Landespreis für Riesaer Museum

Landespreis für Heimatforschung nach Riesa und Glogau
Schüler und Betreuer beider Städte wurden für ihr Projekt „Flucht und Vertreibung“ geehrt. Damit ging der Preis erstmals auch nach Polen.
 
Von Thomas Riemer
 
Die Freude ist riesengroß. Sowohl bei den jungen Leuten aus Riesa als auch aus der polnischen Partnerstadt Glogau (Glogow). Dazu natürlich bei den Betreuern aus den Schulen sowie bei Maritta Prätzel, der Leiterin des Riesaer Stadtmuseums, und Museumsdirektor Leszek Lenarczyk vom Historischen Archäologischen Museum Glogau. Aber zum Beispiel auch beim Riesaer Ehepaar Alfred und Vera Jäckel, das vor einiger Zeit dem Projekt „Flucht und Vertreibung“ als Zeitzeuge zur Verfügung stand und Sven Richter von der Mittelschule am Merzdorfer Park seine Geschichte erzählte. Am Freitag gab es für das Projekt den sächsischen Landespreis für Heimatforschung. Damit ging die Auszeichnung  erstmals über die Landesgrenzen hinaus nach Polen, heißt es kurz und knapp in einer Mitteilung des Sächsischen Kultusministeriums, das den Preis stiftete. Doch es steckt weit mehr dahinter.
 
Denn etwa zwei Jahre lang wurde im Stadtmuseum Riesa am Projekt „Begegnen, Erfahren, Verstehen“ gearbeitet. Riesaer Schüler befragten Zeitzeugen zu ihren Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges und gestalteten aus den Ergebnissen eine Ausstellung. Am 27. Januar, anlässlich des nationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus, wurde sie unter dem Titel "Flucht und Vertreibung" im voll besetzten Vortragssaal des Stadtmuseums Riesa eröffnet. Parallel dazu befassten sich Jugendliche in Riesas polnischer Partnerstadt Glogau mit dem Thema, so dass die Ausstellung ein Gemeinschaftswerk wurde.
 
Die Jugendlichen sind „stolz wie Bolle“, sagt Maritta Prätzel, die am Freitag mit acht Riesaer Jugendlichen, eben so vielen aus Glogau sowie Betreuern beider Städte und Museumsdirektor Leszek Lenarczyk zur Verleihung ins Dresdner Landhaus fuhr. Die beiden Museen waren die Träger des Projektes – und verfolgten damit letztlich ein lohnenswertes Ziel. „Für Einrichtungen wie unsere ist es wichtig, mit jungen Leuten zu arbeiten“, so Maritta Prätzel. Dass das Projekt dann so gut lief und die jeweiligen Ausstellungen in Riesa und Glogau eine ungeahnte Resonanz fanden, hatten die Beteiligten offenbar selbst nicht erwartet. „Etwas Besseres konnte uns doch gar nicht passieren“, so Prätzel.
 
Das Projekt war langfristig angelegt. Denn die Jugendlichen, die sich freiwillig gemeldet hatten, mussten für ihr eigenes Verständnis zunächst die historischen Hintergründe der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien ergründen. Parallel dazu verloren viele polnische Bürger ihre angestammte Heimat in Gebieten, die nach Beschluss der Alliierten an die Sowjetunion fielen, und siedelten sich rund um Glogau an. Diese Hintergründe und die hohe Sensibilität der Thematik zu verstehen, dazu sammelten die Schüler Informationen im Schlesischen Museum Görlitz und im Lausitz-Museum Zgorzelec und tauschten ihre Erfahrungen bei einem Besuch in Glogow mit ihren polnischen Altersgenossen aus.
 
Mit Unterstützung des Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanals wurden die Gespräche auch technisch dokumentiert. Aus den Zeitzeugenbefragungen wurden je zehn Einzelschicksale aus Deutschland und aus Polen ausgewählt. In Riesa wurden zweisprachige Tafeln gestaltet, in Glogau die Filme mit den Interviews bearbeitet und synchronisiert. Leider gibt es nur noch wenige Exponate, die das Thema illustrieren. Einige Zeitzeugen stellten ihre kostbaren Erinnerungsstücke - ein Schlitten, Koffer, Briefe, Dokumente - zur Verfügung. Die polnische Seite half mit vielen Fotos.
 
Neben dem Projekt an sich sowie dem Landespreis sieht Maritta Prätzel freilich noch einen „schönen Nebeneffekt“. „Die Jugendlichen haben sich zusammengefunden, sind Freunde geworden“, sagt sie. Dazu hätten die gemeinsamen Forschungen ebenso beigetragen wie zum Beispiel Bowling-Nachmittag odergemeinsame Wanderungen. Die Verständigung lief auf Deutsch oder Englisch. „Da sind Freundschaften entstanden“, freut sich die Museumschefin. Sie selbst ist im Nachhinein natürlich sehr froh, die Bewerbung überhaupt eingereicht zu haben. Das sei vor allem nach dem großen Erfolg der Ausstellung zu Jahresbeginn in Riesa geschehen. „Viele Leute haben uns damals daraufhin angesprochen“, erinnert sich Maritta Prätzel. In Glogau sei es nicht anders gewesen. Auch deshalb gibt es bereits die Idee, die Zusammenarbeit mit einem neuen Projekt fortzusetzen. Eventuell sollen junge Leute darin die Entwicklung Riesas und Glogaus in den letzten 20 Jahren dokumentieren, so Maritta Prätzel.
 
Ausgezeichnet wurden in Dresden insgesamt drei Schülerprojekte, der Preis ist mit 500 Euro dotiert und geht natürlich zur Hälfte ins Polnische. Der Riesaer Anteil fließt höchstwahrscheinlich in die Bürgerstiftung des Stadtmuseums. Eine Entscheidung dazu muss allerdings noch die entsprechenden Gremien passieren.
Der mit 3000 Euro dotierte erste Platz ging übrigens an eine Arbeit über erzgebirgische Weihnachtspyramiden. Insgesamt wurden bei dem zum vierten Mal ausgerichteten Wettbewerb 133 Arbeiten eingereicht. Die Teilnehmer waren zwischen 7 und 90 Jahren alt gewesen.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Ausgabe Riesa, am 1. November 2011)

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