Riesaer Stadtfest 2011

Familienfest vom Feinsten

Riesa feierte sich und seine Bürger mit einem zünftigen dreitägigen Spektakel. Vor allem die Angebote für die ganze Familie fanden trotz großer Hitze am Samstag viele Freunde und viel Anerkennung.

Von Thomas Riemer

„Wir lieben die Wärme“, sagt Daniel Kühne. Der Öffentlichkeits-Experte der Riesaer Stadtwerke tippt an die orangefarbene Wand des Sonnenzeltes, das wegen seiner Farbe die Hitze und die Fliegen geradezu magisch anzieht. Doch das ist den Stadtwerkern auf der großen Wiese im Riesaer Stadtpark ziemlich wurscht. Denn bei ihrer Volltreffer-Erlebniswelt geht es nun einmal um Energie. „Cool bleiben“ heißt es trotz 30 Grad im Schatten. Wie bei einer Olympiade üblich geht es hier um Punkte, Treffer, Präzision – und Preise. Die Ideen für die einzelnen Disziplinen haben die Stadtwerke zumeist selbst kreiert und muten zum Teil ziemlich abenteuerlich an. Beim „Stoßlüfter“ zum Beispiel mühen sich die Teilnehmer, eine Frisbeescheibe durchs halb oder komplett geöffnete Fenster zu werfen. Je schwieriger, desto mehr Punkte – vorausgesetzt, der Werfer hat vorher auch die Heizung unterm Fenster abgedreht. Ein paar Meter nebenan müht sich Sandra beim „Einheizer“, auf dem stationären Fahrrad so viel Energie zu erzeugen, dass die Tischtennisbälle aus der Wurfmaschine getrieben werden. Doch die kleinen runden Dinger müssen dann auch noch per Lenkbewegung in große und kleinere Löcher gezielt werden. Sandra beweist sich als Meister – holt 17 von 60 möglichen Punkten. „Frauen können eben mehr als zwei Dinge gleichzeitig“, sagt sie lachend und zieht zur nächsten Station. Acht davon gibt es, 460 Zähler sind maximal möglich. 

Auch die „Volltreffer-Olympiade für Zwerge“ ist eine Stadtwerke-Idee. Mit ins Boot hat sich der Energie-Riese sämtliche Kindereinrichtungen und Horte der Stadt geholt. Deren rund 50 Helferinnen haben ebenso liebevolle wie auch pädagogisch wertvolle Energiespielchen für die Jüngsten vorbereitet. Und die sind mit den Eltern mit Feuereifer bei der Sache. Lediglich in den heißesten Mittagsstunden des Samstags ist es ruhiger auf der Wiese. „Zwischen 10 und 13 Uhr war wenig Betrieb“, sagt Daniel Kühne. Zufrieden blickt er in die Runde, tippt an die orangefarbene Wand und stärkt sich mit weich gewordener Schokolade und eiskaltem Sprudel.Heiß her und auch ziemlich Schweiß treibend geht es ein paar Meter weiter „oben“ auf dem Rathausplatz zu. Wer ihn über die Freitreppe aus dem Stadtpark erreicht hat, besorgt sich erstmal ein kühles Getränk – und ist dann schon voll im Trubel. Im Halbstundentakt lösen sich Riesaer Kultur- und Sportvereine auf der Bühne ab, um Proben ihres Könnens zu bieten. Posaunenchor und Singgemeinschaft wirken angesichts der Nachmittagsglut beruhigend für die Seelen. Wer’s indes etwas temperamentvoller mag, ist hier ebenfalls richtig. Die Cheerleader, Showtänzer und Aerobic-Mädels wirbeln schwungvoll zu heißen Rhythmen über die Bühnenbretter. Das Publikum schwingt, klatscht und jubelt mit – meist sind es Angehörige, Eltern, Großeltern oder Geschwister der Darsteller. Aber die Stühle und Bänke vor der Bühne sind gut gefüllt. Beifall gibt’s für aktuelle Modetrends, die die jungen Damen vom „Tanzstudio live“ präsentieren.

