Retter bergen verletzten Elektriker vom Dach

Beim Rettertreffen im Riesapark zeigten am Sonnabend Feuerwehr und DRK das Zusammenwirken ihrer Kräfte im Ernstfall. Außerdem stellten sich Technisches Hilfswerk und die Polizei den Besuchern vor. Auch Blutspenden war möglich.

Von Thomas Riemer
Gebannt richten sich die Blicke auf das Dach des Schuh-Centers im Riesapark. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht: Dort liegt ein Verletzter. Ein Elektriker sei bei Routine-Arbeiten verletzt worden, Hilfe schon unterwegs. Die kommt in Windeseile. Ein Rettungsfahrzeug des Deutschen Roten Kreuzes fährt vor – doch auf das Dach gelangen die Helfer zunächst nicht. Erleichterung dann, als die Feuerwehr mit lauten Tatütata und zwei Fahrzeugen kommt und die große Drehleiter ausfährt. „Ein Elektro-Unfall ist nicht ganz ohne“, erklärt Reiko Pöschl, Rettungsdienstleiter beim Riesaer DRK, übers Mikrofon und beobachtet mit geübtem Blick das Zusammenwirken von DRK und Feuerwehr. An der Leiter befestigt, schwebt eine Trage mit dem Unglücksraben zu Boden. Nach rund 22 Minuten ist der Einsatz beendet. Der Elektriker wird im Rettungsauto versorgt und ins Krankenhaus gebracht, die Feuerwehr räumt auf.
„Gaffer sind heute ausnahmsweise ausdrücklich erwünscht“, erklärt Moderator Wieland Wagner den teilweise verdutzen Besuchern. Denn: Diesmal handelt es sich um eine Übung. Beim so genannten Rettertreffen im Riesapark soll das Zusammenwirken verschiedener Einsatzkräfte vorgestellt werden. Und die Besucher sind an diesem Sonnabendvormittag zunächst auch recht zahlreich gekommen. Sie werden nicht enttäuscht. Denn die Mitarbeiter der Polizeidirektion Oberes Elbtal – Osterzgebirge, vom Technischen Hilfswerk, der Riesaer Feuerwehr und des Deutschen Roten Kreuzes haben allerlei Sehens-, Lernens- und Hörenswertes aus ihrer Arbeit aufgefahren. Der Knopf fürs Auslösen des Martinshorns beim THW zum Beispiel gehört zu den beliebtesten bei den jüngsten Gästen. Das Hilfswerk ist mit mehreren Autos und Mitarbeitern – einem gesamten Technischen Zug - zum Treffen in den Riesaer Einkaufstempel gekommen und gewährt bereitwillig einen Blick in Innere. Absoluter Anziehungspunkt ist „Elbe II“, ein Rettungsboot für den Einsatz zu Wasser, wie es beispielsweise bei den Hochwassern 2002 und 2006 gefragt war.
Ähnlich das Bild gleich nebenan bei den Feuerwehrleuten. Während sich die Männer nach der Einsatzübung bei Erbsensuppe und Bockwurst erst einmal stärken, klettern Kinder und vorwiegend ihre Väter auf den ausgestellten Fahrzeugen herum, begutachten jedes Detail, das ihnen bei Bedarf auch liebevoll noch einmal erklärt wird. „Normalerweise geht alles im Ernstfall noch etwas schneller“, blickt der Riesaer Stadtwehrleiter Egbert Rohloff auf die Übung zurück. Aber man wollte den neugierigen Gästen vor allem auch einmal die einzelnen Abläufe von der Alarmierung durch die Rettungsleitstelle bis zur Bergung zeigen. Im Ernstfall gelten strengere Prämissen und Zeitfenster. Rund 17 Minuten – so die Vorgaben – soll es maximal von der Brandersterkennung bis zur Rettung dauern. 13 Minuten haben die Feuerwehrleute Zeit vom Ausrücken bis zum Einsatzort innerhalb der Stadt – so die Richtzeit. „Das ist nicht in jedem Fall realistisch“ sagt Egbert Rohloff. Aber zumeist werde die Vorgabe erfüllt.
