Rettungsschule nicht zu retten?

Ist die Landesrettungsschule noch zu retten?
Die letzten Prüfungen sollen im März 2012 in Riesa abgelegt werden. Doch Schüler und  Personal sind enttäuscht über das Vorgehen der Schulleitung und des Trägers.
 
Von Thomas Riemer
 
Katerstimmung herrscht derzeit in der Landesrettungsschule in Riesa. Die verbliebenen rund 40 Schüler haben mehr oder weniger durch Zufall Anfang des Monats erfahren, dass sie die letzten ihrer Zunft in der Elbestadt sind. Und zwar aus der Presse, die über den Umzug nach Dresden und das endgültige Aus der Einrichtung in Riesa berichtete. „Der Schulleiter hat die schon feststehenden nächsten Kurse nach uns abgesagt“, so Marcus Fischeisen empört. Er gehört dem jetzigen Vollkzeitkurs zum Rettungsassistenten in Riesa an und ist wie auch seine Mitstreiter enttäuscht und richtig sauer über das Prozedere. Sein Vorwurf: Schulleiter Ralf Loges „steht nicht hinter seiner Schule und hat das Ding an die Wand gesetzt“.
 
Fischeisen zählt auf, was aus seiner Sicht in den letzten Monaten schief gelaufen ist. Ralf Loges habe sämtliche Proteste und Widerstände gegen die Schließung versucht im Keim zu ersticken und niemanden mit dem Thema an sich heran gelassen. Es seien Gründe für das aus formuliert worden, die es nicht gab. Zum Beispiel hätte das Haus in der Riesaer Kurt-Schlosser-Straße nach Meinung des Schulleiters angeblich nicht den Brandschutzvorschriften entsprochen. „Das ist erstunken und erlogen“, so Fischeisen. In Wahrheit habe Loges „auf die Schließung gezielt hingearbeitet“, so Fischeisen, Mängel am jetzigen Gebäude seien als Begründung vorgeschoben worden. Auf Kritik stößt bei den Schülern außerdem die Informationspolitik. Ralf Loges habe es immer als seinen „Erfolg“ verkündet, dass die Schließung über Jahre hinweg verschoben wurde. Jetzt indes sei nicht einmal die Belegschaft über die Schließung informiert worden. Und der Schulleiter selbst sei höchstens ein Mal pro Woche in Riesa.
 
Auch er selbst habe Angst, so Rettungsschüler Fischeisen. Zwar soll sein Vollzeitkurs nach jetziger Erkenntnis im März des kommenden Jahres mit den Prüfungen in Riesa enden. „Aber was passiert, wenn jemand die Prüfung nicht besteht und zur Nachprüfung muss? Wo darf er die dann ablegen?“ fragt sich der Schüler besorgt.
 
Betriebsrat Steffen Hausch, selbst Lehrer an der Schule, spricht gar von einer „ganz bösen Nummer“, die da abläuft. Denn die Beschäftigten – zwei Festangestellte und rund 25 externe Lehrkräfte – wüssten von den Plänen so gut wie nichts und erfahren das Meiste nur „durch die Blume“. „Im Sinne eines Personalgespräches ist bislang mit niemandem gesprochen worden“, so Hausch. Das sorge natürlich für enorme Spannung und Verunsicherung innerhalb der Schule. Auf Unverständnis stößt bei ihm zudem die Tatsache, dass beim DRK-Bildungswerk in Dresden jene Klassen eingerichtet werden, die eigentlich in die Landesrettungsschule nach Riesa kommen sollten. Warum konnte deren Ausbildung nicht in Riesa begonnen und dann in Dresden unter der Fahne der Landesrettungsschule fortgesetzt werden? frage er sich. Die baulichen Mängel für die Schließung halte er für „vorgeschoben“. Schließlich sei das Objekt auf dem Immobilienmarkt gerade für einen Kaufpreis von 235000 Euro angeboten worden. Da könne es ja so schlecht nicht sein! „Wir verstehen den ganzen Umzug nicht“, so Hausch auch angesichts der Tatsache, dass der Einzugsbereich der Schüler insbesondere Nordsachsen und das Brandenburgische erfasst.
 
Juristisch gesehen ist die Landesrettungsschule Sachsen eine gemeinnützige GmbH. Gemeinsame Träger sind die Landesverbände des Arbeiter-Samariter-Bundes, der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft sowie des Deutschen Roten Kreuzes. Ralf Loges ist mit der Geschäftsführung betraut, allerdings tatsächlich in Riesa nur schwer erreichbar, wie auch die Kollegen in der Elbestadt bestätigen. Dafür allerdings beim DRK-Bildungswerk in der Landeshauptstadt. „Das Gebäude wird definitiv aufgegeben“, so Loges auf SZ-Anfrage gestern zur Riesaer Zukunft. Die Schüler würden bis Ende März zu Ende geschult, „danach erfolgt die endgültige Standortverlegung“. Wo dann eventuelle Nachprüfungen stattfinden, müsse geklärt werden. Die Lehrerschaft soll prinzipiell übernommen werden. „das ist so angedacht“. Für das technische Personal gelte das jedoch eher nicht.
 
Ralf Loges wehrt sich im gleichen Atemzug gegen die Vorwürfe, dass in Riesa niemand Bescheid gewusst habe. Das Gebäude sei in einem Zustand, „in den die Träger nicht mehr investieren wollen. Der Standortwechsel war eigentlich schon im Sommer geplant“, sagt er. Er sei dann in Abstimmung mit der Sächsischen Bildungsagentur nochmals verschoben worden. Deren Sprecherin Katrin Reis bestätigte am Freitag, dass ein Antrag auf Standortwechsel nach Dresden in der Behörde vorliege und „derzeit geprüft wird“.
 
Marcus Fischeisen spricht von einem „Trauerspiel“, das hier mit Schülern wie Personal stattfindet. Selbst die öffentlichen Proteste im Mai seien unter den Tisch gekehrt worden. Enttäuscht ist er auch von der Landespolitik. Von der habe er sich eigentlich Unterstützung beim Erhalt des Standortes Riesa erhofft. Stattdessen hatte der CDU-Landtagsabgeordnete Geert Mackenroth schon im Frühjahr klar gemacht, dass ihm der Wegzug aus seinem Wahlkreis zwar leid tue, er aber wegen der baulichen Gegebenheiten keine Alternative sehe. Riesas Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer wiederum hat seit Wochen nichts mehr zu diesem Thema gehört und zeigt sich ratlos. Die Stadt selbst habe keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt, das sei Sache des Trägers. Aber natürlich sei sie alles andere als erfreut.
 
Steffen Hausch gibt sich dennoch kämpferisch, „dass sich das Blatt noch wendet“. Er ist von Anfang an – seit nunmehr 21 Jahren – in Riesa dabei und kann sich nicht vorstellen, dass das alles so zu Ende gehen soll. Denn der Standort sei bundesweit anerkannt, für die Schüler gut per Bus und Bahn erreichbar. Und die Stadt selbst habe auch ohne Theater und ähnliches ihre Vorzüge für die jungen Leute.

(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 17. September 2011)

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