Mehr Kontrollen in den Tanzschuppen
Jugendamt und Polizei kontrollieren regelmäßig – und Diskotheken führen ein straffes Regiment. Reicht dies aus, um Verstöße zu verhindern?

Von Thomas Riemer



In dem kleinen Restaurant am Riesaer Stadtrand sind Nadine, Laura und Sofie so etwas wie Stammgäste. „Die kommen fast immer freitags zu uns“, sagt der Inhaber, der nicht genannt werden will. Bei einer Diskoveranstaltung hat er die 14-Jährigen vor etwa einem Jahr mal kennengelernt. Seitdem kommt das Trio aus Großenhain regelmäßig. „Manchmal sind die schon nicht mehr nüchtern“, sagt der Gastwirt. Alkohol bekämen die Mädchen in seiner Gaststätte aber nie, beteuert er dann. Wohl auch deshalb bleiben sie nicht lang, verabschieden sich meist schnell in Richtung Disko.

 
Disko – dafür steht in Riesa seit ein paar Wochen unter anderem der Begriff R1. Dort herrschen nach Auskunft von Betreiber Nikos Tsoulfas offenbar strenge Sitten sowohl beim Einlass als auch an der Bar. „Wir lassen niemanden rein, der unter 16 ist“, sagt Tsoulfas. Im Zweifelsfall gebe es Ausweiskontrollen am Eingang. Hinein dürfen jüngere Leute nur, wenn ein Elternteil dabei ist oder eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten vorliegt. Dies werde bei der Security am Einlass registriert.

 
Nikos Tsoulfas bestätigt allerdings, dass vor allem junge Mädchen immer wieder versuchen, trotz ihres Alters das Sicherheitspersonal am Einlass, besonders aber die Ausschankmitarbeiter an den Bars, zu überlisten. „Unsere Leute sind da sehr pfiffig“, sagt er kurz und knapp. Zwar müssten die Kontrolleure manchmal „ganz schön aufpassen“, wenn Mädels älter aussehen als sie sind. Aber letztlich merke man zumeist schon an der Unsicherheit bei der Getränkebestellung, dass etwas faul ist.

 
Was im R1 offenbar gang und gäbe ist, trifft jedoch nicht auf alle Disko-Betreiber im Landkreis zu. Jüngstes Beispiel: Bei einer Kontrolle im November in einer nicht näher bezeichneten Diskothek des Landkreises wurden Kreisjugendamt und Polizeidirektion fündig. Denn diese „Razzia“ fiel besorgniserregend aus. Allein 19 Verstöße wegen Nichteinhaltung der Altersgrenze bzw. Alkoholausschank an Jugendliche unter 16 Jahre wurden festgestellt. Der höchste dabei gemessene Alkoholwert lag bei 1,14 Promille. Die „Dunkelziffer“ dürfte noch in weit höheren Bereichen liegen, vermuten Kenner der Szene. Der „Sündenbock“ ist in solchen Fällen stets der gleiche – nämlich der Veranstalter. Ihm droht ein Bußgeld, weil junge Leute unter 16 bei öffentlichen Tanzveranstaltungen nichts zu suchen haben. Und selbst nach Mitternacht dürfen 16- und 17-Jährige nur in Begleitung von Eltern oder einer „erziehungsberechtigten Person“ dabei sein.

 
Statistiken über Verstöße führen nach eigenen Angaben weder das Kreisjugendamt noch die Polizei. „Wir registrieren derartige Dinge nicht“, sagt Wolfgang Kießling, Sprecher der Polizeidirektion Oberes Elbtal-Osterzgebirge. Solange etwaige Vorkommnisse in den Bereich von Ordnungswidrigkeiten fallen, sei das Landratsamt – in diesem Falle Meißen – der Ansprechpartner. Jugendschutz-Kontrollen wie die jüngste im November seien ebenfalls nicht in erster Linie Polizei-Sache. „Wir sind dort lediglich zur Unterstützung“, so Kießling.

 
„Kontrollen werden mehrmals im Jahr im gesamten Landkreis mit Beamten der Polizei durchgeführt“, sagt Thomas Bätz, stellvertretender Amtsleiter im Kreisjugendamt. Dafür gebe es einen Einsatzplan. Parallel gebe es Kontrollen ausschließlich durch Mitarbeiter des Amtes. Wichtig sei, dass die Kontrolle „konsequent und über die gesamte Zeit, zum Beispiel Einlasskontrolle bei der Diskothek, durchgeführt wird“, so Bätz. Kontrolliert werde überdies überall, wo es um Einhaltung des Jugendschutzes geht. Also auch in Spielhallen, an Tankstellen, in Kinos.

Dennoch: Die Praxis zeigt, dass Alkohol trotz aller Jugendschutzbestimmungen bei vielen Mädchen und Jungen zum Alltag gehören. „Die ersten Berührungspunkte mit Alkohol erleben Jugendliche in der Regel bei Familienfeiern und Feiern mit Freunden“, glaubt Thomas Bätz. Häufig gebe es eine sogenannte Gruppendynamik sowie den „Kick, den Rauschzustand erleben zu wollen“. Befragte Jugendliche „sehen Alkoholkonsum auch als Alternative zur Langeweile – ebenso wie das Rauchen. Alkohol macht locker und vermittelt Freunde“, so Bätz.

Dass flächendeckend dagegen wenig ausgerichtet werden kann, ist wohl allen Beteiligten klar. Für Thomas Bätz ist es daher enorm wichtig, das Gespräch mit den Familien zu suchen und Hilfsangebote aufzuzeigen.

Nadine, Laura und Sofie werden wohl trotzdem auch künftig nichts unversucht lassen, mit ihren 14 Jahren zur Disko zu gelangen und vorher irgendwo zu „tanken“. Immer in der Hoffnung, dass niemand nach dem Ausweis fragt. „Hauptsache, es gibt genügend Spaß“, sagt Sofie vielsagend.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 17. Dezember 2011)

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