Sämtliche Rettungseinsätze werden in Riesa von hauptamtlich beschäftigten Feuerwehrleuten gefahren. Gegenüber den sechs ehrenamtlich besetzten Stadtteilwehren haben sie zwei entscheidende Vorteile. Einerseits verfügen sie im Depot über die nötige Rettungstechnik und Ausrüstung. Und: Die Einsatzbereitschaft ist jederzeit gewährleistet. In den ehrenamtlichen Wehren könne dies gar nicht vorausgesetzt werden, da viele Mitglieder in der Woche außerhalb arbeiten, so Egbert Rohloff. Und Nachwuchs ist sowieso knapp. „Wir haben kaum Zulauf“, so Rohloff nachdenklich. Das Ehrenamt sei nicht gefragt, und bei jungen Leuten „zieht ein Computer mehr“. Erschwerend für die Gewährleistung der Einsatzstärke bei der Stadtfeuerwehr komme die Aussetzung der Wehrpflicht und des Zivildienstes hinzu. Dadurch konnten bislang mehrere Männer vertraglich an die Wehr gebunden werden. „Diese Kräfte fehlen künftig“, mutmaßt Egbert Rohloff.
Beim DRK Riesa spielt dieses Problem zum Glück keine Rolle. „Wir haben nur hauptamtliches Personal im Rettungswesen“, sagt Rettungsdienstleiter Reiko Pöschl. Auch er ist dem Ablauf der Einsatzübung zufrieden. „22 Minuten für solch eine Übung ist eine realistische Zeit“, sagt Pöschl. Man dürfe schließlich nicht unterschlagen, dass der „Verletzte“ bereits lange vor dem Abtransport medizinisch einwandfrei versorgt wurde. Und im Ernstfall gehe alles erfahrungsgemäß sowieso noch ein bisschen flotter. Dass die Rot-Kreuzler ebenfalls aufs Modernste bestückt sind, zeigen sie unter anderem mit dem aufgebauten Katastrophen-Zelt. Außerdem haben sie eine kleine Malstraße und jede Menge Tipps für die Besucher mitgebracht inklusive kleinem Erste-Hilfe-Kurs für die Kids.
Im noch etwas ungewohnten Blau stellte sich nicht zuletzt die Polizeidirektion im Riesapark vor. Dass sich für das mitgebrachte Geschwindigkeitsmessgerät vorwiegend die Männer interessieren, sei Zufall, flachsen die Polizisten. Die etwas Jüngeren dagegen probieren gern mal den Umgang mit stichschutzsicherer Einsatzweste, dem „gläsernen“ Schutzschild oder dem Winkel-Schlagstock aus und staunen, was so ein Polizist im Ernstfall so alles bei sich hat und schleppen muss. Prävention, richtiges Verhalten im Straßenverkehr, Urlaubstipps für Auslandsreisen sind weitere Themen der Beamten an diesem Tag.
Nach drei Stunden wird es ruhiger im Riesapark – die Kundschaft zieht es zu Tisch. Die Retter packen zusammen. Bis auf die Kollegen beim DRK-Blutspendedienst, die im Gebäude ausharren. Aus gutem Grund, denn der Andrang von Spendenwilligen richtet sich nicht nach der Zeit. „Wir haben mehr als 40 Spender hier, davon sieben Erstspender“, sagt Regina Bohn, die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim DRK Blutspendedienst Sachsen. Das sei für einen Samstags-Termin bei solch schönem Wetter eine ordentliche Zahl. Genug Spender wird es sowieso nie geben, schon gar nicht in der Urlaubszeit. „Aber Unfälle richten sich nicht nach dem Urlaub“, sagt Regina Bohn. Und sie wiederholt indirekt den Appell, den es immer und überall zu hören gibt: „Kommen Sie spenden, retten Sie Leben.“

(erschienen - auszugsweise - in der Sächsischen Zeitung Riesa am 18. Juli 2011)

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