Trend zumindest von tierischer Seite entgegenwirken.
„Graue Schnauzen“ ist der vielsagende Titel. Dahinter verbirgt sich,
„dass sich ältere Bürger gern einen älteren Hund oder auch eine Katze
aus dem Tierheim zu sich nach Hause holen können“, so Gisela Eichler
vom Tierschutzverein. Die Aktion habe sich in anderen Tierheimen
bereits sehr gut bewährt, und deshalb wolle man nun auch in Riesa
versuchen, vorwiegend alte Tiere in gute Hände zu geben. Denn nach
Ansicht von Gisela Eichler gibt es viele Menschen, die im Alter von
einer solchen Seniorenpartnerschaft profitieren könnten. Zumal das
Zusammenleben ein recht kostengünstiges wäre. Denn das neue Herrchen
würde in Zukunft lediglich für das Futter des Tieres aufkommen. „Es
entstehen ihm keine weiteren Kosten“, versichert Gisela Eichler. Denn
eventuell anfallende Tierarztkosten etc. übernehme das Tierheim. Der
Status des Vierbeiners ist also überschaubar: Er bleibt Zeit seines
Lebens im „Besitz“ des Tierheims, wohnt aber auf „Leihbasis“ in der
neuen Familie.
Eberhard Paul, Vorsitzender des Tierschutzvereins, ist geradezu
begeistert von der Idee. „Es wäre doch schön, wenn viele Tiere dadurch
wieder ins öffentliche Leben integriert würden“, sagt er. Viele seien
schon recht lange im Tierheim. Dort wird natürlich alles getan, ihnen
das Hunde- oder Katzenleben so angenehm wie möglich zu machen. Die
Hunde zum Beispiel sind in der Regel in Einzelzwingern untergebracht.
Im und rund ums Tierheim haben sie ausreichend Auslaufmöglichkeiten.
Regelmäßig gibt es „Gassi-Runden“ mit Mitarbeitern oder auch
Freiwilligen.
Letztere kommen vor allem an den Wochenenden und Feiertagen zur
„Gassi-Aktion“ nach Göhlis und übernehmen für jeweils zwei Stunden den
Auslauf. Auch mit der Vermittlungsquote ist das Riesaer Tierheim
relativ zufrieden. „Vor allem nach den Sendungen von ,tierisch,
tierisch‘ melden sich immer wieder Interessenten“, sagt der
stellvertretende Leiter Uwe Brestel. Wer dann tatsächlich ein Tier
mitnehmen darf, das entscheidet sich nach mehreren Gesprächen. Von Fall
zu Fall werden auch die Gegebenheiten vor Ort angeschaut, so Eberhard
Paul. Wenn der neue Besitzer weiter entfernt wohnt, kontrollieren bei
Bedarf oder Hinweisen auch die befreundeten Tierschutzvereine mal im
Auftrag der Riesaer.
Gut zu vermitteln sind freilich vor allem die jüngeren
Hunde-Generationen. Welpen gehen besonders gut – verständlicherweise.
Solch drollige Gesellen wie Hasso, ein Mischling, haben es da bedeutend
schwerer. 2010 kam der Zehnjährige nach Göhlis und gilt als stubenrein,
gutmütig und ruhig. Und wachsam! Letzteres wäre natürlich eine ideale
Voraussetzung für einen älteren Menschen. Allerdings müsste er ein
wenig Hundeerfahrung mitbringen – heißt es jedenfalls im
Aufenthaltsprotokoll, das zu jedem Bewohner geführt wird, soweit die
Herkunft und Ähnliches überhaupt geklärt sind.
Was nicht auf dem Blatt Papier steht: Hasso ist lebhaft und verspielt.
Denn als der weit kleinere Chicco, ein Pinscher-Mix, in die Nähe kommt,
wird es im Terrain temperamentvoll. Die beiden verstehen sich offenbar
prächtig. Vielleicht, weil Chicco ganz besonders viel Nachholbedarf
hat. Denn er ist ein Fundtier, geschätztes Alter acht bis zehn Jahre.
Cindy Schemschat hat für jedes Tier eine Streicheleinheit parat. Und
wäre trotzdem überhaupt nicht böse, wenn die „Senioren“ das Tierheim
verlassen. „Ich freue mich doch, wenn die Hunde ein richtiges Zuhause
finden“, sagt sie. Sie selbst besitzt einen eigenen, hat für einen die
Patenschaft im Tierheim übernommen und gehört zu den etwa sieben Frauen
und Männern, die in Göhlis arbeiten.
Wer Interesse an einem Tier hat, kann das Tierheim unter 03525 632826
oder mobil unter 0162 9465360 erreichen.
 
(Sächsische Zeitung Riesa/Großenhain, 20. April 2012)

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