Neugier kommt auf, als Moderator Wieland Wagner den „Riesaer Riesen“ ankündigt. Das Stadtmaskottchen alias Gunter Spies hatte im Vorfeld über die Sächsische Zeitung die Bewohner aller 16 Stadtteile aufgerufen, ihm Erde zu bringen. Die wolle er in seinem Stiefel vermischen und dann als Zeichen der Riesaer Gemeinschaft im Riesenhügel deponieren. Die Resonanz überrascht den Riesen dann doch. Bewohner aus Weida haben Erde mitgebracht, die Poppitzer füllten gleich einen ganzen Gummistiefel, ein Glas aus Oelsitz wird zur Bühne getragen, aus Mautitz und Leutewitz bringen Bewohner die braune Masse. Dass Schwarzroda nicht vertreten ist, grämt niemanden. Es sei schließlich der einzige Ortsteil ohne eigenes Schild, so Gunter Spies. Zum Glück hat er vorgesorgt und für den Fall der Fälle Erde aus allen Orten vorab besorgt. Für seine Zeremonie hat er sich kompetente Hilfe geholt. Eli Helm, künftige Neuntklässlerin vom Städtischen Gymnasium, hat sich extra für die Aktion ins warme Kleid einer Bauernfrau „versteckt“ und befüllt den Glasstiefel mit der Erde aller Stadtteile. Der Stiefel ist auch ein ganz besonderer. Er war schon bei der Taufe des Zunftbaumes auf dem Rathausplatz 2004 Hauptdarsteller und wandert nun in den Riesenhügel. Unter anderem als Symbol, dass „die Riesaer Erde künftig vor Hochwasser geschützt ist“, so Gunter Spies.

Während sich die Akteure auf der Rathausbühne die Klinke in die Hand geben, tummeln sich zahlreiche Besucher auf der teils schattigen Hauptstraße. Die Schlemmermeile bietet jede Menge an Gaumen und Zungenschmaus. Übrigens auch Heißgetränke! Vor allem natürlich Fischbrötchen, Bratwurst, Soljanka, Champignonpfanne, Schwein am Spieß, Knobibrot und Garnelen im Backteig. Letztere zum Preis wie vor 20 Jahren, versprechen die Fischer aus Wermsdorf, die in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum feiern. Etwas verloren wirken zwischen den Ess-Ständen einige Händler und Losbuden. Aber immerhin – die Betreiber sitzen weitgehend im Schatten. Beneidet werden sie dafür von den Trödlern auf dem Markt auf der Elbstraße. Ihre Kundschaft hält sich in Grenzen, nicht aber der Optimismus. „Da kommt ein Bus“, ruft Norbert beinahe euphorisch-hoffnungsvoll. Pustekuchen – es sind die Ex-Olympioniken, die am Wochenende gleichfalls in Riesa feiern und sich auf dem Weg zum Schiffsanleger befinden. Norbert nimmt’s wie seine Nachbarn gelassen. „Dann kriegen sie eben nix von mir“, lacht er spitzfindig. Immerhin haben die Trödler jede Menge Raritäten dabei. Von der NVA-Uniform über guterhaltene mechanische Schreibmaschinen, Amiga-Schallplatten bis hin zu Glas- und Keramikfiguren, die man natürlich „nur hier noch bekommt“. Dass der Umsatz überschaubar bleibt, stört Norbert wenig. „Es ist doch ein schönes Ambiente hier“, sagt er und zeigt auf den Vergnügungspark. Allerdings tummeln sich auch dort in der Nachmittagshitze zwischen Auto-Scooter, Free-fall-Tower und Kinderkarussell vermeintlich wenig Vergnügungssüchtige. Und die meisten zieht es auch hier zum Getränkestand. Der absolute Renner: Fassbrause! 

Als der Abend die Sonne langsam vertreibt, ist die Innenstadt gut gefüllt. Vor sämtlichen Bühnen wird lauten und auch seichteren Tönen gelauscht, geklönt, geschlemmt. „Rausschmeißer“ auf dem Rathausplatz ist schließlich die „Schlagermafia“. Die Akteure heizen dem Publikum im gut gefüllten rund ordentlich ein – getanzt und gelacht wird bis weit nach Mitternacht. Dass die absoluten Knaller fehlen, ist Nebensache. Es geht offenbar auch ohne Feuerwerk und Superstars.

(erschienen in nder Sächsischen Zeitung, Lokalausgabe Riesa und Großenhain, am 11. Juli 2011)

 

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