Ein Riesenfest in der Stadthalle
Mehrere hundert Gäste stürmen den Stern beim Neujahrsempfang „Riesa für alle. Alle für Riesa“. Selbst die Oberbürgermeisterin ist erstaunt von der Resonanz. Überraschungen gab’s dann auch bei der Riesenverleihung.
Von Thomas Riemer
 
„Hätten Sie das erwartet?“ Riesas Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer fragte am Sonnabend so gegen 17 Uhr ungläubig und gleichermaßen überwältigt vorsichtshalber nach. Denn was sie und ihre Mitstreiter bei der Premiere des Neujahrsempfangs in der Stadthalle erlebten, das war emotional wie vom Erlebnisfaktor her eher phänomenal. Die Gäste hatten das Motto „Riesa für alle. Alle für Riesa.“ wörtlich genommen. Wahrscheinlich ein paar tausend Riesaer stürmten den „Stern“, um sich von der Vielfalt ihrer Stadt ein Bild zu machen. Weit mehr als 50 Vereine, Einrichtungen, Institutionen nutzten die Gunst der Stunde, um sich zu präsentieren – sei es an den oft liebevoll gestalteten Ständen, auf den drei Bühnen oder halt irgendwie anders. Gezählt hat die Gäste niemand – auch nicht Peter Jorcke. Der Rollstuhlfahrer verteilte am Eingang fleißig Flyer mit dem Programmablauf und fühlte sich in seiner Rolle sichtlich wohl. „Das ist eine tolle Sache, ich freue mich“, sagte er.
 
Neujahrsempfang mit Riesenverleihung war die Veranstaltung überschrieben. Und Peter Jorcke, der sich 2011 als Cheforganisator der Special Olympics für Menschen mit geistiger Behinderung einen Namen gemacht hatte, gehörte nicht nur deshalb zum Favoritenkreis für den Riesen. Dass letztlich andere auf der Bühne standen, verwunderte angesichts der Präsentation im „Stern“ jedoch niemanden. Denn die Vielfalt, die Riesa nun einmal trotz mancher Unkenrufe zu bieten hat, ist gewaltig. Und machte wahrscheinlich die Entscheidung im Kuratorium zur Verleihung der Auszeichnung nicht leicht. Letztlich freuen sich jetzt das Nünchritzer Wacker-Chemiewerk, der Riesaer Schlossbrückenverein, der Box-Club Riesa sowie der Verein „Schlosskirche Jahnishausen“ über die Riesen.
 
Dass auch die ganz normalen Besucher des Empfangs daran teilhaben durften, freute die Riesaer besonders. So wundert es kaum, dass auch bei der Verleihung am Abend die Stühle im Saal bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Monika Domke war sogar extra aus Dresden angereist. Sie hatte aus der SZ davon erfahren und einfach neugierig geworden, „was es denn hier so gibt“. Vor allem suchte sie für Freunde touristische Möglichkeiten für den Sommer – und wurde beispielsweise am Stand der Stadtinformation fündig. Die Riesaer Sternenfreunde hatten sogar einen Gast aus Südafrika „aufgefahren“: Professor Barbara Cunow vom „Pretoria Centre of the Astronomical Society of Southern Africa”. Mit ihrem Team hatten die Riesaer Hobby-Astronomen die Mondfinsternis im vergangenen Jahr begleitet – und zwar fotografisch von Riesa und von Pretoria aus.
 
Christoph Dittrich wiederum, Intendant der Neuen Elbland Philharmonie, hatte bei seinem Rundgang den Anwärter für den „schönsten Stand“ schnell ausgemacht. Denn der „Sprungbrett e.V.“ war gleich mit einem riesigen Tipi angerückt und zog mit seinen Offerten vor allem viele kleine Interessenten in seinen Bann. Dittrich, der die Riesenverleihung sympathisch und mit viel Witz moderierte, hatte auch den treffenden Vergleich des Mottos des Tages parat. „Riesa für alle. Alle für Riesa.“ Er erinnere zwar an die Musketiere. „Aber das Florett blieb heute in der Tasche“, so Dittrich.
 
Auch Gerti Töpfer vermied es in ihrer Festansprache weitgehend, auf bestehende Konflikte und Probleme in ihrer Stadt einzugehen. „Was wir heute erlebt haben, hat alle Erwartungen übertroffen“, kommentierte sie den Tag. Bei ihrem Jahresrückblick auf 2011 reihte sie viele Ereignisse und Erlebnisse aneinander. Bemerkenswert diese Sätze: „Die Krise ist von der Riesaer Wirtschaft sehr gut gemeistert worden“, so ihr Resümee. Und, bezogen auf die Zukunft einer Einigung im Riesaer Fußball: „Die Zeichen stehen so gut wie seit 20 Jahren nicht.“ Das Ehrenamt in den Vereinen werde künftig eine der wesentlichen Bedingungen sein, „um unsere Stadt voranzubringen“. Gerti Töpfer: „Denn wenn wir uns nicht um die Menschen kümmern, werden es andere tun.“ – eine klare Ansage an den Versuch extremistischer Machenschaften, Vereine zu unterwandern und ihnen klammheimlich einen braunen Stempel aufzudrücken.
 
