Geklautes Fahrrad ist nur noch Schrott
Vor einem Vierteljahr verschwand das Rad von Ramona Linke aus dem Keller. Jetzt tauchte es wieder auf – als Angebot von Einzelteilen im Internet. Den vermutlichen Tätern werden inzwischen sechs Diebstähle zugeordnet.
 
Von Thomas Riemer
 
Da staunte Ramona Linke nicht schlecht: Vor wenigen Tagen erhielt sie die Nachricht von der Riesaer Polizei, dass ihr vermisstes Fahrrad wieder da sei. Der Haken daran: Es ist nur noch ein Haufen Schrott, den ihr die Beamten vorlegten. Denn das Fahrrad wurde „in 1000 Einzelteile zerlegt“, so Ramona Linke verbittert. Gefunden wurde es durch Zufall – im Internet auf der Homepage eines großen Gebrauchtwarenhändlers.
 
Die Vorgeschichte: Ungefähr vor einem Vierteljahr verschwand das Fahrrad von Ramona Linkes Tochter spurlos aus einem Keller in einem Wohnhaus auf der Freitaler Straße in Riesa. „Es war ein Trekking-Rad, Neuwert 229 Euro“, so Ramona Linke. Innerhalb kurzer Zeit musste die Familie damit schon den dritten Fahrradklau beklagen und zeigte den neuerlichen Verlust auch bei der Polizei an. Von dort hörte die Familie dann lange nichts – bis vor ein paar Tagen. Linkes erfuhren, dass die Polizei im Internet auf Einzelteile des Zweirades gestoßen sei, die zum gestohlenen Bike passten. Möglicherweise sei der entscheidende Hinweis die außergewöhnliche Farbe des Rades gewesen – ein leichtendes Gelb, vermutet Ramona Linke. Nach ihren Informationen sei inzwischen ein vermutlicher Täter ermittelt worden.
 
Die Polizei hält sich zu dem Fall – wohl aus ermittlungstaktischen Gründen – weitgehend bedeckt. „Polizeiliche Recherchen“ hätten „bei einem Online-Kaufhaus“ zu dem Fund geführt, sagt Riesas Revierleiter Hermann Braunger. Dort seien mehrere Angebote festgestellt worden, die mit in Riesa gemeldeten Fahrraddiebstählen in Verbindung gebracht wurden. Im Zuge der Ermittlungen seien inzwischen zwei Tatverdächtige junge Riesaer (16) ins Visier geraten. Bei beiden wurden Einzelteile von Rädern, aber auch intakte – meist umgebaute – und damit brauchbare Gefährte gefunden. Derzeit gehen die Beamten davon aus, dass mindestens sechs gestohlene Fahrräder im innerstädtischen Bereich auf das Konto des Duos gehen. Der Wert der Räder wird mit durchschnittlich 400 Euro angegeben. Ob die Liste noch länger ist, „ist nicht auszuschließen“ so Hermann Braunger. Ein Geständnis der vermutlichen Langfinger gebe es noch nicht, allerdings hätten sich die Schüler bei ihren Vernehmungen immer mehr in Widersprüche und Lügen verstrickt.
 
Auch „Kommissar Zufall“ hat offenbar bei den Ermittlungen geholfen. So war das Fahrrad der Familie Linke vor einiger Zeit in einen Unfall verwickelt, so dass die Rahmennummer damals zu Protokoll genommen und damit der Polizei bekannt ist, erzählt Ramona Linke. Sauer auf das ganze Prozedere ist sie natürlich trotzdem. Denn das Trekking-Rad ist unbrauchbar, Ersatz von der Versicherung wird sie nicht bekommen. Zudem glaubt sie nicht, dass es für die Täter gravierende Folgen haben wird, weil sie noch nicht volljährig sind. Ergo bleibt den Linkes nur noch ein trauriger Blick in den Keller. „Dort liegen jetzt die Einzelteile und warten auf die nächste Schrottabfuhr“, sagt Ramona Linke.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 24. November 2011)

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