Die Riesen-Gewinner 2012:
Kulturriese für den Verein „Historische Schlosskirche Jahnishausen“
„Aufgeben kommt überhaupt nicht in Frage.“ Zum Glück entschieden sich vor mehr als 20 Jahren die Enthusiasten zum Erhalt und wiederaufbau des Kleinods in Jahnishausen für diese Variante. Denn das Gotteshaus stand eigentlich schon zu DDR-Zeiten zum Abriss, „aber nicht einmal dafür reichte das Geld – Gott sei dank“, bemerkte Laudatorin Heike Berthold. Inzwischen habe sich dank Arbeit, Sponsoren und Fördergeldern viel getan. Seit 2004 läutet die 325 Jahre alte Glocke wieder. Das Dach glänzt von weitem golden, hier wird wieder geheiratet, gibt es Gottesdienste und Konzerte. Trotzdem ist die Schlosskirche Jahnishausen noch immer eine Baustelle. Eine Heizung gibt es noch nicht, der Fußboden müsste erneuert werden. Der Verein will dranbleiben. „Wenn wir gewusst hätten, was auf uns zukommt, hätten wir es vielleicht gelassen“, so Roswitha Mildner vom Vereinsvorstand mit spitzfindigem Lächeln. Gemeinsam mit Dieter Krauße nahm sie den „Riesen“ in Empfang.
Wirtschaftsriese für das Wacker-Chemiewerk in Nünchritz
Das „Leuchtfeuer“ schlechthin – visuell wie im übertragenen Sinne – sei Wacker-Chemie in Nünchritz, so Laudator Peter Grau von der Tralo GmbH. Mehr als eine Milliarde Euro flossen in den vergangenen 15 Jahren in den Ausbau des Chemiegiganten an der Elbe. Arbeiteten 1998 noch rund 750 Menschen im Chemiewerk, so sind es heute weit über 1000. „Das Wirken von Wacker ist auch in Riesa in allen Bereichen spürbar“, so Peter Grau. In seinem Unternehmen beispielsweise, das unter anderem Auftragnehmer des Chemiewerkes ist, entstanden rund 30 neue Arbeitsplätze in den letzten Jahren. Nicht zuletzt spielt das Unternehmen eine Vorreiterrolle, wenn es ums Ringen für den ausbau der B 169 geht. Werkleiter Gerd Kunkel nahm „diesen Preis sehr gern entgegen“. Aber nicht für sich, sondern für alle Mitarbeiter, wie er betonte. Sein ausdrücklicher Dank ging an die Nachbarn des Chemiewerkes – für deren Geduld und Verständnis beim Werksausbau.
Sportriese für den Box-Club Riesa e.V.
„Genau in diesem Saal ging es früher oft hoch her“, so Laudatorin Gerti Töpfer mit Blick auf heiße Box-Events der Vergangenheit. Der heutige Riesaer Box-Club erhalte eine der ältesten Sporttraditionen in der Stadt mit vielen Erfolgen, auch wenn anders als beim großen Profigeschäft „kein Geld im Spiel“ ist. Boxen in Riesa habe viele Freunde – und einen ganz entscheidenden Mann an der Spitze: Istvan Kovacs. „Er ist Trainer und Macher zugleich“, so Gerti Töpfer. Seit fast 40 Jahren lebt und arbeitet der gebürtige Ungar in Riesa. Durchlebte Höhen und Tiefen des Kampfsportes in der Elbestadt. „Für viele seiner Jungs ist er wie ein Vater“, hieß es in der Laudatio. Und wenn er über seine Schützlinge spreche, „dann leuchten seine Augen“. Istvan Kovacs war überrascht wie gerührt, als er den Riesen mit artiger Verbeugung entgegen nahm. „Riesa ist meine zweite Heimat“, sagte er. Und da leuchteten die Augen schon wieder.
Der Riese fürs Ehrenamt an den Schlossbrückenverein
 Als 2004 die „Riesaer Brückengeschichten“ erschienen, war eine neue Schlossbrücke in Gröba noch „Vision und Hoffnung“, so Laudatorin Annelies Wendt, Gröbaer Ortschronistin. Dass im Sommer 2011 nun tatsächlich die „elegante Brücke am Elberadweg“ fertig wurde, grenzt daher an ein kleines Wunder. Als im Juli 2004 14 Leute den Brückenverein gründeten, seien sie belächelt worden, so Wendt. Sieben Jahre später, zur Einweihung, hatte der Verein 80 Mitglieder. Und weit mehr bewirkt. Die Bürgerarbeit im Ortsteil erfuhr viele neue Aspekte, so Annelies Wendt. Vereinschef Sven Wendisch wurde per Video eingeschaltet – er war der Mann, der – „immer mit mindestens fünf dicken Ordnern unterm Arm - ungeduldig auf den Bau drängte. Riesas früherer Baubürgermeister Günther Colve, der „Architekt“ im Hintergrund, empfing den Riesen fürs Ehrenamt, um ihn gleich an Wendischs Frau weiterzugeben.
 
(Sächsische Zeitung Riesa, 5. März 2012)

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